Karriere "ich (Bernd Lucke)"

Als AfD-Chef ist Bernd Lucke gescheitert. Bei seiner neuen Bewegung will er alles richtig machen. Doch die Realität sieht ganz anders aus.

Bernd Lucke (im Juli 2015 beim Parteitag der AfD)
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Bernd Lucke (im Juli 2015 beim Parteitag der AfD)


Die Abendsonne über Brüssel ist längst untergegangen, als der Mann mit dem jungenhaften Gesicht eine Mail verfasst, mit der er "die scheinbar so monolithische Merkel-CDU erschüttern" will. Er tippt sehr schnell, wie immer, und sitzt mit dem Rücken zum Fenster im sechsten Stock des Europäischen Parlaments. An der Wand hängen acht Familienfotos und ein Weberschiffchen, Symbol für biederen Bürgerfleiß. Der Text beginnt mit: "ich (Bernd Lucke)".

Der einsame Schreiber war mal ein mächtiger Mann. Er hat die AfD erfunden, stieg zu ihrem Anführer auf und führte die erfolgreichste Parteigründung seit den Grünen in fünf Landesparlamente. Dann jagte sein Parteivolk ihn davon - und seither müht sich Lucke, der Alternative für Deutschland eine Alternative entgegenzusetzen. Zunächst nannte er sie Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa). Doch weil ein Verband von Abtreibungsgegnern dasselbe Kürzel führte, musste er seine neue Partei umbenennen.

Bei den Wahlen im Saarland landeten die Liberal-Konservativen Reformer (LKR) hinter NPD, Familienpartei und Freien Wählern in der Kategorie "Sonstige". In Nordrhein-Westfalen können sie nicht antreten, weil sie nicht genügend Wahlkämpfer haben. Bei den Forsa-Sonntagsfragen gaben seit November nur zwei Menschen an, die LKR wählen zu wollen - von 29.153 Befragten. Wäre Lucke Unternehmer, würde man von einem Bankrott sprechen. Warum steuert er auf die nächste Pleite zu?

Seit der Wirtschaftsprofessor 2014 als AfD-Spitzenkandidat ins Europäische Parlament einzog, lebt er in Brüssel. Die Stadt findet er hässlich. Er wohnt im Vorort Woluwe-Saint-Pierre in einer Doppelhaushälfte mit einem kleinen Garten, der ihm keine Freude bereitet. Zu hart und lehmig sei der Boden, da könne man nicht richtig buddeln, sagt der Freizeitgärtner. Anbauen könne man nur, was den Schnecken nicht schmecke. Alles andere habe keine Chance. Er gräbt und sät trotzdem.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Partei. Bei seinen Reformern haben sich die Reste des Professoren-Flügels der AfD versammelt. Die neue Kraft ist gegen den Euro, verzichtet aber auf völkisches Geplärre.

Lucke braucht kein Parteiamt, um die rund 2000 Mitglieder so autoritär zu führen wie seine alte Truppe. Er hat seinen Vertrauten Christian Kott als Vorsitzenden installiert und lässt sich minutiös von Plänen und Fortschritten berichten. An manchen Tagen tauschen die beiden mehr als 15 Mails aus, oft bis spät in die Nacht. An anderen Tagen streicht Lucke Passagen aus dem Parteiprogramm, die er für falsch hält. Wenn sich Parteifreunde in den sozialen Medien streiten, schimpft er in Rundmails: "Schalten Sie das Scheiß-Facebook dauerhaft ab."

Von seinen früheren Anhängern glauben nur wenige, dass es zwischen CDU, FDP und AfD noch genug Platz für eine "Alternative für Anständige" gibt, wie sich die LKR selbst bezeichnet. Lucke dagegen ist überzeugt, mit einem Programm für "eine schlankere EU und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Kriminalität" ein breites Wählerspektrum "im bürgerlichen Bereich" ansprechen zu können. Sein Ideal ist der Experten-Politiker, der es schafft, wissenschaftlichen Rat in Wählerstimmen zu verwandeln.

Lucke mit Frauke Petry (im Juli 2015)
REUTERS

Lucke mit Frauke Petry (im Juli 2015)

Als AfD-Vorsitzender scheiterte Lucke, weil er den Rechts-Drift seiner Partei erst beförderte - und dann kein Mittel dagegen fand. Umso rigoroser geht er nun gegen Extremisten in seiner neuen Gefolgschaft vor. Wer bei der Partei mitmachen will, muss sich zur Nato und gegen Fremdenfeindlichkeit bekennen. Selbst dann darf er erst mal nur zur Probe Mitglied werden.

Die Parteilinie ist so konventionell, dass viele LKR-Mitgliedern sie inzwischen für zu lahm halten, vor allem in der Flüchtlingspolitik. Mitte März, beim Parteitag in Siegen, stellten die Kritiker ein Papier namens "Big Five" vor, der Sound der fünf Leitlinien so schrill wie bei der AfD: Deutschland befinde sich in einer "existenziellen Krise", man müsse sich gegen "Genderwahn", "Scharia" und "Migrationsfiasko" positionieren.

Lucke schoss die fünf Forderungen mit einer Mail an den Vorstand ab, sie seien nicht beschlussreif; die Partei folgte. Doch Lucke lässt sie spüren, dass sie seinen Ansprüchen nicht genügt. Er klagt, dass die Parteifreunde einen Vortrag im Saarland mit einem falschen Wochentag bewarben. Und er fragt sich, warum der örtliche Landesverband den Slogan "Links von uns die CDU, rechts von uns die AfD" unter sein Gesicht auf Plakate druckte - ohne das vorher mit ihm abzusprechen.

Lucke entfernt sich von seinen Anhängern. Und die sich von ihm. Im Herbst verlor die Partei ein Fünftel ihrer Mitglieder, nachdem sie bei der Wahl in Berlin hinter der Partei für Gesundheitsforschung und den Grauen Panthern ins Ziel gekommen war. Lucke sei "verbrannt", die LKR eine "Totgeburt", sagt einer, der bis vor Kurzem in einem Landesvorstand saß.

Kurz vor der Wahl im Saarland tritt Lucke in einem Hotel in Völklingen auf. Er federt auf den Zehenspitzen, wenn er seine Pointen abfeuert, und seine Schuhe quietschen leise auf dem Parkett. "GroKo" bedeute "großer Kokolores", kalauert er, Merkel habe versagt. Lucke spricht mit Headset über Lautsprecher, große Worte unterlegt mit großen Gesten für einen Raum, in dem sich 27 Zuhörer verlieren. Immerhin, sie nicken.

Manchmal denkt er darüber nach, mit der Politik aufzuhören und sich zurückzuziehen nach Winsen an der Luhe, wo sein Komposthaufen und die VWL-Professur im nahen Hamburg auf ihn warten. Doch Lucke glaubt an seine Chance, spätestens bei der Wahl 2021. Es drohe eine neue Eurokrise, raunt er, die hohen Zinsen würden die Währung auseinandertreiben. Er sehe schon "die Gewitterwolken am Horizont".



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Seite 1
Vex 27.04.2017
1.
Herr Lucke hat von Anfang an einen riesigen Fehler gemacht mit der Annahme es gäbe eine Wählergruppe rechts der CDU/CSU die nicht rechtsradikal ist. Es müsste ihm doch inzwischen völlig klar sein das der rein konservativ wirtschaftsliberale demokratische Teil der AfD nur ein sehr kleiner Bruchteil war und der große Rest sind eben primär opportunistische Nationalisten.
crazy_swayze 27.04.2017
2.
Zitat von VexHerr Lucke hat von Anfang an einen riesigen Fehler gemacht mit der Annahme es gäbe eine Wählergruppe rechts der CDU/CSU die nicht rechtsradikal ist. Es müsste ihm doch inzwischen völlig klar sein das der rein konservativ wirtschaftsliberale demokratische Teil der AfD nur ein sehr kleiner Bruchteil war und der große Rest sind eben primär opportunistische Nationalisten.
Diese Annahme ist kein Fehler. Dort ist ein Wählerreservoir, das unzufrieden mit Fr. Merkels Politik ist und sie dennoch (noch) wählt. Das sieht man vor allem an den Rufen nach einer bundesweiten CSU. Allerdings möchte dieses Klientel eben auch eine klare Abgrenzung zu den Rechtsradikalen (wie es eben die CSU formuliert) - etwas, das Herr Lucke bewusst vermieden hat, um über die 5% zu kommen. Was ihn also anfangs erst in die Parlamente gehievt hat, wurde ihm dann zum Verhängnis. Die Notwendigkeit einer Partei, die sich dem ganzen Flüchtlingsdrama/EU-Drama entgegensetzt, sehe ich jedoch dennoch. Dazu muss man nicht rechtsradikal sein sondern einfach nur rechnen können und ein bisschen konservativ sein.
Watschn 27.04.2017
3. Lucke wollte die AfD autokratisch u. ausschliesslich nach seinem Gusto formen...
...Aber das geht natürlich mit einer parlamentarisch, demokratisch gewachsenen deutschen Partei nicht. Als Alleinherrscher....Marke "Lücke Taygip Erdogan" , mit dieser neuen türk. Präsidialautokratie, ...würde dies schon konform gehen...
Havel Pavel 27.04.2017
4. Was will dieser Mann denn erreichen?
Eigentlich müsste Lucke doch so allmählich die Erleuchtung kommen, dass ihm als Politiker einfach das richtige Profil und die notwendige Abgebrühtheit und Dreisigkeit fehlen. Wenn er glaubt hier mit Intelligenz und Logik punkten zu können und so Wähler zu überzeugen so liegt er eindeutig falsch, wozu ja die Masse der gegenwärtigen Spitzenpolitiker den Beweis liefern. Um politisch erfolgreich zu sein, muss man ein Gespür dafür haben was die grosse Masse der Leute hören will und diese Parolen halt stur verfolgen, mögen sie aus wissenschaftlicher Sicht noch so widersinnig sein. Klar fält dies einem Wissenschaftler wohl schwer, dies ist wohl mit der Hauptgrund weshalb man in der Politik kaum Wissenschaftler, dafür aber umso mehr solche die ausserhalb des Politikzirkus versagt haben.
Vex 27.04.2017
5.
Zitat von crazy_swayzeDiese Annahme ist kein Fehler. Dort ist ein Wählerreservoir, das unzufrieden mit Fr. Merkels Politik ist und sie dennoch (noch) wählt. Das sieht man vor allem an den Rufen nach einer bundesweiten CSU. Allerdings möchte dieses Klientel eben auch eine klare Abgrenzung zu den Rechtsradikalen (wie es eben die CSU formuliert) - etwas, das Herr Lucke bewusst vermieden hat, um über die 5% zu kommen. Was ihn also anfangs erst in die Parlamente gehievt hat, wurde ihm dann zum Verhängnis. Die Notwendigkeit einer Partei, die sich dem ganzen Flüchtlingsdrama/EU-Drama entgegensetzt, sehe ich jedoch dennoch. Dazu muss man nicht rechtsradikal sein sondern einfach nur rechnen können und ein bisschen konservativ sein.
Ja nur der Großteil der AfD ist eben nicht rein konservativ beruhend auf christlichen Werten etc ... sondern eben nationalkonservativ wobei hier der Konservatismus nur als Feigenblatt dient denn es sind eigentlich reine Nationalisten die aber aus opportunistischen gründen eben den Konservatismus verwenden so wie es die Nazis den Sozialimus verwendet haben. Wir wissen alle das die Nazis keine Sozialisten waren obwohl sie es im Namen tragen das waren lupenreine Nationalisten genau wie der Großteil der AfD oder anderer Bewegungen LePen, Orban, Kaczynski ... Ich behaupte weiter es gibt keine bedeutende Wählergruppe die nicht Nationalisten sind rechts der CDU/CSU.
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