Bertelsmann-Umfrage Migranten in Deutschland von Demokratie enttäuscht

Demokratie ist ein wunderbares System, sagen die Menschen in Deutschland - aber viele finden, dass sie nicht optimal funktioniert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung - vor allem Zuwanderer sind demnach enttäuscht von der Staatsform, in der sie leben.


Gütersloh/Berlin - Von Winston Churchill stammt der Satz: "Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von allen anderen, die schon ausprobiert worden sind." Mit anderen Worten: Demokratie ist das Beste, was uns passieren kann.

Reichstag in Berlin: Wie gut funktioniert unsere Demokratie?
Corbis

Reichstag in Berlin: Wie gut funktioniert unsere Demokratie?

Den Ausspruch des britischen Staatsmanns können mehr als 60 Jahre später die meisten Menschen in Deutschland unterschreiben: 77 Prozent der Bürger der Bundesrepublik halten die Demokratie für die beste Staatsform.

Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag veröffentlichte repräsentative Studie der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. 11 Prozent dagegen glauben, dass es bessere Staatsformen gibt, 12 Prozent haben keine Meinung. Im Westen ist die Demokratie mit einer Zustimmung von 80 Prozent deutlich stärker akzeptiert als im Osten, dort liegt der Wert bei 64 Prozent.

Die Zahlen täuschen. Denn so groß die allgemeine Akzeptanz einer demokratischen Gesellschaft ist, so groß ist auch die Enttäuschung darüber, wie sie tatsächlich funktioniert. Theorie und Praxis, Wunsch und Wirklichkeit klaffen für viele offenbar weit auseinander. 45 Prozent der Menschen sind der Umfrage zufolge "eher unzufrieden" mit der Demokratie in Deutschland. Im Osten sind die Demokratieverdrossenen mit 58 Prozent sogar in der Mehrheit (siehe Grafiken).

Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass der Frust tatsächlich sogar noch größer ist. Denn die Forscher haben für die Studie bereits im November und Dezember vergangenen Jahres rund 2000 Menschen befragt, zu einer Zeit also, als das Ausmaß der Wirtschafts- und Finanzkrise noch gar nicht voll absehbar war.

Unzufriedene Zuwanderer

Besonders unzufrieden zeigten sich zum Zeitpunkt der Umfrage Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und Ausländer. Auffällig dabei: Die Enttäuschung nimmt zu, je länger die Zuwanderer hier leben. Von jenen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die ein Drittel ihres Lebens in Deutschland verbracht haben, äußern sich noch 76 Prozent "eher zufrieden" mit dem Zustand unserer Demokratie. Nach mehr als zwei Dritteln ihrer Lebensjahre in der Bundesrepublik ist nur noch weniger als die Hälfte dieser Meinung.

An der grundsätzlichen Akzeptanz der Demokratie kann es nicht liegen. Die ist auch unter den Migranten hoch: 70 Prozent halten sie für die beste Staatsform, von den Ausländern ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind es 72 Prozent. Vergleichswerte aus den Vorjahren gibt es laut Bertelsmann-Stiftung nicht.

Ein Indikator für Demokratiefrust ist auch der Bildungsgrad. Von den Umfrageteilnehmern unter 34 Jahren mit Hauptschulabschluss ist rund die Hälfte (53,2 Prozent) eher zufrieden mit der Demokratie in Deutschland. Bei Menschen dieser Altersgruppe mit Hochschulreife sind es hingegen 71 Prozent. Der Unterschied wird schon bei der Anerkennung der Demokratie als Regierungsform deutlich: Sie ist bei jungen Hauptschulabsolventen mit 70 Prozent deutlich geringer ausgeprägt als bei denen mit Hochschulreife (90 Prozent).

Bildung als Schlüssel zur Demokratie-Akzeptanz

"Alarmierend" nennt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung diese Zahlen. Teilhabe und Bildung seien offenkundig der Schlüssel für die Akzeptanz der Demokratie. "Es ist Aufgabe der Politik, allen hier lebenden Menschen gleiche Chancen auf gute Bildung zu bieten und ihnen demokratische Beteiligung zu ermöglichen", sagte Dräger.

Diese Möglichkeiten der Beteiligung sind in der deutschen Bevölkerung allerdings umstritten. So befürwortet der Studie zufolge zwar fast die Hälfte der Zuwanderer ein kommunales Ausländerwahlrecht für Nicht-EU-Ausländer, von den Einheimischen dagegen ist nicht einmal ein Drittel dafür. Ein ähnliches Bild gibt es bei der Frage nach Duldung der doppelten Staatsbürgerschaft. 53 Prozent der Zugewanderten halten dies für gut, aber nur 35 Prozent der Einheimischen.

22 Prozent sind laut Umfrage der Ansicht, dass in Deutschland ohnehin "zu viel" für die Integration von Ausländern getan wird, 32 dagegen finden, es könnte mehr getan werden. Die überwältigende Mehrheit fordert aber auch von den Ausländern selbst mehr Bereitschaft und Anstrengungen zur Eingliederung. Diese Einsicht gibt es aber auch bei den Betroffenen selbst: Mehr als zwei Drittel der Zugewanderten glauben, dass sie selbst mehr für ihre eigene Integration tun können.

phw/AP



Forum - Wie zufrieden sind Sie mit unserer Demokratie?
insgesamt 1519 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Reziprozität 06.05.2009
1.
Zitat von sysopDemokratie ist gut, sagen die Menschen in Deutschland - doch viele Bürger haben Zweifel, dass sie hierzulande wirklich funktioniert. Wie zufrieden sind Sie mit unserer Demokratie?
Diesen spezifisch deutschen Abklatsch "Demokratie" zu nennen, zeugt von einer gewissen Unverfrorenheit wie Faktenresistenz. Bei Deutschland handelt es sich vielmehr um eine Parteiendiktatur, die das ganze Land, jeden einzelnen Buerger fest in ihrem Wuergegriff haelt.
harm ritter 06.05.2009
2.
Nun mal langsam, Rezi. Der Begriff "Demokratur" ist ja bereits in aller Munde. Nein, ich finde die deutsche Demokratie eine der stabilsten der Welt. Hätte uns vielleicht niemand zugetraut, aber wir sind inzwischen echte Demokraten, mit einer guten Streitkultur und allem, was dazugehört.
Reziprozität 06.05.2009
3.
Zitat von harm ritterNun mal langsam, Rezi. Der Begriff "Demokratur" ist ja bereits in aller Munde. Nein, ich finde die deutsche Demokratie eine der stabilsten der Welt. Hätte uns vielleicht niemand zugetraut, aber wir sind inzwischen echte Demokraten, mit einer guten Streitkultur und allem, was dazugehört.
Die parlamentarische Demokratie ist zu einem Zerrbild ihrer selbst verkommen, wollen Sie das ernsthaft bestreiten? Stabilitaet erkennt man da nur, wenn man das betrachtete Zeitfenster klein haelt. Jaja, und im Ortsverein neulich, da war die Welt noch in Ordnung! ;-o
harm ritter 06.05.2009
4.
Nee, Rezi, so kann ich damit nichts anfangen. Einfach nur zu sagen, "alles ist scheiße", damit kann ich meine Wohnung tapezieren.
Muffin Man, 06.05.2009
5.
Zitat von harm ritterNee, Rezi, so kann ich damit nichts anfangen. Einfach nur zu sagen, "alles ist scheiße", damit kann ich meine Wohnung tapezieren.
Diesen Vorwurf einer pauschalen Resignation würde ich Reziprozität nun wirklich nicht aussprechen wollen; im Gegensatz zu uns deutschen Staatsbürgern lebt er doch in einer funktionierenden Demokratie! Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung kam nicht umhin, die Stimmungslage (http://www.fes.de/inhalt/Dokumente_2008/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf) der Bevölkerung im wiedervereinigten Deutschland beinahe so düster zu zeichnen, wie sie tatsächlich ist... Ich muß wohl noch zu Schule gegangen sein, als ich - damals noch Rundfunkhörer - erstmals das Stichwort Formaldemokratie als Bezeichnung dessen, was die traurige Realität der Mehrheits-Willensbildung zutreffend ausdrücken sollte, hörte; und das war also noch zu einer Zeit, als beispielsweise Helmut Kohl als Kanzler noch undenkbar schien... man muß sich das Wort einmal auf der Zunge zergehen lassen, und man bekommt einen Vorgeschmack dessen, was unseren Parlamentarismus charakterisiert!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.