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Besetztes Hotel in Faßberg: Bürger machen Front gegen Neonazi-Nachbarn

Aus Faßberg berichtet

Am Wochenende könnte die Situation eskalieren: Anwohner im niedersächsischen Faßberg wollen nicht länger hinnehmen, dass Rechtsradikale ein Hotel in ihrem Dorf besetzt haben. Täglich ziehen die Bürger vor das Landhaus Gerhus - und stellen sich den gewaltbereiten Neonazis gegenüber.

Reichsflaggen wehen vor dem ehemaligen Landhotel Gerhus, kahlgeschorene Männer führen einen großen Hund um das Gebäude, breitbeinig stehen zwei Bewacher an der Grundstücksgrenze. "Horst Wessel" steht auf dem T-Shirt von einem, der Name des früheren Sturmführers der SA, der den Text zur offiziellen NSDAP-Parteihymne schrieb. Sein Kamerad fotografiert mit seiner kleinen Digitalkamera die Demonstranten auf der anderen Straßenseite.

Dort stehen rund 60 Menschen und protestieren gegen die Neonazis in ihrem Dorf. Seit Sonntag kommen sie jeden Tag hierher, halten über Mittag eine Stunde Mahnwache, zeigen Transparente und Schilder, "Bunt statt braun", "Nazis raus". Vor zwei Wochen hat eine Gruppe Rechtsextremer im Auftrag von NPD-Vizechef Jürgen Rieger das alte Hotel in Beschlag genommen. Rieger beruft sich auf einen Pachtvertrag, den wiederum der Zwangsverwalter der Immobilie für ungültig hält und deswegen die Neonazis angezeigt hat. Die Polizei forderte er auf, das Gebäude zu räumen. Am Dienstag will das Landgericht in Lüneburg über den Eilantrag entscheiden.

Den einen der Bewacher, der den Demonstranten gegenübersteht, hellbraune Jacke mit Tarnmuster, kurze Hose, Sonnenbrille, den kennen sie. Es ist einer aus dem Dorf, sie nennen seinen Vornamen. Den mit "Horst Wessel"-T-Shirt und den tätowierten Armen kennen Polizei und Verfassungsschutz, es ist Dennis Bührig, Anführer der rechtsradikalen "Kameradschaft 73 Celle", die seit Jahren aktiv und über die Region hinaus von Bedeutung ist.

Nazis auf Streife, Polizei im Dauereinsatz

"Es ist unerträglich, dass so etwas geduldet wird", sagt Carl Kuhlmann, kräftige Schuhe, kurzes Hemd, und kneift die Augen zusammen. Er hat einen Heidschnucken-Hof ganz in der Nähe, ist Vorsteher des Ortsteils Niederohe. Der touristische Radwanderweg, auf dem er protestiert, führt direkt zu seinem Hof. "Aber wir stehen hier nicht nur, weil es um unsere Region geht", sagt er. Trotz Mittags- und Ferienzeit kommen täglich mehr, auch ein paar Jugendliche sind dabei, "ganz normale Anwohner", sagt Anna Jander. Sie hilft, den Protest gegen ihre neuen Nachbarn zu organisieren. "Tut was Gutes, bleibt stehen", wird zwei vorbeifahrenden Radfahrern zugerufen.

"Verheerend", findet auch Kirsten Lühmann, SPD-Kandidatin im Wahlkreis, die Situation. Ganz in der Nähe werden französische und spanische Soldaten in einer Kaserne ausgebildet. "Wenn die hier einen Spaziergang machen und das sehen, ist es oberpeinlich für uns." Ein Schullandheim liegt gleich gegenüber. Die Polizistin ist privat hier, ihr Ehemann, ebenfalls Polizist, ist im Einsatz.

Mehr als ein Dutzend Beamte haben sich postiert, passen auf, dass sich die Anwohner und Zugezogenen nicht zu nahe kommen. Sie sind jetzt rund um die Uhr hier. Bei Razzien in der rechten Celler Szene hat die Polizei in der Vergangenheit Schusswaffen gefunden. Man könne nicht ausschließen, dass die Besetzer bewaffnet seien, sagt der Einsatzleiter. So sollen bei einem nächtlichen Aufeinandertreffen von Mitgliedern der linken Szene und den Hausbesetzern schon Schüsse gefallen sein.

Zweifel an Riegers Pachtvertrag

Vor dem Hotel haben die Neonazis Transparente angebracht, "Wir sind gekommen, um zu bleiben" und "Die Presse lügt!" steht dort. Sie fühlen sich nicht als Hausbesetzer, sondern im Recht, treten entsprechend auf und zeigen sich von den Protesten unbeeindruckt. "Selbstverständlich laufen wir Patrouille", sagt Dennis Bührig, der im Namen von Jürgen Rieger das Hausrecht ausübt. Von Schüssen will der "Kameradschaftsführer" aber nichts wissen. Wie viele Bewacher sich in dem Haus aufhalten, will er nicht genau sagen, 20 bis 50 könnten es sein, meint er. Die Polizei geht von zehn bis zwölf aus, es seien aber nicht immer alle vor Ort. Als sich die Demonstration um 13 Uhr auflöst, fährt ein olivfarbener Bus der Neonazis mit Ratzeburger Kennzeichen von dem Gelände weg, an Bord sind auch Kleinkinder.

Sollte das Landgericht am Dienstagmorgen der Rechtsauffassung des Zwangsverwalters und seinem Eilantrag folgen und eine Räumung des Hotels anordnen, wollen die Neonazis passiven Widerstand leisten. Die Polizei müsste sie dann aus dem Haus tragen.

Dass es zur Räumung kommen wird, hoffen Demonstranten genau so wie Zwangsverwalter Jens Wilhelm. Der Hannoveraner Anwalt hält den Pachtvertrag für ungültig, weil er am Tag unterschrieben wurde, bevor ihn das Amtsgericht Celle mit der Verwaltung der Immobilie beauftragte. Er habe sogleich die Schlösser ausgetauscht, sechs Wochen lang sei daraufhin nichts passiert. Erst dann bekam er von Rieger ein zweiseitiges Fax geschickt, "Ich habe ihre Schlösser herausgebohrt", heißt es darin.

Eigentümer wollen höheren Kaufpreis

Damit habe Rieger aber zu lange gewartet. "Ich als Zwangsverwalter habe das Gebäude in ungenutztem Zustand übernommen, allein das zählt", sagt Wilhelm. Außerdem sei der Vertrag sittenwidrig, der festgeschriebene Mietzins mit 600 Euro im Monat viel zu gering.

Anfang nächsten Jahres könnte es zu einer Zwangsversteigerung kommen, wenn die Eigentümerin bis dahin nicht verkauft hat. Die Gemeinde hat einen Investor an der Hand, der aus dem Landhotel ein Pflegeheim machen will, 750.000 Euro bietet er. Der Eigentümerfamilie ist das zu wenig, Rieger hat ihnen mehr als eine Millionen Euro versprochen, weit mehr als der Marktwert.

Immer wieder sorgt Rieger in Kommunen mit Plänen für ein Tagungs- und Schulungszentrum für seine rechtsradikalen Gesinnungsfreunde für Aufregung. Meist scheitern die Projekte, weil die Gemeinden sich mit dem Baurecht gegen die geplante Nutzung der Immobilien wehren. Oder weil der Holocaust-Leugner am Ende doch nicht den Zuschlag erhält. So kaufte in Delmenhorst eine Initiative ein von Rieger favorisiertes Haus lieber selbst - zu einem weit überhöhten Preis.

Rieger muss sein Gesicht wahren

Landrat und Bürgermeister haben aber schon erklärt, für Rieger nicht draufzahlen zu wollen. "Wie auch?", fragt Hans-Werner Schlitte, Bürgermeister von Faßberg. "Die Gemeinde hat einfach kein Geld." Dass Rieger wieder einmal den Preis für eine eher schwer verkäufliche Immobilie in die Höhe treiben will, ist aber nur eine Option. So hält es der niedersächsische Verfassungsschutz für möglich, dass Rieger es diesmal ernst meint.

"Er gibt sich sicher zufrieden, den Kaufpreis nach oben zu treiben und davon zu profitieren", sagt der Präsident des Niedersächsischen Verfassungsschutzes, Günther Heiß. Rieger, der "fanatische Rassist", würde es aber sicherlich auch begrüßen, das Hotel längere Zeit in Beschlag zu nehmen und so in den Medien präsent zu sein. "Das ist schon ein Prestigeobjekt." Zwar sei es fraglich, ob Rieger das Hotel auch in den Wintermonaten angesichts hoher Heizkosten betreiben wolle, "aber ich halte das nicht für ausgeschlossen".

Das Landhotel Gerhus ist von fünf Bundesländern aus gut zu erreichen und liegt etwas außerhalb von Faßberg. Die rechtsextreme Szene in der Region ist gut vernetzt, und im nicht weit entfernten Eschede existiert ein Hof, auf dem Rechtsextreme regelmäßig Sonnenwendfeiern veranstalten. Auf ihrer Website wünscht die Kameradschaft 73 Celle den "ewiggestrigen Gutmenschen" schon einmal einen "langen Atem". Die Demonstranten haben angekündigt, so lange ihre Mahnwachen durchzuhalten, bis die Rechtsradikalen wieder abgezogen sind.

"Wir kennen deren Eltern"

Doch auch wenn die Rechtsradikalen das Haus räumen sollten - ganz verschwinden werden sie nicht aus Faßberg und Umgebung. Der Polizei sind etliche der Hausbewacher bekannt, sie kommen aus der Region. "Wir kennen deren Eltern", sagt Wilfried Manneke, Pastor in Unterlüß. Das seien Chancen, man müsse das Gespräch suchen, mit den Eltern und mit den Neonazis, sagt er und schaut zu den Radikalen auf der anderen Straßenseite hinüber.

Einige Jugendliche, die Manneke konfirmiert hat, traf er vergangenes Jahr bei solch einem Gespräch wieder. Sie waren in die rechte Szene abgerutscht und auf dem Weg, radikale Neonazis zu werden. Zusammen mit einem Jugendoffizier der Bundeswehr hat Manneke versucht, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen. Dass nun Neonazis wieder ein Schulungszentrum hier aufziehen könnten, beunruhigt ihn.

In den achtziger und neunziger Jahren trafen sich Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet regelmäßig im benachbarten Hetendorf zu Tagungen im "Heideheim" von Jürgen Rieger. Die später verbotene Wiking-Jugend feierte hier ihre jährlichen "Tage volkstreuer Jugend". Nach langen Bürgerprotesten schloss das niedersächsische Innenministerium den Schulungsort 1998, zwei rechtsradikale Vereine wurden in dem Zusammenhang verboten, Rieger aus der Lüneburger Heide vertrieben.

Nazi-Veranstaltung am Wochenende

Die Situation in Faßberg könnte sich am Wochenende zuspitzen, wenn linke Demonstranten aus Hamburg oder Hannover anreisen. Hinzu kommt: In Bad Nenndorf, 80 Kilometer entfernt, wollen Rechtsextremisten am Samstag einen "Trauermarsch" abhalten. Dort betrieben die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg im Wincklerbad ein Verhörlager. Seitdem ein BBC-Journalist aufgedeckt hat, dass Insassen zum Teil misshandelt wurden, versuchen die Rechtsextremen sich an einer "Verdrehung der Geschichte", wie es das Bündnis "Band Nenndorf ist bunt" ausdrückt.

Die schon damals umgehend geahndeten Vorfälle würden nun "heuchlerisch zu Propagandazwecken" missbraucht. Die Neonazis könnten nach ihrem "Gedenkmarsch", so die Befürchtung, ihrem neuen Domizil in Gerhus einen Besuch abstatten. Und dort auf die Gegendemonstranten treffen.

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Faßberg: Protest gegen Neonazis

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