Besuch in Rüsselsheim Kanzlerin verspricht Opel Hilfe - aber nicht mehr

Viel mehr als Mutmach-Parolen hatte Angela Merkel bei ihrem Opel-Besuch in Rüsselsheim nicht parat: Die Kanzlerin stellte staatliche Hilfe in Aussicht, lehnt eine Beteiligung des Bundes aber ab - und geht damit auf Konfrontationskurs zur SPD.

Aus Rüsselsheim berichtet


Rüsselsheim - Es rummst kräftig in Halle K48 des Opel-Werks. Schließlich ist es ja die Kanzlerin, die hier beeindruckt werden soll. "Hörst du den Donner?", singt der Opel-Kinderchor zum gruseligen Getöse aus den Lautsprechern.

Kanzlerin Merkel bei Opel: "Wir müssen einen Investor finden"
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Kanzlerin Merkel bei Opel: "Wir müssen einen Investor finden"

Dann wird der Himmel dunkel und die Sonne geht. Nur die Hoffnung bleibt. So jedenfalls beschwört es der Chor. Aber dann kommt der Retter, das Markenzeichen von Opel: "Der Blitz, der Blitz, der gibt euch Kraft, damit ihr Opels Wunder schafft."

Die Kinder recken die Arme empor, 3000 Opelaner in der Halle jubeln, johlen, applaudieren. Vielen stehen Tränen in den Augen, vor allem ganz hinten, da wo die einfache Belegschaft sitzt. Sie tragen gelbe Blitz-T-Shirts, "Wir sind Opel" steht darauf. Gänsehaut-Atmosphäre.

Sie hoffen hier auf Opels Wunder. Auf die Errettung aus dem zerbröselnden amerikanischen GM-Imperium. Und die Bundeskanzlerin soll der Blitz sein, der dieses Wunder schafft. "Angie, du wirst uns doch nicht hängen lassen?", heißt es auf einem Plakat.

3,3 Milliarden Euro braucht Opel kurzfristig, hat die Führung vor ein paar Wochen errechnet. Am liebsten hätte man eine "staatliche Einlage", so hat es gerade vor der Kanzlerin noch einmal Opels Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz gesagt. In Niedersachsen funktioniere das ja auch sehr gut, sagt er - und spielt damit auf die Beteiligung des Landes beim Konkurrenten Volkswagen Chart zeigen an.

Doch der Staat als Unternehmer, das ist nicht die Welt von Angela Merkel. "Wir müssen einen Investor finden", ruft sie den Leuten zu. Dafür werde es "staatliche Unterstützung" geben, "ich sage das ausdrücklich". Sie meint Bürgschaften. "Jeder, der eine Chance verdient, soll eine Chance bekommen." Und Opel hat sie beeindruckt, so viel ist klar an diesem Tag.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) macht in Rüsselsheim ebenfalls deutlich, dass er nicht viel von direkten Staatsbeteiligungen hält: "Wir kämpfen gemeinsam für ein Unternehmen". Doch Politiker sollten ehrlich sagen: "Nicht, indem wir unsere Träume verstaatlichen, sondern indem wir für unsere Träume einer freien Wirtschaftsordnung kämpfen."

Ein Seitenhieb auf Steinmeier

Merkel sagt, der Staat sei "noch nie der tollste Investor" gewesen, dafür könne er "Brücken bauen". Das sei ihr Ansatz, schiebt Merkel hinterher. Und sie glaube, dass diesen auch ihre Regierung verfolge.

Dies muss als Seitenhieb auf SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gewertet werden. Der hat ausgerechnet am Vortag von Merkels Rüsselsheim-Reise für eine direkte Beteiligung von Bund und Land an Opel geworben: "Die Rettung ist möglich, und sie ist politisch geboten", schreibt er in einem Konzeptpapier mit dem Titel "Gemeinsam für Opel".

Die SPD reagiert denn auch schnell auf Merkels Auftritt in Rüsselsheim: Die Vorstellungen der Kanzlerin würden nicht ausreichen, um Opel zu retten, heißt es am Dienstag aus der Parteispitze. Die Kanzlerin springe zu kurz, wenn sie aus "ideologischen Gründen" einen zeitlich befristeten Staatseinstieg bei dem Autobauer kategorisch ausschließe.

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Eine halbe Stunde vor Merkels Rede in Rüsselsheim steht Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel vor der Bühne. Er ist hier Steinmeiers Botschafter. "Ordnungspolitische Grundsatzdebatten" würden am Ende des Tages nicht weiterhelfen, sagt er. Und mokiert sich über Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der zuletzt keine festen Terminzusagen bezüglich einer Opel-Entscheidung machen wollte. Irgendwann müsse man sich eben mal entscheiden, "will man helfen oder nicht", sagt Schäfer-Gümbel. Man dürfe "nicht immer nur Fragen" stellen, der Wirtschaftsminister sei schließlich "kein Analyseinstitut".

Steinmeier jedenfalls gibt in Sachen Aktivismus den Schröder. Das kann einen bitteren Beigeschmack haben. Hatte sich doch der Ex-Kanzler einst von den Mitarbeitern des angeschlagenen Baukonzerns Holzmann für seine schnelle Rettungsaktion (Bürgschaften, Kredite) feiern lassen, einige Jahre später musste das Unternehmen trotzdem Insolvenz anmelden.

Holzmann, diese Chiffre nutzt Merkel bei Opel, um sich von den Sozialdemokraten abzusetzen: Sie wolle nicht, dass das Rüsselsheimer Unternehmen in ein paar Jahren an den Fall Holzmann erinnere. Nein, sie halte nichts von "Leuchtraketen".

Die bürgerliche Kanzlerin gibt die Zuverlässige. Kraftausdrücke, Daumen hoch und Exaltiertes hat sie nicht zu bieten. Nur einmal rutscht ihr das gewerkschaftliche "liebe Kolleginnen und Kollegen" heraus. Dieses bürgerliche Merkel-Element trifft auf den Arbeiter-Stolz der Opelaner. So dauert es ein bisschen, es ist kein Merkel-Blitz aber ein Funke zumindest, der letztlich überspringt.

Denn Stolz ist hier die zentrale Kategorie. Neben Merkel hat man links und rechts Vergangenheit und Zukunft des Automobilbauers aufgestellt. Auf der einen Seite der erste Opel überhaupt, ein "Lutzmann" aus dem Jahr 1899; auf der anderen der "Ampera", ein Elektroauto, das rund 500 Kilometer durchhält und schon bald Serienreife erreichen soll.

"Hoffen bis zum letzten Tag"

Merkel geht darauf ein. Die Entwicklungsabteilung des Unternehmens nennt sie "das Herz dessen, was Opel in Zukunft ausmacht". Opel müsse "auf die Füße" gestellt werden. Die vom US-Präsidenten Barack Obama gegenüber GM gewährte 60-Tages-Frist werde man in Deutschland zu nutzen wissen, verspricht die Kanzlerin: "Um ein Opel-Europa zu kreieren."

Großer Jubel. Denn genau das ist der Traum der Opelaner: Endlich eigenständig, endlich ungebremst vom ungeliebten Mutterkonzern in Detroit. Gesamtbetriebsratschef Franz spricht von der "Vision einer europäischen Opel-AG". Die Mitarbeiter wollten dafür "Gründungsmütter und Gründungsväter sein".

Der GM-Konzern soll beteiligt bleiben. In bisherigen Szenarien war meist die Rede von einer Minderheitenbeteiligung, doch Merkel ist die genaue Ausformung nicht wichtig: "Ob 40, 49, 51 oder 52 Prozent - das ist für mich nicht entscheidend." Sie verspricht, man werde mit Amerika "auf Augenhöhe" verhandeln. Dafür stelle sie in den nächsten Tagen ein "Verhandlungsteam" zusammen: Vertreter von Bundesregierung, von Landesregierungen, Investmentbanker und Wirtschaftsfachleute sollen vertreten sein.

Die Opelaner nehmen das als Hoffnungsschimmer: "War doch klar, dass sie uns hier keine Milliarden hinblättert", sagt einer draußen vorm Tor: "Aber Hauptsache Hilfe, irgendwie." Sie sei seit 30 Jahren bei Opel, sagt eine Arbeiterin mit Stolz in der Stimme, "und deshalb werde ich bis zum letzten Tag hoffen."



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