Überblick in Zahlen Das Betreuungsgeld - wer es nutzt, was es kostet

Zwei Jahre gibt es das umstrittene Betreuungsgeld schon. Das Verfassungsgericht hat es jetzt gekippt. Wie viele Eltern nutzen bisher die Leistung? Wie lange beziehen sie den Zuschuss? Der Überblick in Zahlen.

Mütter mit Kindern in Ratingen: Immer wieder Streit um das Betreuungsgeld
DPA

Mütter mit Kindern in Ratingen: Immer wieder Streit um das Betreuungsgeld


Gegner verspotten das Betreuungsgeld wahlweise als Herdprämie oder Hausfrauengehalt. Die CSU fördere mit der Leistung traditionelle Geschlechterrollen, ein veraltetes Familienbild. Frauen werden dafür belohnt, zu Hause zu bleiben, um die Kleinen zu erziehen.

Für die Christsozialen sind die 150 Euro im Monat dagegen die gerechte Bezahlung für den Dienst an der Gesellschaft. Und deshalb werde es, so betonte CSU-Chef Horst Seehofer, die staatliche Leistung in Bayern weiterhin geben. Auch wenn das Bundesverfassungsgericht am Dienstag entschieden hat, dass das Betreuungsgeld als Bundeszuschuss verfassungswidrig ist. (Lesen Sie dazu mehr hier).

Seehofers Trotzreaktion kommt nicht überraschend, denn in Bayern wird das Betreuungsgeld mit am stärksten nachgefragt. Dort bekamen im ersten Quartal 2015 97.301 Mütter und 3089 Väter die Leistung. Bayern liegt auf Platz zwei der Länderauswertung, auf dem ersten liegt das bevölkerungsreichste und SPD-regierte Nordrhein-Westfalen, wo im Vergleich zu Bayern deutlich mehr Männer das Betreuungsgeld in Anspruch nehmen:

Natürlich liegen im Vergleich der absoluten Zahlen besonders bevölkerungsreiche Bundesländer vorn. Bezieht man auch die Zahl der Geburten mit ein, bleiben Baden-Württemberg und Bayern an der Spitze des Ländervergleichs. Hier wurde im ersten Quartal 2015 für mehr als 60 Prozent der Kinder, die dafür theoretisch infrage kamen, Betreuungsgeld gezahlt - die also von August 2012 bis Januar 2014 geboren wurden.

Im Osten kaum genutzt


Inzwischen erhalten Eltern von 455.277 Kindern das Betreuungsgeld, das im August 2013 eingeführt wurde. Anfangs war die Nachfrage noch recht verhalten - im ersten Quartal 2014 waren es gerade einmal 145.769 Eltern, die den Zuschuss bezogen. Einer der Gründe für den starken Anstieg dürfte sein, dass die Zahl derjenigen, die Anspruch auf den Zuschuss haben, in den vergangenen Monaten weiter gestiegen ist. Erst am 1. August - nach zwei Jahren Betreuungsgeld - gibt es erste Eltern, die nicht mehr anspruchsberechtigt sind und dann aus der Statistik fallen.

Im Bundeshaushalt waren von August bis Dezember 2013 laut Bundesfamilienministerium 55 Millionen Euro vorgesehen - 16,9 Millionen Euro sind abgeflossen. 2014 waren 515 Millionen Euro eingeplant, wieder wurde nur ein Teil der Mittel, 403 Millionen Euro, abgerufen. Für 2015 wurde die für das Betreuungsgeld vorgesehene Summe von einer Milliarde Euro auf 900 Millionen Euro reduziert.

Auffällig ist die recht lange Bezugsdauer beim Betreuungsgeld. Sie liegt bei rund 19,7 Monaten. In den ostdeutschen Bundesländern wird die Leistung mit durchschnittlich 15,5 Monaten deutlich kürzer bezogen als in Westdeutschland, wo es 20 Monate sind. Eltern können den Zuschuss beantragen, wenn sie ihre Kleinen zwischen dem 15. und 36. Lebensmonat zu Hause betreuen.

Umstritten ist das Betreuungsgeld auch deshalb, weil es im Verdacht steht, Kinder zum Beispiel aus Migrantenfamilien faktisch zu benachteiligen. Tatsächlich gingen von insgesamt 455.321 Zuschüssen 79.520 an ausländische Eltern, also 17 Prozent. Zum Vergleich: Etwa genauso groß ist der Anteil der 2013 geborenen Kinder, die selbst oder deren Eltern keinen deutschen Pass besitzen. Das allein widerlegt aber nicht, dass das Betreuungsgeld bei Migranten stärker verbreitet ist.

Hier sind weitere Studien notwendig - genauso zur Frage, ob sich das Betreuungsgeld für finanzschwache Familien als besonders attraktiv erweist. Das Deutsche Jugendinstitut hat in den vergangenen Monaten erstmals Familien befragt, die Betreuungsgeld beziehen. Das Institut will die Ergebnisse im Herbst veröffentlichen.


che/heb/sep

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insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
Max Super-Powers 21.07.2015
1.
Wem nutzt es? Familien, die ihre Kinder nicht durch Kitas (v)erziehen lassen wollen, sondern ihnen die eigenen Werte vermitteln möchten und dies durch eine häusliche Betreuung und 150 Euro Bezuschussung auch könnten Was Kostet es? Wesentlich weniger als die Rettung auch nur einer einzigen Bank oder auch den Bruchteil dessen, was demnächst durch unsere Bundesregierung wieder an Griechenland überwiesen wird.
peter_rot 21.07.2015
2. Private Kindergruppe
Viele Eltern nutzen das Betreuungsgeld um ihr Kind in eine private Kindergruppe zu geben, weil diese flexibler, kleiner und vielleicht auch günstiger gelegen ist.
sample-d 21.07.2015
3.
Zitat von Max Super-PowersWem nutzt es? Familien, die ihre Kinder nicht durch Kitas (v)erziehen lassen wollen, sondern ihnen die eigenen Werte vermitteln möchten und dies durch eine häusliche Betreuung und 150 Euro Bezuschussung auch könnten Was Kostet es? Wesentlich weniger als die Rettung auch nur einer einzigen Bank oder auch den Bruchteil dessen, was demnächst durch unsere Bundesregierung wieder an Griechenland überwiesen wird.
Dieses "Vermitteln der eigenen Werte" halte ich gerade für gefährlich und nicht im Sinne des Kindes - insbesondere wenn es hier um religiöse / weltanschauliche Fragen geht. Gerade das was Sie "verziehen" nennen scheint mir für Kinder wichtig - mit allem - auch mit den Auswüchsen dieser Gesellschaft früh konfrontiert zu werden, um sich sein eigenes Weltbild zu entwickeln.
mactor2 21.07.2015
4. Nun ja,
Zitat von peter_rotViele Eltern nutzen das Betreuungsgeld um ihr Kind in eine private Kindergruppe zu geben, weil diese flexibler, kleiner und vielleicht auch günstiger gelegen ist.
Steht Ihnen denn dann offiziell überhaupt Betreuungsgeld zu? Es geht doch bei Betreuungsgeld nur um IHREN Aufwand für die Eigenbetreuung der Kinder und nicht um Fremdbetreuung z.B. in eine private Kita.
Pfaffenwinkel 21.07.2015
5. Das Betreuungsgeld
ist für Eltern gut, die es sich leisten können, bei den Kleinen zuhause zu bleiben. Man sollte stattdessen die Kitas preiswerter machen, für die Eltern, die arbeiten müssen.
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