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Neue Studie: Betreuungsgeld hatte nur begrenzten Effekt

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Mutter mit kleinen Kindern: Geld fürs Zuhause-Erziehen

Anerkennung für Mütter oder Fehlanreiz? Um das Betreuungsgeld wurde erbittert gestritten - inzwischen ist es auf Bundesebene abgeschafft. Eine neue Studie zeigt nun, wer die Leistung genutzt hat und warum.

Der Kampf um das Betreuungsgeld dauerte Jahre. Es ging um bis zu 150 Euro monatlich für Eltern, die ihre ein- und zweijährigen Kleinkinder nicht in eine Kita oder zu einer Tagesmutter geben wollten.

Die politischen Fronten waren verhärtet: Die Befürworter aus der CSU sagten, das Geld sei eine gerechte Anerkennung für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen. Ein Stück echte Wahlfreiheit.

Die Gegner von SPD, Grünen und Linken konterten, das Betreuungsgeld setze Fehlanreize, halte Kinder aus der Kita fern und Mütter am Herd.

Am Ende wurde die Leistung in diesem Sommer vom Bundesverfassungsgericht gekippt - nur zwei Jahre, nachdem sie in Kraft getreten war.

Nun hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) zusammen mit der Technischen Universität Dortmund die amtlichen Daten zu den Betreuungsgeldbeziehern zusammengestellt und ausgewertet. Wer hat das Geld beantragt und warum? Der Bericht, der vom Familienministerium gefördert wurde, liegt SPIEGEL ONLINE vor. Die Ergebnisse sind auch für die Zukunft relevant, denn Bayern und Sachsen haben das Modell des Betreuungsgelds auf Landesebene transferiert.

Wo lebten die Betreuungsgeldbezieher?

  • Es gab eine riesige Kluft zwischen Ost und West: 93,7 Prozent aller Betreuungsgeldempfänger im Jahr 2015 lebten in den alten Bundesländern. Hier wiederum war nur in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen die Zahl der Ein- und Zweijährigen mit Betreuungsgeldbezug deutlich höher als die Zahl der Kleinkinder, die in Kitas oder zu Tagesmüttern gingen.

  • Insgesamt gab es einen Zusammenhang zwischen dem Angebot an öffentlicher Kinderbetreuung und dem Bezug von Betreuungsgeld. In Regionen, in denen es schon vor der Einführung der Leistung flächendeckend viele Kitas und Tagesmütter gab, haben weniger Eltern Betreuungsgeld bezogen.

Wer hat Betreuungsgeld bekommen?

  • Mütter mit hohen Bildungsabschlüssen (Fachhochschulabschluss oder Universitätsabschluss über dem Bachelor) haben seltener Betreuungsgeld bezogen.

  • Betreuungsgeld wurde vor allem in Familien mit verheirateten Eltern bezogen. Alleinerziehende haben die Leistung unterdurchschnittlich häufig bekommen.

  • Unter den Beziehern waren überdurchschnittlich viele Familien, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wurde.

Warum haben Eltern Betreuungsgeld beantragt?

  • Rund zehn Prozent der Eltern gaben an, sie hätten das Betreuungsgeld als Überbrückungsmöglichkeit genutzt, weil sie keinen geeigneten Kita- oder Tagesmutterplatz gefunden hätten. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) fühlt sich bestätigt. "Es ist gut und richtig, dass der Bund den Ländern das Geld nun zur Verfügung gestellt hat und diese damit den Ausbau der Kinderbetreuung voranbringen können, sagte Schwesig SPIEGEL ONLINE. "Das ist der Wunsch vieler Eltern."

  • Andersherum war der Anteil der Eltern, die ihr Kind explizit wegen des Betreuungsgelds zu Hause betreut haben, gering: Mehr als 87 Prozent der Betreuungsgeldempfänger gaben an, sie hätten ihr Kind auch dann nicht in die Kita gegeben, wenn sie kein Geld für die Betreuung zu Hause erhalten hätten. "Es ist nicht zu übersehen, dass es in Deutschland verschiedene Ansichten über die Betreuung und Erziehung von Kleinkindern gibt. Wir müssen akzeptieren, dass doch ein relativ großer Teil der Eltern seine Kinder in den ersten Lebensjahren selbst betreuen möchte", so der Direktor des Deutschen Jugendinstituts, Thomas Rauschenbach.

  • Dazu passt auch folgendes Ergebnis: Obwohl die Zahlen der Betreuungsgeldbezieher von 2013 bis 2015 stetig gestiegen sind - im 2. Quartal 2015 wurde für 531.250 Kinder Betreuungsgeld bezogen -haben auch immer mehr Eltern ihre Kleinkinder in Kitas oder von einer Tagesmutter betreuen lassen. Es habe sich hier weder bei den Ein- noch bei den Zweijährigen "ein dämpfender Effekt des Betreuungsgelds auf die Nutzung der Kindertagesbetreuungsangebote" feststellen lassen, heißt es in dem Bericht.

Rollenverteilung in der Familie

  • In Familien, die Betreuungsgeld bezogen haben, war die Rollenverteilung traditionell: Bei mehr als 80 Prozent der Empfänger war vor allem die Mutter für die Kinderbetreuung zuständig - deutlich häufiger als bei Familien, in denen kein Betreuungsgeld bezogen wird.

Berufstätigkeit der Mutter

  • In Familien, in denen Betreuungsgeld bezogen wurde, ist die Mutter deutlich später wieder und mit geringerer Stundenzahl in den Beruf eingestiegen als in Familien, die ihr Kind weder in die Kita oder Tagesmutter geben noch Betreuungsgeld bezogen haben. Ob aber das Betreuungsgeld an sich den ausschlaggebenden Anreiz für Mütter gegeben hat, später wieder erwerbstätig zu sein, darüber gibt die Studie keinen Aufschluss. Unklar bleibe, ob "dies als ein direkter Effekt des Betreuungsgeldes zu verstehen ist oder ob sich der spätere Wiedereinstieg mit dem Lebenskonzept der Beziehenden deckt, keine öffentliche Kindertagesbetreuung nutzen zu wollen", heißt es.

Fazit

Die Studie ergibt: Das bundesweite Betreuungsgeld hat auf die Entscheidung der Eltern, wie sie ihr Kind in den ersten Jahren betreuen lassen wollten, nur wenig Einfluss gehabt. Eine Kita-Fernhalteprämie, wie Kritiker das Betreuungsgeld nannten, war die Leistung nur bei einem kleinen Anteil der Familien. Andersherum ist aus der Studie - wie bei 150 Euro im Monat zu erwarten war - auch nicht zu lesen, dass Mütter, die für ihre Kinder am liebsten für viele Jahre aus dem Job aussteigen wollten, dies nur wegen des Betreuungsgelds konnten und taten.

In Bezug auf Kinder aus Migrantenfamilien unterstreicht die Studie allerdings ein Problem: Besonders Eltern, die zu Hause mit ihren Kindern kein Deutsch sprechen, haben die Leistung überdurchschnittlich oft bezogen. Es müsse deshalb weiter dafür geworben werden, sagt DJI-Direktor Rauschenbach, "dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund für eine verbesserte sprachliche Förderung und notwendige kulturelle Integration die bestmöglichen Angebote öffentlich geförderter Betreuung erhalten".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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1. Nur Fehlanreize
franzpizzi 11.01.2016
Das Betreuungsgeld hat genau die Fehlanreize gesetzt, die zu erwarten waren: Zementierung des klassischen Familienbildes (Frau bleibt zuhause) und bei Migranten Förderung von Parallelgesellschaften. Leider war das von vorneherein klar..
2. Wirtschaft wollte es nicht!
HansPa 11.01.2016
Die deutsche Wirtschaft wollte es nicht! Das ist der Grund warum das Elterngeld abgeschafft wurde. Die jungen Menschen sollen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und nicht zuhause rumsitzen! Sprachrohr, wie so oft, war natürlich die SPD.
3. Viel wichtiger wäre es angemessener Rentenanspruch...
schwabenstreich 11.01.2016
50 % der Rente gemäß einzahlungen 50 % der direkten Nachkommen der Eltern, Kinder und Enkel zählen mit... Denn unser Rentensystem ist finzanziert sich per Schnellballsystem...was übrigens in der Freien Wirtschaft verboten ist...
4. Kein Problem!
Spiegelleserin57 11.01.2016
Es ist kein Problem wenn Kinder mit Migrationshintergrund nicht in die Kita gehen solange sie Kontakt zu deutschen Kindern haben und z.B. auch in Spielgruppen gebracht werden. Kitas kosten Geld und viele Familien haben dies nicht . Wir leben auch in diesem Bereich in einer Mehrklassengesellschaft. Außerdem darf an dieser Stelle auch gesagt werden dass ich schon oft beobachtet habe dass besonders die Familienstrukturen bei diesen Familien besser funktionieren als bei vielen deutschen. Man muss andere Familienstrukturen respektieren. Ausserdem : wer mehr Kinder hat muss schon Zuhause sein wenn er oder sie einen ordentlichen Haushalt gewährleisten will. Man kann nicht einen Fakt alleine betrachten sondern muss auch die anderen Kriterien die zu einer gut funktionierenden Familien dazu gehören sollen berücksichtigen. Die Studie hätte an dieser Stelle differenzieren müssen.
5. Mitnahme-Effekt
pepe-b 11.01.2016
Mitnehmen was geht. Mehr war das im Regelfall offensichtlich nicht. War vorher klar und die Lehre aus anderen europäischen Ländern. Wer für solchen Unsinn Steuergelder rauspusten will, dem geht's noch zu gut.
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