Umstrittene Prämie So unfair ist das Betreuungsgeld

Kritiker schmähen das Betreuungsgeld als "Herdprämie", die falsche Anreize setzt. Eine aktuelle Studie bestätigt den Vorwurf. Demnach verschärft die Sozialleistung die Bildungsungleichheit.

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KiTa oder Erziehung zu Hause? Vor allem Migrantenfamilien beziehen Betreuungsgeld
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KiTa oder Erziehung zu Hause? Vor allem Migrantenfamilien beziehen Betreuungsgeld


Hamburg - Das Betreuungsgeld ist eins der umstrittensten Projekte der Regierung Merkel und gleichzeitig ein Prestigeprojekt der CSU. Gedacht war die Prämie als Anerkennung und Unterstützung für Eltern mit Kleinkindern - um ihnen Gestaltungsspielräume für die Kinderbetreuung in der Familie zu eröffnen. Falsch gedacht, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Kritiker bezeichnen den Obulus als "Herdprämie" und betonen, durch das Betreuungsgeld würden vor allem Migrantenfamilien oder Kinder aus bildungsfernen Milieus von der Kita-Betreuung fernhalten. Die Bildungsungleichheit würde sich verschärfen.

Genau das besagt nun eine Untersuchung der Technischen Universität Dortmund und des Deutschen Jugendinstituts, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Gefördert wurde die umfangreiche Studie ausgerechnet durch das Bundesfamilienministerium.

Demnach erweist sich das Betreuungsgeld als besonders attraktiv für Familien, "die eine geringe Erwerbsbeteiligung aufweisen, durch eine gewisse Bildungsferne gekennzeichnet sind und einen Migrationshintergrund haben". Die Prämie sei ein "besonderer Anreiz für sozial eher benachteiligte Familien, kein Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu nutzen", wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet.

Das heißt in Zahlen:

  • Von den Familien mit Migrationshintergrund, die sich keine außerhäusliche Betreuung wünschen, gaben 25 Prozent an, das Betreuungsgeld sei der Grund dafür gewesen. Bei den Familien ohne Migrationshintergrund liegt dieser Anteil bei lediglich 13 Prozent.
  • Bezogen auf den Bildungsstatus zeigt sich: Je höher das Bildungsniveau in der Familie ist, desto geringer erscheint der finanzielle Anreiz des Betreuungsgeldes.
  • Bei den Familien mit einer mittleren Reife als höchsten Bildungsabschluss liegt dieser Anteil bei 14 Prozent und bei den Familien mit Hochschulabschluss reduziert sich dieser Anteil weiter auf acht Prozent.
  • Während nur 16 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund eine außerhäusliche Betreuung in Anspruch nehmen, haben 51 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund den Wunsch danach. So kommt die Studie zu dem Schluss, dass Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status und Familien mit Migrationshintergrund "ihre Betreuungswünsche weniger gut realisieren können".

"Alles in allem zeigen die vorliegenden Analysen, dass die Befürchtungen, wonach das Betreuungsgeld zu einer sozial ungleichen Inanspruchnahme von frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung beiträgt, gerechtfertigt sind", lautet ein Zwischenfazit der Studie.

Die ersten Anträge für das Betreuungsgeld konnten am 1. August 2013 gestellt werden. Bis Jahresende wurde es nur für 64.877 Kinder ausgezahlt. Im neuen Jahr stieg die Zahl der Bezieher dann sprunghaft an. Eltern haben Anspruch auf die Prämie, wenn sie ihr Kind nicht in eine öffentlich geförderte Einrichtung oder zu einer Tagesmutter geben. Es beträgt 100 Euro monatlich vom 15. Lebensmonat an und wird maximal bis zum dritten Lebensjahr ausgezahlt.

Höchste Nachfrage in Bayern

2012 lag der Anteil der ausländischen Kinder unter drei Jahren in Deutschland bei fünf Prozent. 14 Prozent der Bezieher von Betreuungsgeld besitzen jedoch nach Angaben des Familienministeriums nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Das heißt, ausländische Eltern beziehen häufiger Betreuungsgeld als deutsche Eltern.

Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts wird das Betreuungsgeld am häufigsten in Bayern nachgefragt. Von den 145.769 Beziehern leben 33.500 in dem Bundesland. Diese Zahl passt zu den Erhebungen in der Studie der TU Dortmund: Die Wissenschaftler vermuten, dass der unterdurchschnittliche Kita-Betreuungsbedarf in niedersächsischen und bayerischen Landkreisen vor allem auf die "hier vorherrschende klassische Rollenverteilung der Geschlechter in den Familien zurückzuführen ist".

Für die Studie "Kommunale Bedarfserhebungen" erhielten 290.000 Eltern von unter Dreijährigen einen vierseitigen Fragebogen, teilgenommen haben rund 112.000 Personen. Außerdem lieferte eine Onlinebefragung von 93 Kommunen Informationen zu deren Strategien der Bedarfserhebung.

Anmerkung der Redaktion: Ende Juli 2014 haben die Wissenschaftler eine wesentliche Zahl in ihrer Untersuchung korrigiert. Dennoch bleibe es, so die Experten, in der nun veröffentlichten Fassung grundsätzlich bei der Aussage, dass mit steigendem Bildungsniveau der Familien zugleich auch der "monetäre Anreiz" des Betreuungsgeldes nachlässt. Die aktuelle Version in der Studie lautet nun: "Von den Familien, in denen kein Elternteil einen Bildungsabschluss besitzt, stimmten 31 Prozent der Aussage zu, das Betreuungsgeld sei Grund für die Betreuungsentscheidung gewesen; bei einem Hauptschulabschluss sind es 23 Prozent." Die beiden Elterngruppen und die Prozentangaben seien in der Vorfassung fälschlicherweise addiert worden, bestätigten die Autoren.

Betreuungsgeld: Quoten in den Bundesländern

(Mitarbeit: Horand Knaup)

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