Mysterium Herdprämie: Wo bitte geht's zum Betreuungsgeld?

Her mit dem Betreuungsgeld, fordert SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt, Jurist und Vater zweier Söhne - am besten sofort. Allein: Die Mission ist komplizierter als gedacht. Ein fiktiver Dialog auf dem Amt.

Ist Betreuungsgeld sinnvoll? Darüber streiten deutsche Politiker seit Monaten. Und wie soll das Ganze überhaupt funktionieren? Auch das ist unklar. SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt hat sich dazu seine ganz eigenen Gedanken gemacht. Ein Dialog in einer deutschen Amtsstube. Rein fiktiv, versteht sich.

Guten Tag, ich möchte Betreuungsgeld.

Haben Sie denn ein Kind?

Zwei Söhne.

Und die gehen nicht in eine Kita?

Nein, nein.

Wie alt ist denn der jüngste Sohnemann?

17 - er ist mitten im Abitur.

Ja, was wollen Sie denn dann mit Betreuungsgeld?

Na, ich betreue ihn doch.

Wieso betreuen? Betreuen ist Windeln wechseln und füttern.

Soll ich also benachteiligt sein, weil meine Frau und ich den Sohn schon bis ins Abitur gebracht haben - ohne staatliche Extra-Leistung in Anspruch zu nehmen? Immerhin mach ich ständig Schularbeiten mir ihm - wenn mir das in Mathe zugegebenermaßen doch recht schwer fällt. Und jeden Morgen mach ich ihm Wurstbrote zurecht. Und wenn er Abi schreibt, kriegt er auch Milchschnitten mit, die mag er besonders.

Aber das Geld ist doch gedacht für Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kita geben wollen.

Ja - wir wollen doch Nikolas auch nicht in eine Kita geben.

Natürlich nicht, Sie könnten ihn auch nicht in eine Kita geben.

Das weiß ich selbst. Aber warum will man mich benachteiligen dafür, dass ich meinen Sohn nicht in eine Kita geben kann?

Sie werden nicht benachteiligt. Sie werden ebenso behandelt wie alle anderen Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kita geben können.

Und wieso werden dann die bevorzugt, die ihre Kinder in eine Kita geben können?

Die werden ja gar nicht bevorzugt, sondern sie bekommen nur einen Ausgleich dafür, dass sie es nicht tun, obwohl sie es können.

Ausgleich wofür?

Dass sie es können.

Ist das ein Nachteil?

Naja, dann eben dafür, dass sie es nicht wollen.

Ja, ich will das doch auch nicht, ganz bestimmt soll Nikolas nicht in eine Kita, und ich hab das auch noch nie gewollt, ich schwör's.

Schauen Sie, das ganze hängt mit dem Gleichheitsgebot in unserem Grundgesetz zusammen: Mütter, die daheim bleiben, um ihre Kinder zu betreuen, sollen nicht schlechter gestellt werden als Mütter, die ihre Kinder in die Kita geben und derweil Geld verdienen.

Ach so, ich verstehe. Und wenn sie ihr Kind nicht in die Kita geben, sondern zur Oma, und arbeiten gehn, dann kriegt die Oma das Betreuungsgeld.

Nein, die nicht.

Also sparen Sie dann das Betreuungsgeld?

Nein, das kriegt die Mutter.

Wieso, die geht doch arbeiten und verdient Geld.

Sie wollen ja wohl nicht, dass wir die Mütter zwingen, daheim zu bleiben!

Kriegen die Väter auch Betreuungsgeld?

Ja, natürlich, Sie verstehen, das Gleichheitsgebot in unserem Grundgesetz.

Dann könnte ich also auch weiter arbeiten wie bisher und meinen Sohn von seiner Freundin betreuen lassen - und dann krieg ich Betreuungsgeld?

Nein. Sie nicht.

Wollen Sie mich etwa zwingen, daheim zu bleiben?

Raus!

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insgesamt 25 Beiträge
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1.
s.maier75 19.04.2012
Ob mit dem umstrittenen Betreuungsgeld oder auf anderen Wegen, unsere Kinder müssen eine anständige Erziehung bekommen.Spanennder Artikel dazu: http://bit.ly/HuB6j4
2.
spigalli 19.04.2012
...ja, etwas polemisch ist der Dialog schon, aber das heißt ja nicht, dass er nicht so stattfinden könnte. Jedenfalls nicht, wenn unsere Regierung ihre Gesetze weiterhin handwerlich so perfekt ausführt, wie bisher.
3. Einkommen
Mobiacia 19.04.2012
Lieber Autor, bitte hören Sie auf alles noch komplizierter und noch bürokratischer zu wollen. Die Lösung liegt so nah: Bedingungsloses Grundeinkommen! Realitätsbeschreibung: Die, die wenig haben werden gegen die gehetzt die gar nichts haben. Es bleibt alles irgendwie gleich, nur noch schlechter und noch komplizierter. Deshalb: Abbau fast der gesamten Sozialbürokratie durch bedingungsloses Grundeinkommen. Abbau der Steuerbürokratie durch Konsumsteuer. Grundsatz: Steuern müssen nicht erhöht werden, Steuern müssen gezahlt werden. Wegfall von Steuerausnahmen und Subventionen. Wegfall der Hartz IV Problematik (immer mehr Arbeitslose durch immer mehr Maschinenarbeit) durch bedingungsloses Grundeinkommen. Menschenwürde des Einzelnen gesichert durch bedingungsloses Grundeinkommen als Verfassungsrecht auf Einkommen (Kein Almosendenken mehr, kein "Wir Reichen gönnen euch Armen auch mal nach Gutdünken etwas"). Frauen kommen aus finanziellen Ehe/Kinder Zwangslagen unbürokratisch heraus. Nicht mehr mit dem tyrannischen Ehemann zusammensein/wohnen/müssen nur weil das Geld auf Existenzniveau fehlt. Mich ärgern Herdprämien/Betreuungsgelddiskussionen weil es ein viel besseres/einfacheres Gesamtmodell gibt: Das BGE BGE INTERAKTIV eine interaktive dokumentation über das bedingungslose grundeinkommen (http://www.bge-interaktiv.de/38.html)
4. hier bleibt einem
indosolar 19.04.2012
Zitat von sysopHer mit dem Betreuungsgeld, fordert SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt, Jurist und Vater zweier Söhne - am besten sofort. Allein: Die Mission ist komplizierter als gedacht. Ein fiktiver Dialog auf dem Amt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828294,00.html
Gott sei Dank das Lachen nicht im Halse stecken, obwohl es müßte....
5. falscher Ansatz
Martinaalanya 19.04.2012
genau anders herum müsste es sein: Kindergeld müsste an den Besuch einer entsprechenden Einrichtung gebunden sein, und zwar unabhaengig davon ob die Mutter (denn um die geht es doch, trotz aller Schönwetterreden um die Gleichberechtigung) arbeiten geht oder nicht. Generell finde ich es schwer verstaendlich (und ertraeglich) dass ein Studium in Deutschland weitestgehend gebührenfrei ist, die unglaublich wichtige Basis der Kleinkindförderung aber das Budget vieler Eltern übersteigt. Hier waeren die 1,2 Mia Eur wahrscheinlich zwar auch nur ein Tropfen auf dem heissen Stein, aber ein Anfang waere schon gemacht, wenn das Personal ein besseres Gehalt bekaeme...
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Zum Autor
Thomas Darnstädt, Jahrgang 1949, ist Verfassungsrechtler und schreibt im SPIEGEL über Rechtspolitik, Bürgerrechte und internationales Recht.
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Umstrittene Herdprämie

Die Koalition hat das Betreuungsgeld beschlossen - doch nun ringt Schwarz-Gelb seit Monaten um die Umsetzung. Was meinen Sie: Ist die Leistung sinnvoll?


Die Pläne für das Betreuungsgeld
Das Betreuungsgeld soll nach den bisherigen Plänen der Koalition vom 1. Januar 2013 an ausgezahlt werden. Es soll Familien zugutekommen, die ihr Kleinkind nicht in eine Kindertagesstätte bringen, sondern bis zum dritten Lebensjahr zu Hause betreuen möchten. 2013 sollen junge Familien demnach monatlich 100 Euro für das zweite Lebensjahr des Kindes bekommen, vom 1. Januar 2014 an 150 Euro für das zweite und dritte Lebensjahr. Das Betreuungsgeld soll unabhängig von Erwerbstätigkeit und Einkommen garantiert werden.

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