Streit ums Betreuungsgeld: Koalition der Nichts-Gönner

Von Philipp Wittrock

Kristina Schröders Gesetzentwurf sollte den Zoff um das Betreuungsgeld endlich befrieden. Stattdessen gibt es neuen Ärger: Mehrere Minister torpedieren das Projekt - sogar CSU-Mann Ramsauer war zunächst dagegen. Kurz vor dem Spitzentreffen der Parteichefs herrscht tiefes Misstrauen in der Koalition.

Parteichefs Merkel, Rösler, Seehofer: Unfrieden vor dem Spitzentreffen Zur Großansicht
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Parteichefs Merkel, Rösler, Seehofer: Unfrieden vor dem Spitzentreffen

Berlin - Peter Ramsauer hatte es eilig mit seiner "Klarstellung". Der Bau- und Verkehrsminister stehe "nach wie vor uneingeschränkt" hinter dem Betreuungsgeld, ließ er am Freitagvormittag ausrichten. Seinen Vorbehalt gegen das Gesetz zog er flugs wieder zurück - die Befürchtung, die Zahlung könnte über höhere Ausgaben für das Wohngeld seinen eigenen Etat belasten, sei ausgeräumt.

Dennoch, das politische Signal war in der Welt - und es war fatal. Ein CSU-Minister torpediert das CSU-Lieblingsprojekt. Das sorgte selbst in der Regierung für Erstaunen. Schließlich war die Front gegen das Betreuungsgeld schon so breit genug. Vier weitere Minister drohen mit ihrem Veto: drei FDP-geführte Ressorts und Kassenwart Wolfgang Schäuble (CDU).

Damit hat Familienministerin Kristina Schröder das Gegenteil von dem bewirkt, was sie mit der Vorlage ihres Gesetzentwurfs erreichen sollte - auch nach den Vorstellungen der Kanzlerin. Liegt der Text einmal schwarz auf weiß vor, so die Hoffnung, würde sich der Ärger rasch legen. Noch im Juni sollte der Bundestag die umstrittene Unterstützungszahlung absegnen. Nun aber gibt die Koalition wieder einmal das Bild heilloser Zerstrittenheit ab. Kurz vor dem für Montag geplanten Gipfeltreffen der drei Parteichefs Angela Merkel, Horst Seehofer und Philipp Rösler regiert bei Schwarz-Gelb das Misstrauen.

Schröders Blamage wird in Kauf genommen

Die beteiligten Ressorts versuchen, die neuerlichen Auseinandersetzungen um das Betreuungsgeld herunterzuspielen. Man habe nur Fragen gestellt, nicht ungewöhnlich im Rahmen der Ressortabstimmung, alles normal. Das mag sogar so sein, die Ressortabstimmung dient gerade dazu, mögliche Unklarheiten, rechtliche Bedenken oder finanzielle Auswirkungen abzuklopfen. Nicht so normal ist allerdings, dass dies öffentlich ausgetragen wird.

Das wiederum sagt viel aus über das Klima in der Koalition. Dort scheint man nicht gewillt, Konflikte intern beizulegen. Wo Kompromisse nötig wären, verbeißen sich Union und FDP bis zum Schluss, vor allem bei ideologisch aufgeladenen Themen wie der Vorratsdatenspeicherung oder eben dem Betreuungsgeld. Keiner gönnt dem anderen etwas - und das gerne auf offener Bühne. Dabei nimmt man dann auch die Blamage einer Ministerin in Kauf, die dieses Instrument selbst nicht will und nun noch als unfähig dasteht, überhaupt ein konsensfähiges Gesetz vorzulegen.

Kaum verwunderlich also, dass sich das über Wochen so zögerliche Familienministerium nun beklagt, das Verfahren laufe "transparenter ab, als es sein müsste". Zudem habe man sich, wird betont, beim Gesetzentwurf strengstens an alle Vorgaben des Koalitionsausschusses und der Haushaltsplanung gehalten. "Wir haben sauber gearbeitet", sagte ein Sprecher von Ministerin Schröder, "und uns bei allen maßgeblichen Akteuren vorher rückversichert, dass nichts Beanstandenswertes im Gesetzentwurf steht."

Dass die Fachebenen der betroffenen Ressorts sich nicht erst am Dienstagmorgen, als der Entwurf verschickt wurde, erstmals mit der Materie beschäftigt haben, davon kann man in der Tat ausgehen. Doch wenn das so ist, warum heben dann gleich fünf Minister ihre Hand zum Einspruch, sobald der Gesetzestext vorliegt? Schließlich geht es dabei nicht überall um "ministerialen Kleckerkram", als der der Ramsauer-Vorbehalt in CSU-Kreisen abgetan wurde.

Substantielle Bedenken bei Leutheusser-Schnarrenberger und Schäuble

Vor allem die Bedenken von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Finanzminister Schäuble (CDU) sind substantiell. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, vermisst Leutheusser-Schnarrenberger "hinreichend gewichtige Sachgründe", warum das Geld nur jenen Eltern zustehen soll, die ihre Kinder privat betreuen - selbst wenn diese voll erwerbstätig sind. Auch die Regelung, das Geld 2013 nur für Kinder im zweiten Lebensjahr zu zahlen, ab 2014 aber auch für Kinder im dritten Lebensjahr, halten die Experten des Justizressorts für erklärungsbedürftig.

Schäubles Fachleute zerpflücken den Gesetzestext regelrecht. Die "Welt" zitiert aus einer Stellungnahme, in dem das Finanzministerium fordert, die Geldleistung nicht schon zum 1. Januar, sondern erst von August 2013 an auszuzahlen. Auch müsse eine "Doppelförderung" durch Betreuungsgeld und Elterngeld ausgeschlossen werden. Zudem möge die Familienministerin bitte erklären, wie überhaupt kontrolliert werden solle, dass wirklich nur jene Eltern die Leistung beziehen, die tatsächlich keine öffentlich geförderte Kinderbetreuung in Anspruch nehmen. Ebenfalls kritisiert wird Schröders Härtefallregel, nach der das Betreuungsgeld auch dann gewährt wird, wenn vorübergehend - etwa wegen Krankheit der Mutter - ein Kita-Platz in Anspruch genommen wird. "Dies entspricht nicht dem Ansatz des Gesetzes", kritisiert das Schäuble-Haus.

Inzwischen, so berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", hätten die Staatssekretäre der Ressorts erste Bedenken ausgeräumt. Demnach soll die Zahlung auf jeden Fall mit Jahresbeginn 2013 kommen. Dennoch bleibt die politische Botschaft solcher Mängellisten bestehen: Wir wollen dieses Gesetz nicht - und darum bauen wir möglichst hohe Hürden für die Umsetzung auf. Schäubles Experten äußern nämlich zu guter Letzt "Bedenken, ob es sich um ein zustimmungsfreies Gesetz handelt". Mit anderen Worten: Man vermutet, der Bundesrat müsste dem Betreuungsgeld zustimmen. Das aber würde das Aus für das Herzensanliegen der CSU bedeuten. Denn in der Länderkammer hat Schwarz-Gelb keine Mehrheit - und die Opposition lehnt das Betreuungsgeld ab.

In der Regierung will man sich mit diesen Eventualitäten vorerst nicht herumschlagen, zumindest nicht offiziell. Merkels Vizesprecher Georg Streiter sieht den weiteren Zeitplan für das Betreuungsgeld jedenfalls nicht gefährdet. Das Kabinett werde das Gesetz wie geplant am Mittwoch nächster Woche verabschieden, versicherte Streiter - "zu 97,5 Prozent". Über die restlichen 2,5 Prozent müssen sich am Montag wohl die drei Parteichefs unterhalten.

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1. Sie können es einfach nicht.....
pierrevomdeich 01.06.2012
Diese Bundesregierung besteht aus Streithähnen pur. Frau Merkel verzichtet auf den Einsatz ihrer Richtlinienkompetenz und so läuft alles auseinander, wie wenn ein Fuchs in einen Hühnerstall geraten wäre. Es wird höchste Zeit, dass diese leistungsschwache Koalition nach der Vielzahl von Dramen durch neue Kräfte ersetzt wird.
2. Eine Zumutung
dr.gerstel 01.06.2012
Diese Regierung ist eine Zumutung - von Anfang an! Ich verstehe wirklich, worausr die guten Umfragewerte für Frau Merkel resultieren. Was - um Himmels Willen -, ist gut an dieser Frau? Ich finde sie hilflos überfordert, ohne Führungskraft, ohne jede Idee. Sie will die Macht - für was, für welche "echte" Merkel-Projekte ist bis heute unbekannt, nicht nur uns Wählern, sondern auch der CDU, deren Vorsitzende sie ist und wahrscheinlich auch ihr selbst. Da sie selbst von nichts eine Idee hat, klaut sie einer diebischen Elster gleich, was sie in anderen "Nestern" so findet: bei den Grünen die Energiewende, bei der SPD die Sozialpolitik, usw. usw. Eigentlich müßte sie wegen Diebstahls geistigen Eigentums angezeigt werden, sie ist die Guttenbergerin der Regierung. Kein Wunder, daß sie für den Münchhausen der CSU soviel Verständnis gezeigt hatte. Ich hoffe auf Gerechtigkeit, d.h. auf die Abwahl dieser Zumutung von regierung im kommenden JAhr!
3. Was
23 1/3 01.06.2012
ich auch noch nicht wusste, Frau Schröder ist in Wahrheit ein Mann. Frauenfeindlicher wie diese Dame kann man eigentlich nicht agieren. Mit der Einführung dieser Herdprämie tut Sie niemanden einen Gefallen, außer uns Männern. Einen spannender Artikel hierzu gibt es übrigens hier http://www.der-postillon.com/2012/05/familienministerin-kristina-schroder.html#more !
4. Ähhh sorry...
Koana 01.06.2012
Zitat von sysopKristina Schröders Gesetzentwurf sollte den Zoff um das Betreuungsgeld endlich befrieden. Stattdessen gibt es neuen Ärger: Mehrere Minister torpedieren das Projekt - sogar CSU-Mann Ramsauer war zunächst dabei. Kurz vor dem Spitzentreffen der Parteichefs herrscht tiefes Misstrauen in der Koalition. Betreuungsgeld: Vorbehalte der Minister sorgen für Streit in Koalition - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,836392,00.html)
... ich krieg keine Betreuungsplatz, nur - mit dem Betreuungsgeld kann ich mir leider keine Nanny leisten, das reicht dazu nicht. Muss ich jetzt meinen Job kündigen? Könnte man das nicht so machen, dass die Besserverdiener ihre Nanny selber zahlen und mir der Staat die meine zahlt, da ich ja eine Anspruch auf einen Betreuungsplatz für mein Kind ab 2014 habe? Oder soll muss ich kündigen, auf Hartz IV gehen - dann krieg ich ja kein Betreuungsgeld - sondern eben Hartz IV? Ich blick nicht mehr durch! Also verstehe ich das richtig: Arme Familien bekommen ohnehin kein Betreuungsgeld - auch wenn sie arbeiten und wegen des geringen Lohns aufstocken müssen. Normalfamilien die ihren Lebensstandart halten möchten, wo beide Elternteile arbeiten müssen, damit das auch funktioniert - könnten nun theoretisch einen bezahlbaren Betreuungsplatz erhalten - praktisch aber werden sie ihn oft nicht bekommen - äh - wer hilft ihnen dann den Rechtsanspruch durchzusetzen? Gibt es da dann kostenfreie Klagemöglichkeiten? Oder setzt der Staat darauf, dass sich diese Menschen Ihr Recht schlicht nicht leisten können? Familien wo ein Elternteil Zuhause bleiben kann, was ich persönlich schön finde - auch für die Kinder - man kann ja auch nur einige Tage in die Krippe - zumindest hat man die freie Wahl - die erhalten also das Betreuungsgeld -schön. Familien wo beide Eltern arbeiten - nicht aus Not, sondern weil der Job eben schick ist, Spaß macht und die Karriere nun mal wichtiger ist, die erhalten das Betreuungsgeld auch, wenn sie lieber eine Nanny nehmen. Auch schön - würde ich mich doch freuen - habe die Wahl zwischen Krippe und Nanny! Tja - würden die mir den Zuschuss zur Nanny nicht zahlen, dann würde ich mit einem Top-Anwalt schlicht meinen Rechtsanspruch durchsetzen - ich kann mir das locker leisten - zumal wenn ich das gewonnen habe, trägt ohnehin der Staat die Kosten des Verfahrens - falls mir Anwaltskosten blieben - nun Gut ich bin Rechtsschutzversichert. Habe ich das jetzt so richtig verstanden - oder läuft das mit dem Betreuungsgeld anders?
5. Warum???
GTD242 01.06.2012
Warum macht man das mit diesem Betreuungsgeld eigentlich so kompliziert wie man es nur machen kann? Der eine bekommt es weil... Der andere bekommt es nicht weil... und wenn dann das, dann wieder doch nicht, oder vielleicht gerade dann... Dabei wäre die Lösung so einfach: Warum gibt man den Eltern nicht ganz einfach Summe X im Monat für JEDES Kind und die Eltern entscheiden selbst, ob sie von dem Geld einen Kita-Platz bezahlen oder dieses Geld für eine eigene Betreuung verwenden.
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  • Freitag, 01.06.2012 – 17:26 Uhr
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Umfrage: "Das Betreuungsgeld ist eine fatale Sackgasse"

Die Pläne für das Betreuungsgeld
Das Betreuungsgeld soll nach den bisherigen Plänen der Koalition vom 1. Januar 2013 an ausgezahlt werden. Es soll Familien zugutekommen, die ihr Kleinkind nicht in eine Kindertagesstätte bringen, sondern bis zum dritten Lebensjahr zu Hause betreuen möchten. 2013 sollen junge Familien demnach monatlich 100 Euro für das zweite Lebensjahr des Kindes bekommen, vom 1. Januar 2014 an 150 Euro für das zweite und dritte Lebensjahr. Das Betreuungsgeld soll unabhängig von Erwerbstätigkeit und Einkommen garantiert werden.

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