Eine Kolumne von Jan Fleischhauer
Die Woche ist erst halb rum, und man hat schon wieder einiges dazugelernt. Zum Beispiel, dass "exklusiv" ein relativer Begriff ist, jedenfalls in der Welt der Illustrierten. Als "Exklusiv-Interview mit Bettina Wulff" kündigte der "Stern" auf dem aktuellen Titel ein Gespräch an, in dem die "ehemalige First Lady" über ihre Eheprobleme und andere Sorgen Auskunft gibt - zeitgleich mit Interviews zum selben Themenkreis in "Bunte", "Gala" und "Brigitte".
Bislang dachte man, dass "exklusiv" so etwas wie "ausschließlich" bedeutet, nicht "besonders lang" oder "tiefschürfend", sonst könnte man ja gleich von "Tiefen"- oder "Längeninterviews" sprechen. Aber der People-Journalismus hat seine ganz eigenen Gesetze, wie sich zeigt.
Man weiß jetzt auch einiges über die Frau unseres ehemaligen Bundespräsidenten, was man so noch nicht wusste, angefangen von den Magenschmerzen, den Hautausschlägen und den Gewichtsproblemen, die das Leben im Schloss Bellevue mit sich brachte. Wenn man den Stand der bisherigen Ausführungen zusammenfassen sollte, scheint ein Grund für den Gang in die Öffentlichkeit zu sein, dass Christian Wulff in der Endphase seiner Präsidentschaft zu wenig Zeit fand, sich angemessen um die Bedürfnisse seiner Frau zu kümmern. Medieninteresse als Ersatz für die Vernachlässigung zu Haus - das kennt man von den Bulimie-Geständnissen der Diana, Princess of Wales.
Wie man sieht, macht das therapeutische Sprechen auch vor CDU-Familien nicht länger halt. Tatsächlich lesen sich weite Passagen der Mediengespräche sowie des zeitgleich erschienenen Buches wie eine Verlängerung der Paar-Sitzungen, in die sich das Ehepaar Wulff zur Bewältigung der häuslichen Krise begeben hat. Viele Ehen kommen an einen Punkt, wo es besser ist, man holt bei einem Fachmann Rat ein, anstatt sich gegenseitig die immer selben Vorwürfe an den Kopf zu werfen. Zurückhaltende Menschen mögen sich fragen, ob das alles wirklich in die Öffentlichkeit gehört. Aber solche Vorbehalte zeigen nur, dass man die Zeit verschlafen hat beziehungsweise keine Ahnung besitzt von den Imperativen der Ich-Kultur. Das therapeutische Sprechen lebt von der Idee, dass in der Mitteilung schon die Heilung liegt. Gerade in der radikalen Subjektivität steckt ein Moment der Befreiung.
Gattung der Passionsliteratur
"Jenseits des Protokolls", wie Bettina Wulffs Bekenntnisbuch heißt, gehört zu einer Gattung, die man am besten als Mitleidsliteratur bezeichnet und die eine Kränkung oder Leidenserfahrung, die früher dem diskreten Gespräch mit einer vertrauten Seele vorbehalten geblieben wäre, möglichst anschaulich, um nicht zu sagen "schonungslos" für das große Publikum aufbereitet. Es muss dabei nicht immer Krebs sein, um mit seiner Geschichte erfolgreich auf den Markt zu treten. Es reicht, dass man beim Packen einen Weinkrampf bekommt, wie Miriam Meckel mit ihrem Burnout-Brenner "Brief an mein Leben" bewiesen hat, oder vom Vater nicht genug beachtet wurde, eine Demütigung, mit der es der Kanzlersohn Walter Kohl auf ein Dauerabonnement in der Bestsellerliste brachte.
Die Passionsliteratur entzieht sich normalen Bewertungsmaßstäben, weshalb auch jeder Spott ins Leere läuft. Entscheidendes Kriterium ist nicht das Ausdrucksvermögen des Autors, sondern allein der Eindruck, den er beim Leser hinterlässt: Je mehr sich dieser durch das Geschriebene angesprochen (und das heißt betroffen) fühlt, desto authentischer und damit lobenswerter das Buch. Tatsächlich ist die Identifikationsqualität dieser Texte das entscheidende Verkaufsargument, weshalb schon in den Verlagsankündigungen laufend davon die Rede ist, wie "offen" es in dem vorliegenden Werk zugehe.
Humor? Fehlanzeige
Die einzige wirkliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere als Mitleidsliterat scheint die völlige Abwesenheit von Humor zu sein. Ironie schafft Distanz, auch zu sich selbst, genau das aber verträgt dieses Genre schlecht. "Der MENSCH meines Lebens bin ich", erklärte schon Verena Stefan in "Häutungen", dem großen Klassiker der Betroffenheitsliteratur.
Der heilige Ernst, mit dem sich die Sentimentalistin Stefan vor 37 Jahren gegenübertrat, gilt ungebrochen für alle modernen Nachfolger. So wird am Ende sogar die Frage, was man abends aus dem Kleiderschrank ziehen soll, zur existentiellen Prüfung: Jedes Kleid sei eine Verkleidung gewesen, heißt es bei Bettina Wulff, "die ich über mein eigentliches Ich stülpte".
Nächste Woche geht es weiter, nach den Zeitschriften kommen die Talkshows. Am Dienstag ist "Maischberger" dran, am Freitag folgt ein Auftritt bei "3 nach 9". Auch Beckmann will was machen; Jauch überlegt noch. Wer nun allerdings gleich eine grundsätzliche Krise bürgerlicher Normen heraufziehen sieht, sollte zur Entspannung vielleicht woanders hingucken. Zum Beispiel aufs Kanzleramt.
Man weiß von der Bundeskanzlerin, dass sie ihrem Mann morgens gerne das Frühstück zubereitet, weil sie findet, er sollte etwas Ordentliches im Bauch haben, bevor er zur Uni zockelt. Aber das ist schon so ziemlich das Privateste, was man in sieben Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel gehört hat. Wer hätte gedacht, dass man im Westen in puncto Bürgerlichkeit noch einmal etwas von jemandem aus der untergegangenen DDR lernen könnte.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH