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Bettina Wulffs Buch: Schicksalsjahre einer Präsidentengattin

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Sie ist eigentlich eine ganz normale Frau, trägt am liebsten Jeans und steht nicht gerne im Scheinwerferlicht. Und sie war keine Prostituierte. Auch um das klarzustellen, hat Bettina Wulff nun ein Buch geschrieben. Ganz nebenbei gewährt die Ex-First-Lady tiefe Einblicke in ihr Privatleben.

"Jenseits des Protokolls": Bettina Wulffs Buch Fotos
DPA

Berlin - Auf Seite 173 kommt Bettina Wulff endlich zur Sache: "Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet", stellt sie klar. "Das ist einfach absoluter Quatsch." Eigentlich ist damit alles gesagt. Denn auf diese knappe Botschaft lässt sich der Inhalt ihres Buches "Jenseits des Protokolls" zusammenfassen, das sie mit der Journalistin Nicole Maibaum geschrieben hat. Dafür hätte eigentlich auch ein Interview gereicht. Stattdessen erscheint unter großem Medienrummel ein ganzes Buch, in dem Bettina Wulff eine Art Nabelschau betreibt.

Ursprünglich sollte das Werk erst im November erscheinen, doch schon seit dem Wochenende liegt es in zahlreichen Buchhandlungen aus. Praktisch zeitgleich geht Wulff gegen Günter Jauch und Google vor, weil diese Gerüchte über ihre angebliche Rotlicht-Vergangenheit verbreitet hätten. Wohl nicht nur der Deutsche Journalisten-Verband sieht in dieser konzertierten Aktion "eine PR-Kampagne mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen".

Hat das Buch diese Aufmerksamkeit verdient? Nun, dass eine ehemalige First Lady ein halbes Jahr nach dem Rücktritt ihres Mannes ein Buch veröffentlicht, in dem sie intimste Dinge ausplaudert, ist per se schon einmal einzigartig. Dabei will Frau Wulff auf den 223 Seiten eigentlich nur klarstellen, dass sie eine ganz normale Frau ist, die am liebsten Jeans trägt, sich um ihre Familie kümmert und der das Scheinwerferlicht eher unangenehm ist.

Und die nicht als Prostituierte gearbeitet hat.

Frühstück mit Kai Diekmann

Die Verleumdungen über ihre angebliche Vergangenheit seien zum ersten Mal aufgekommen, als Christian Wulff noch Ministerpräsident in Niedersachsen gewesen sei. Nach seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten hätten diese Gerüchte an Fahrt aufgenommen und sich im Internet verbreitet. "Noch in der Nacht seiner Wahl zum Bundespräsidenten wurden renommierte Journalisten - so haben wir später erfahren - von einflussreichen Personen, darunter sogar auch andere Politiker, angesprochen, ob die Internetveröffentlichungen über mich bekannt seien," schreibt Wulff.

Im September 2010 habe dann "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann sie bei einem privaten Frühstück in Wulffs Berliner Dienstwohnung direkt gefragt, was an den Gerüchten dran sei. "Zwar versuchte ich noch, meine Fassungslosigkeit mit einem ironisch gemeinten 'Das ist ja interessant!' zu überspielen und Kai Diekmann meinte, dass damit das Thema für ihn erledigt sei. Doch für mich war damit auch das ganze Frühstück gegessen", beschreibt Wulff die Szene.

Das Frühstück mit Diekmann und die Nachforschungen der Medien wegen des Hauskaufs in Großburgwedel hätten dann zu dem Punkt geführt, der laut Bettina Wulff "rückblickend betrachtet der Anfang vom Ende war": Christian Wulffs Wutausbruch auf Diekmanns Mailbox. "In Christians Position war das ein riesengroßer Fehler." Doch der Bundespräsident sei einfach entsetzt und enttäuscht gewesen vom "Bild"-Chefredakteur - "gerade aufgrund der vorangegangenen Zusammenarbeit". Das Bundespräsidentenpaar glaubte wohl wirklich an eine Art Bonus bei "Bild", weil es das Blatt in den Jahren zuvor mit Exklusiv-Interviews und Informationen aus dem Privatleben versorgt hatte, so zum Beispiel über Bettina Wulffs Schwangerschaft 2008.

"Mein Mann hat stets Bargeld im Haus"

Zwar schreibt Wulff, dass sie sich mit ihrem Buch nicht rechtfertigen wolle, doch sie versucht genau das. Zwar könne sie zum Beispiel verstehen, wenn Außenstehende über den Privatkredit des Ehepaar Geerkens für das Haus der Wulffs in Großburgwedel den Kopf schüttelten - das sei aber nun einmal "aus purer Freundschaft" passiert. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn Christian Wulff vor dem niedersächsischen Landtag den Vertrag mit Edith Geerkens erwähnt hätte. Er habe aber nicht gelogen.

Und als die BW-Bank später angeboten habe, den Kredit abzulösen, habe man die Offerte dankbar angenommen. "Natürlich haben wir uns darüber gefreut und genauso natürlich haben wir auch nicht gesagt: 'Aber das geht doch nicht, schrauben Sie die Zinsen lieber mal ein wenig höher!'"

Auch die Aufregung um die Sylt-Urlaube der Wulffs, die zunächst vom Filmproduzenten David Groenewold beglichen wurden, kann Bettina Wulff nicht nachvollziehen. Sie hätten die Kosten stets umgehend erstattet - in bar. Dann folgt eine langatmige Erklärung über das Schenkverhalten ihrer Eltern, die in der Erläuterung mündet: "Dass zwischen dem Tag des Schenkens und dem Tag des Ausgebens manchmal Monate liegen, finde ich nicht ungewöhnlich. Vielmehr finde ich es auch ein beruhigendes Gefühl zu wissen, eine gewisse Summe an Bargeld im Haus zu haben. Dass auch mein Mann stets Bargeld im Haus hat, versteht sich von selbst."

Um ihr Privatleben von allen Gerüchten und Verleumdungen reinzuwaschen, breitet Wulff in ihrem Buch intimste Dinge aus: Sie legt Rechenschaft ab über ihre Ex-Partner (Tom, Achim, Torsten) um den Behauptungen entgegenzutreten, dass sie es auf wohlhabende oder prominente Männer abgesehen habe. Sie stellt klar, dass Christian Wulff es gewesen sei, der den Kontakt zu ihr gesucht habe, nicht umgekehrt. Sie habe auch erst nach Zögern und Bedenkzeit Wulffs Kandidatur für das Bundespräsidentenamt zugestimmt und ihren Mann nie dorthin gedrängt.

Das Tattoo als "Stück meiner Überzeugung"

Nachdem ihr Mann ins Amt gewählt wurde, habe sie sich bald "total überlastet" gefühlt. "Ich war körperlich am Ende, einfach matt und ausgelaugt." Tagsüber sei sie oft als First Lady unterwegs oder in ihrem Berliner Büro gewesen. Abends habe sie den Haushalt mit ihren Söhnen in Großburgwedel geschmissen: "Also wischte die Frau, die wenige Stunden zuvor noch irgendwelche Ministerpräsidenten oder Staatsoberhäupter anderer Länder begrüßt hatte, schnell noch Staub, räumte die Spülmaschine ein, saugte durchs Wohnzimmer, stellte gegen 19 Uhr den Söhnen ein Abendbrot auf Tisch, um sie gut eine Stunde später ins Bett zu bringen und ihnen noch eine Gutenachtgeschichte vorzulesen."

Als Frau Wulff und die beiden Kinder Ende 2010 nach Berlin ziehen, fühlen sie sich in der Dahlemer Dienstvilla unwohl. Immer beobachtet und stets kontrolliert habe sie sich gefühlt. Wenn ihr Mann im Haus war, habe sie aus Sicherheitsgründen nicht einmal die Fenster öffnen dürfen. Auf das Privatleben der Wulffs habe die ständige Bewachung Auswirkungen gehabt, offenbart sie. "Für manche mag das vielleicht anregend sein, für mich war es das nicht. Eher ging es mir im Kopf herum: 'Na, dann muss man ja verdammt leise sein, bei allem was man so tut. Vielleicht sind die Wände ja doch nicht so dick.'"

Anders als von den Medien kolportiert, habe sie sich auch nie große Gedanken um ihre Mode gemacht. Aber: "Es geht meiner Meinung nach nicht, bei einer royalen Hochzeit oder einem Staatsbankett in Jeans aufzutauchen." Derartig banale Weisheiten bringt Frau Wulff an mehreren Stellen ihres Buches unter. So erklärt sie, ihr Tattoo, das für so viel Aufregung sorgte und das sie auch auf dem Buchcover demonstrativ präsentiert, sei "ein Stück Lebensgefühl, ein Stück meiner Überzeugung, ein Stück meines Ichs".

Über ihr Ich hat Bettina Wulff in ihrem Buch mehr ausgebreitet, als man eigentlich wissen wollte.

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1. *
geroi.truda 10.09.2012
Wer derartige Literatur wohl liest? Freiwillig? Und sogar kauft? Rätsel über Rätsel...
2. Könnten..
klauslynx 10.09.2012
Könnten wenigstens Sie damit aufhören ? Nun mit einem veralteten Gerücht aufzutreten gegen das man sich damals nicht gewehrt hatte ist im zeitlichen Zusammenhang mit der "Buchsensation" schon mehr als seltsam. Es passt lückenlos zu diesem seltsamen Paar wo der geangelte Ehemann nach 2 Jahr3en die Arbeit hingeschmissen hatte und dafür über 200.000 Euro im Jahr kassiert. Dafür machen Sie nun auch noch indirekt Reklame. Auch reingefallen, wie die "Berliner Zeitung", Jauch und andere Medienschwätzer.
3. PR pur
oxy 10.09.2012
bei dem Wind den Sie hier veranstalten kann man Frau Wulff doch nur gratulieren: Ihre PR-Kampagne zum Buch/zur Selbstständigkeit ist ja ein voller Erfolg. Und SPON hält den Steigbügel. Bravo!
4. höflich
toskana2 10.09.2012
Zitat von sysopDPASie ist eigentlich eine ganz normale Frau, trägt am liebsten Jeans und steht nicht gerne im Scheinwerferlicht. Und sie war keine Prostituierte. Auch um das klarzustellen hat Bettina Wulff nun ein Buch geschrieben. Ganz nebenbei gewährt die Ex-First-Lady tiefe Einblicke in ihr Privatleben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,854986,00.html
Ich würde gern Frau Wulff höflich darum bitten, dass sie uns mit ihren privaten Angelegenheiten schont, zumal heute und morgen wichtigere Themen das Land beschäftigen! Und ich bin davon überzeugt: es gibt schlimmere Lebenstragödien als die, die sie im Moment durchlebt!
5. Wird jetzt eigentlich auch Amazon verklagt?
ottoffm 10.09.2012
Gutes Timing die Sache mit Google, Jauch & Co. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das Buch gibt es ja bei Amazon zum Vorbestellen. Aber was muss ich da weiter unten auf der Produktseite lesen? Rubrik: "Tags, die Kunden mit diesem Produkt verbinden". Dort folgen dann unschöne Wörter wie escort, eiskalt, niveaulos, prostitution, schnorren. Ich finde, konsequenterweise müsste man hiergegen klagen, auch auf die Gefahr, dass dieses Buch dann einfach ausgelistet wird :-)
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