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20. März 2017, 16:56 Uhr

Bevölkerungsentwicklung

Die Angst vor dem großen Austausch

Eine Kolumne von

Was geschah in jenen Wochen, als die Bundesregierung die Kontrolle über die Grenze verlor? Der Bestseller "Die Getriebenen" liefert neue Antworten. Der Erfolg zeigt, wie virulent das Flüchtlingsthema noch immer ist.

Der Politbestseller der Saison ist ein Buch mit schwarzem Umschlag, auf dem man die Bundeskanzlerin, den Vizekanzler und den bayerischen Ministerpräsidenten sieht. Bei Amazon stand es am Wochenende auf Platz eins. Die erste Auflage war nach zwei Tagen vergriffen, die zweite ist auch schon fast weg. Gerade lässt der Verlag die dritte Auflage im Eilverfahren drucken. 34.000 Bücher in fünf Tagen: Das ist für ein Buch, das Angela Merkel und Sigmar Gabriel auf dem Cover hat, ziemlich sensationell.

"Die Getriebenen", so heißt das Buch, ist eine detaillierte, zum Teil packende Erzählung der wilden Wochen im Herbst 2015, als der Regierung die Kontrolle über die deutschen Grenzen entglitt. Der Autor weist gleich im Vorwort darauf hin, dass die Monate, die zwischen der Grenzöffnung am 5. September 2015 und dem Tag liegen, als Mazedonien keine Flüchtlinge mehr passieren ließ, das Land tief gespalten haben. Aber das erklärt nicht den Erfolg.

Die Regierung fürchtete hässliche Bilder

Es gibt viele packende Darstellungen zeitgeschichtlich bedeutender Ereignisse, ohne dass der Verlag nach Veröffentlichung seine Kalkulationen über den Haufen werfen muss. Um zu einem Bestseller zu werden, muss ein Buch einen Nerv treffen, eine Stimmungslage. Am besten ist es, wenn es auf eine latente Erregungsbereitschaft stößt, wie es Thilo Sarrazin gelang.

Die "Getriebenen" ist das richtige Buch für alle, die schon immer den Verdacht hatten, dass die Regierung sie in der Flüchtlingskrise belogen hat. Dass es keine Möglichkeit gegeben habe, die Grenze zu schließen, ist bis heute die offizielle Lesart der Ereignisse. Das Kanzleramt bot nacheinander drei Erklärungen an, eine hanebüchener als die andere. Erst erklärte es, das sei rechtlich nicht möglich. Dann ging es angeblich praktisch nicht. Als die Lage an der Grenze zu Österreich immer prekärer wurde, hieß es, eine einseitige Grenzschließung hätte einen neuen Krieg auf dem Balkan zur Folge. Das war das finale Argument.

Jetzt lesen die Leute beim Buchautor, dem "Welt"-Redakteur Robin Alexander, dass am Nachmittag des 13. September alles bereitstand, den Flüchtlingsstrom zu unterbrechen. Die Bundespolizei hatte mehrere Hundertschaften in Bayern zusammengezogen. Aber dann wurde die Grenzschließung in letzter Sekunde abgeblasen, weil man hässliche Bilder fürchtete. Ob er garantieren könne, dass die Abgewiesenen friedlich bleiben würden, hatte Innenminister de Maizière den Chef der Bundespolizei in der entscheidenden Sitzung gefragt. Das konnte der natürlich nicht.

Jede Zeit hat ihre eigenen Zwangsvorstellungen. Vor vierzig Jahren war es die Angst vor der Atomkatastrophe, die die Menschen zu Tausenden auf die Straße trieb und mit den Grünen eine neue Partei in die Parlamente spülte - heute ist es die Angst vor einem staatlich organisierten oder zumindest geduldeten Bevölkerungsaustausch, die eine neue, vitale Protestbewegung auf die Beine gebracht hat.

Dass die Regierung einen heimlichen Plan verfolgte, als sie die Kontrolle über die deutsche Grenze aufgab, ist eine Deutung der Ereignisse, die sich in einem Teil der Öffentlichkeit erstaunlicher Beliebtheit erfreut. Bei Alexander steht ausdrücklich, dass es in der Nacht zum 13. September zu der Entscheidung kam, die Ausnahme der Grenzöffnung zum Ausnahmezustand zu machen, weil niemand die politische Verantwortung für das Ende der Willkommenskultur übernehmen wollte - also eher politisches Versagen als planvolles Vorgehen. Aber das wird von einem Teil der Leserschaft überlesen oder umgedeutet. Von der Unwahrhaftigkeit zur Lüge ist es schließlich nur ein kleiner Schritt.

Am Ende steht angeblich die Scharia

Wann die Asylkatastrophe über Deutschland hereinbrechen wird, ist nicht ganz klar, aber das ist auch nebensächlich. Entscheidend ist, dass die Vorbereitungen dazu nach Überzeugung der Gläubigen weit gediehen sind. Die "Umvolkung", wie der Begriff für den unheimlichen Prozess lautet, kommt schleichend daher, wie ein Gift, dessen Wirkung man erst spürt, wenn es zu spät ist.

Am besten lässt sich das Schreckensszenario mit einer Verwandlung vergleichen, wie man sie aus der Science-Fiction kennt. Wo eben noch Freunde und Nachbarn lebten, haust plötzlich das Fremde. "Rein äußerlich bleibt erst einmal alles so ziemlich beim Alten", hat der Zukunftsforscher Robert Jungk in einem Essay geschrieben, in dem er 1977 die Verwandlung der Bundesrepublik in einen totalitären Atomstaat ausmalte. "Viel Public Relations, Weihrauch, freundliches Lächeln."

So ist es auch jetzt wieder, wenn man den Texten der Asylapokalyptiker glauben darf. Es fängt mit ein paar neuen Gesichtern in der Nachbarschaft an, nachdem die Regierung die Grenzen geöffnet hat, um ihrer humanitären Verantwortung gerecht zu werden. Dann ändern sich die Regeln des Zusammenlebens. Aus Rücksicht auf die Zuwanderer verzichtet man in der Schule auf den Handschlag, als Nächstes ist das Schweinefleisch aus den öffentlichen Kantinen verschwunden. Am Ende steht die Scharia.

Man kann den Aufstand von rechts nur verstehen, wenn man ihn als emotionales Ereignis deutet. In der "FAS" waren am Sonntag die Ergebnisse einer neuen Untersuchung zur Anhängerschaft der AfD ausgebreitet. Im Gegensatz zu dem, was man gemeinhin über deren Anhänger denkt, sind sie nicht von größeren ökonomischen Sorgen geplagt. Tatsächlich liegt das Einkommen der Sympathisanten der AfD über dem Durchschnitt. Was sie von den anderen Wählern unterscheidet, ist ihr ausgeprägtes Katastrophenbewusstsein.

In den Zeitungen steht, dass der AfD jetzt die Luft ausgehe, weil das Flüchtlingsthema in den Hintergrund trete. Ich wäre mir da nicht so sicher. Wenn der Erfolg von "Die Getriebenen" einen politischen Hinweis zur aktuellen politischen Lage gibt, dann ist es der, dass die Leute noch lange nicht durch sind mit dem Thema.

Angst ist eine mächtige Antriebskraft. Wer den Untergang vor Augen hat, ist nicht mit der Aussicht auf höhere Renten oder billigere Mieten zu beruhigen. Man hätte den Atomgegnern die Miete ganz streichen können, sie wären trotzdem auf die Straße gegangen. Was nützt es einem, dass man umsonst wohnt, wenn morgen das Land, in dem man leben will, nicht mehr existiert?

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