Beziehungen in der Politik: Ein Freund, ein guter Freund

Von Mathias Zschaler

Gorbatschow und Honecker küssten sich, Schröder und Lafontaine lachten gemeinsam in die Kamera, Merkel und Sarkozy strahlen sich vertraut an. Wie viel ist Inszenierung? Und was ist Freundschaft in der Politik wert?

Politiker: Freund, Feind, Parteifreund Fotos
DPA

Was bedeutet Freundschaft noch, wenn dieses Wort, wenn dieser Wert zum bloßen Bedarfsartikel, ja zur Ware zu verkommen scheint? Das dürfte sich in diesen Tagen mancher fragen, der je wahre Freundschaft zu schätzen gelernt hat. Wie weit die Sinnentleerung des Begriffs gediehen ist, zeigt schon, was in sozialen Netzwerken wie Facebook geschieht, wo Freunde gesammelt werden wie Albumbildchen, ohne dass die Probe aufs Exempel darauf abgelegt werden müsste, ob sie tatsächlich solche sind: Menschen, mit denen einen Vertrauen und absolute Verlässlichkeit verbinden, ohne Fragen nach dem Warum und Wozu.

Dem virtuellen Verschleiß entspricht jener Umgang mit Freundschaft, wie er aktuell im politischen Geschäft zu beobachten ist, vorgeführt vom notorischen Netzwerker Christian Wulff und anderen.

Allerdings ist seit jeher Skepsis geboten, wenn in der Politik von Freundschaft gesprochen wird. Mit dem, was im Privaten darunter verstanden wird, hat das in der Regel herzlich wenig zu tun. Und auch nicht mit jener großen, pathetischen Idee, die einst etwa die Dichterfürsten Goethe und Schiller verband, nachdem Letzterer es sogar auf sich genommen hatte, fast zwei Jahre vergebens auf den Meister in Weimar zu warten. Eher schon fällt einem da die Beziehung zwischen Franz Josef Strauß und Helmut Kohl ein, deren Besonderheit darin bestand, dass für sie nicht einmal mehr die gängige politische Formel "Freund, Feind, Parteifreund" ausreichte. Eine "Männerfreundschaft" war das in den Worten Kohls, was wenig Gutes ahnen ließ.

Wesentlich besser kam er mit denen klar, die der politischen Couleur nach eigentlich nicht zu ihm passten:

• mit dem französischen Sozialisten François Mitterrand, mit dem er sogar Händchen hielt,

• mit dem amerikanischen Beinahe-Sozi Bill Clinton und

• vor allem mit dem ehemaligen Sowjetchef Michail Gorbatschow. Da gab es Saumagen-Essen in der Pfalz oder Auftritte in Strickweste im Kaukasus, um allen zu zeigen, wie eng man miteinander war.

Und Helmut Schmidt, der seine Freundschaft zum Franzosen Valéry Giscard d'Estaing - ebenfalls aus dem anderen Lager - zwar mit hanseatischem Unterstatement, aber gleichfalls ziemlich demonstrativ pflegte, lud gern ins Hamburger Reihenhaus.

Spezialfall sozialistische Freundschaft

Da wurde durchaus das Private zu politischen Zwecken instrumentalisiert, doch wie privat es tatsächlich war, blieb das Geheimnis der Beteiligten. War jemand wie der Kanzler Kohl überhaupt richtig freundschaftsfähig? Man weiß es nicht. Ebenso wenig ist verlässlich bekannt, wie es in der Beziehung zwischen Madame Merkel und Herrn Sarkozy tatsächlich zugeht, wenn gerade kein Kameraauge dabei zuschaut, wie sie einander mit Küsschen begrüßen.

Zum Glück wird diese Sitte ohnehin nur noch rudimentär unter echten wie falschen politischen Freunden praktiziert, seit die Sowjetunion untergegangen ist. Das Regime war bekanntlich nicht nur das Reich des Bösen, sondern auch das Paradies der oktroyierten Freundschaften - selbst mit fremden Völkern. Und immer musste es auch gleich Küsse setzen. Die waren oft genug vergiftet, insbesondere jener, den Gorbatschow zum bitteren Ende dem armen Erich Honecker verabreichte, der erst mit Verspätung mitbekam, dass es der letzte war. Wenn je ikonografisch festgehalten wurde, wie verlogen politische Freundschaft sein kann, dann auf jenem Foto von Honni und Gorbi.

Nicht ganz so dramatisch, aber ebenfalls spektakulär, zerbrach eine andere sozialistische Freundschaft: die zwischen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine. Die Folgen sind bekannt: neue Paare, sogar eine neue Partei. Lafontaine wandte sich später auch noch ganz persönlich Sahra Wagenknecht zu, was gewisse Assoziationen hervorrief und den einen oder anderen an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht denken ließ. Schröder musste fortan mit Freund Wladimir Putin vorlieb nehmen, dem lupenreinen Demokraten.

Einladung zum Fremdschämen

Manche Freundschaften sind einfach nur peinlich, weil jeder sofort durchschaut, dass irgendetwas daran nicht stimmt. Nun ja, fast jeder. Die CDU-Politikerin Erika Steinbach beispielsweise brauchte unlängst eine ganze Weile, bis ihr klar wurde, dass sie sich bei Facebook einen veritablen NPD-Funktionär als Freund eingehandelt hatte.

Und unvergessen als Einladung zum Fremdschämen bleibt der Auftritt, den Guido Westerwelle hinlegte, nachdem es nächtens zur Aushandlung des schwarz-gelben Koalitionsvertrags gekommen war und ihn ein offenkundig nicht unterdrückbares Bedürfnis überwältigte, der Welt mitzuteilen, dass er jetzt mit Horst Seehofer per du sei. Und in einer Gefühlsaufwallung, bei der sich dem Rückgriff auf das berühmte Zitat aus "Casablanca" wohl auch eine Prise Sturm und Drang beimischte, ließ er sich zu der Behauptung hinreißen, dies sei "der Beginn einer wunderbaren Freundschaft".

Zu wahrer Freundschaft gehört auch Diskretion, was in den Zeiten des sozialen Exhibitionismus oft in Vergessenheit zu geraten droht. Ein schönes Beispiel dafür haben ausgerechnet die Grüne Claudia Roth und der Pechschwarze Günther Beckstein geliefert, die irgendwann vor laufender Fernsehkamera, fast beiläufig und ein bisschen verschämt, bekannten: ja, sie seien Freunde. Wer hätte das gedacht?

Wer übrigens denkt, in puncto Freundschaft sei früher einmal alles besser gewesen, irrt gründlich. Schon die alten Römer, denen wir sozusagen die geistigen Grundlagen und den philosophischen Überbau des Freundschaftsbegriffs verdanken, verfuhren mit der Amicitia ziemlich pragmatisch und kannten sie in diversen Abstufungen und Varianten. Die gebräuchlichste, zumindest im Alltag der besseren Kreise, war ihre Verwendung zwecks Beziehungspflege zum beiderseitigen Nutzen. Heute würde man das Amigo-Wirtschaft nennen.

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