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Bilanz des Anti-Atom-Protests: Castor-Gegner und Polizei beklagen Brutalität

Der Castor-Transport ist nach mehr als fünf Tagen in Gorleben angekommen, der Widerstand war so heftig wie noch nie. Demonstranten und Polizei ziehen eine erste Bilanz: Beide Seiten werfen sich massive Gewalt während der Proteste vor.  

Wasserwerfer-Einsatz bei Castor-Transport: Beide Seiten beklagen Verletzte Zur Großansicht
DPA

Wasserwerfer-Einsatz bei Castor-Transport: Beide Seiten beklagen Verletzte

Gorleben - Nach 126 Stunden sind die Castor-Behälter am Montagabend in Gorleben angekommen. So lange hat noch kein Transport in das Atommülllager gedauert. Unmittelbar nach dem Eintreffen begann die Aufarbeitung der massiven Proteste. Polizei und Demonstranten beschuldigen sich gegenseitig der Gewalt.

"Der Hass und die Gewalt, die meinen Kolleginnen und Kollegen von einzelnen autonomen Gruppen entgegenschlugen, waren ohne Beispiel", sagte der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut. Der Transport müsse ein politisches Nachspiel haben, forderte er. Es sei "bedrückend, dass sich auch Politiker und Bürgerinitiativen nicht eindeutig von dieser Gewalt distanziert" hätten. Die gegen Polizisten eingesetzten Waffen würden immer brutaler. So seien Beamte aus den Reihen der Demonstranten mit nagelgespickten Golfbällen beworfen worden.

Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) kritisierte die seiner Einschätzung nach zunehmende Gewalt militanter Demonstranten am Rande des Castor-Transports. Beamte seien in "ziemlich brutaler Form" attackiert worden. Das habe es in Castor-Zeiten "so noch nicht gegeben". Etwa hundert Polizisten seien verletzt worden. 15 bis 20 seien außerdem dienstunfähig.

"Für die Polizei war es ohne Frage der härteste Einsatz, seit die Castor-Transporte stattfinden mussten", sagte Schünemann. Neben 8000 friedlichen Demonstranten hätten die Beamten "über 450 autonome Chaoten aus dem ganzen Bundesgebiet" erlebt. Diese hätten außerdem Hunderte zunächst friedliche Demonstranten "angesteckt". Schünemann widersprach dem Vorwurf, die Polizei habe Fehler gemacht. "Die Einsatzkräfte sind bei den Sitzblockaden sehr besonnen vorgegangen", sagte er.

Atomkraftgegner kündigen weitere Aktionen an

Die Atomkraftgegner beklagten dagegen, dass durch den harten Einsatz der Polizei 355 Demonstranten verletzt worden seien, fünf davon schwer. Die meisten von ihnen hätten Verletzungen durch Pfefferspray oder Schlagstöcke erlitten. "Die Nervosität und Aggressivität bei den Polizeikräften ist größer geworden", bilanzierte die Bäuerliche Notgemeinschaft, in der sich vor allem Landwirte aus der Region gegen das Atomlager Gorleben zusammengeschlossen haben. Die Polizei sei überzogen gegen die Blockierer vorgegangen.

Auch Grünen-Bundeschefin Claudia Roth hatten zuvor kritisiert, Polizisten seien teils unverhältnismäßig gegen Demonstranten vorgegangen. Die Atomkraftgegner im Wendland bewerteten ihren tagelangen Protest als Erfolg. Einmütig forderten die Widerstandsgruppen, dass die Politik den Bürgerprotest endlich ernst nehmen müsse und die Planung für ein mögliches Endlager in Gorleben sofort stoppen solle.

Jochen Stay von der Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt sagte, Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sei mit seiner Politik gescheitert. "Ein Konsens im Bundestag ist kein Konsens in der Bevölkerung." Mathias Edler von Greenpeace betonte, mit dem Widerstand gegen den Castor-Transport seien die Atomkraftgegner einem Baustopp für ein Endlager in Gorleben einen entscheidenden Schritt näher gekommen. "Dieser Rekord-Castor-Protest ist Norbert Röttgens schwerste Niederlage", sagte Greenpeace-Atomexperte Tobias Riedl.

Die Atomkraftgegner kündigten auch nach der Ankunft des Transports im Zwischenlager Gorleben weitere Aktionen an. "Der Castor-Transport ist am Ende, wir noch lange nicht", erklärte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood erklärte, die Anti-Atom-Bewegung sei stark und werde weitermachen, "bis die verantwortungslose Atommüllproduktion gestoppt ist".

Der 13. Castor-Transport hatte am Montagabend nach mehr als fünf Tagen voller Proteste sein Ziel erreicht. Störaktionen hatten den Transport bis zuletzt behindert.

anr/dpa/AFP/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
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1. Statistik
mrgraffity 29.11.2011
100 verletzte Polizisten? Wahrscheinlich gestolpert/ gestürzt (siehe Fotos der mißglückten Bachüberquerung) oder vom eigenen Pfefferspray beeinträchtigt (friendly fire). Es lebe die Statistik.
2. hmm
WegZumLicht 29.11.2011
ich verstehe nicht was das alles soll, kann man diesen atommüll nicht klammheimlich transportieren? dann gibts auch keine proteste. und generell, wen juckt es ob in hunderten metern tiefe irgend ne tonne radioaktiver abfall liegt?
3. Warum diese Demo?
Jeti2010 29.11.2011
Spätestens nach Fukushima ist die Mehrheit der Bevölkerung für einen Ausstieg. An einem Abbau der "Altschulden" muß jetzt gemeinsam gearbeitet werden. Ich finde diese Demo unnötig und mit scheint das die Demonstranten ein letztes Mal "Party" machen wollen. Dies kostet uns allen enorme Kosten. Ich finde die Demonstranten, die deutlich den Transport verzögern sollen an den mehr entandenen Kosten beteiligt werden.
4. merken die
sitiwati 29.11.2011
eigentlich nicht, wie den Bürger die Proteste langweilen, wie s21 , na Gott sei Dank, das war der letzte Transport!
5. Deren Problem: Wohin mit sich selbst?
EchoRomeo 29.11.2011
Grüne und Protest haben sich jahrzehntelang sehr "billig" und "einfach" gegenseitig Wichtig gemacht und gefördert. Leider fehlt ab sofort die Geschäftsgrundlage für dieses parasitäre Auskommen. Ein neues Wirt ist - für beide - nicht in Sicht, darum kämpfen sie nun ihren letzten Kampf. Nicht etwa gemeinsam, die (semi)-professionelle Atombewegung wird für Grün brandgefährlich. Mangels anderer "natürlicher Feinde" könnten die auf die naheliegende Idee kommen und ab sofort gegen Alles, insbesondere Stromtrassen, sogar gegen erneuererbare Energien anzutreten bzw die Öko-Partei damit zu erpressen. Dann sitzt Grün in der Glaubwürdigkeitsfalle. PS: Wie ungemütlich die werden kann, sieht der einzige Grüne Miniterpräsident Kretschmann gerade in Baden-Württemberg. Er muß plötzlich gegen das eigene Klientel antreten und das Bahnhofsprojekt durchsetzen. Wahrscheinlich wird er dabei Grün zerreißen, bzw als Verein von Angsthasen, Maulhelden mit militantem Flügel outen. Wahrscheinlich gelingt beides.
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Castor-Transport: Blockade bis zum letzten Kilometer

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Castor-Lexikon
Castor-Behälter
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
Wenn der 13. Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1200 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Es ist der letzte Transport von Frankreich nach Gorleben, ab 2014 soll jedoch Atommüll aus Großbritannien eingelagert werden.
Endlager
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll. Anwohner und Politiker protestieren gegen ein mögliches Endlager in Niedersachsen. Laut Grünen war der Auswahlprozess in den siebziger Jahren manipuliert, Gorleben scheide damit als Kandidat aus.
Schottern
Die Gruppe "Castor? schottern!" will auch in diesem Jahr das Gleisbett der Transportstrecke abtragen - und damit den Transport der Castoren behindern. Das ist illegal, trotzdem rechnen die Organisatoren wieder mit einer hohen Zahl an Teilnehmern. Wo und wann die Aktionen stattfinden, wird im Vorfeld geheim gehalten.
Verladebahnhof
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen.
Zwischenlager
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.


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