Bilderstreit "Wir sollten nicht der Illusion Bushs verfallen"

Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter warnt davor, die islamische Welt im Karikatur-Streit weiter zu provozieren und zu demütigen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum ein Krieg gegen Iran längst nicht das Ende der Gewaltspirale wäre.


SPIEGEL ONLINE:

Nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in westlichen Zeitungen, die den Propheten als Terroristen zeigen, wächst in der islamischen Welt der Hass und die Gewalt gegen den Westen. Haben wir es mit einem Zusammenprall der Kulturen zu tun, von dem Samuel Huntington sprach?

Richter: Bisher noch nicht. Aber es könnte so kommen, wenn man jetzt im Wettbewerb der Eskalierung, der gegenseitigen Beleidigungen, Kränkungen und Bedrohungen fortfährt, anstatt sich besser als in den letzten Jahren um Deeskalierung zu bemühen.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte diese Deeskalierung aussehen?

Ahmadinedschad: "Bushs Irakkrieg hat ihm geholfen"
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Ahmadinedschad: "Bushs Irakkrieg hat ihm geholfen"

Richter: Der Westen sollte alle Provokationen unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen. Wir sollten die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten. Das waren übrigens Ratschläge von Ex-Bundespräsident Rau.

SPIEGEL ONLINE: Zur Zeit gehen tausende Muslime auf die Barrikaden. Dialogbereitschaft sieht anders aus.

Richter: Wir kennen doch solche Temperamentsausbrüche in diesen Ländern. Wir sollten die Randale und den Vandalismus rasender Massen nicht mit der Verfassung der Mehrheiten gleichsetzen, die den Terrorismus genau so verabscheuen wie wir und sich mehr Besonnenheit wünschen. Darauf muß der Westen mehr eingehen.

SPIEGEL ONLINE: Als tieferen Grund für den Konflikt wird immer wieder angeführt, muslimische Gesellschaften seien voller Frustrierter. Leiden sie angesichts der westlichen Prosperität an einem Neid- oder Minderwertigkeitskomplex?

Richter: Natürlich erkennen die islamischen Völker die Armutskluft und ihre Entwicklungsrückstände. Aber deshalb brauchen sie eben Unterstützung und eine Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe. Die Palästinenser stoppten die Intifada, als Rabin ihnen einen eigenen Staat versprach, und jetzt vorläufig wieder, als Scharon mit der Freigabe des Gaza-Streifens ihnen neue Hoffnung machte. Für die Muslime ist wichtig, als ebenbürtig anerkannt und gewürdigt zu werden. Aber die wachsende Armutskluft ist ein übergreifendes globales Problem, von dem die augenblickliche Kriegspolitik so stark ablenkt, dass man glauben möchte, das sei ihr eigentlicher heimlicher Zweck.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, der aggressive Westen betreibe eine Eskalation der Gewalt?

Richter: Als Psychoanalytiker kann ich meinen Verdacht nicht unterdrücken, dass die Verschärfung der Konfrontation, insbesondere durch den Irakkrieg, nicht nur aus Versehen passiert ist. Was jetzt den Karikatur-Streit anbetrifft, so wussten doch alle, dass die Religion für die Muslime eine zentrale identitätsstiftende Rolle spielt, und dass das vielfache Nachdrucken der Karikatur, die Mohammed als Bomben-Terroristen zeigt, als trotzige Verhöhnung verstanden werden musste.

SPIEGEL ONLINE: Der pakistanische Schriftsteller Ibn Warraq, der sich vom Islam abgewandt hat, fordert, der Westen dürfe dem Druck aus der muslimischen Welt auf keinen Fall nachgeben. Er dürfe sich für den Abdruck der Karikaturen nicht entschuldigen, denn die Meinungsfreiheit sei das höchste Gut.

Richter: Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut der Demokratie. Aber sie verlangt auch eine demokratische Reife der Menschen, die den Freiraum nicht zu religiösen Beleidigungen missbrauchen. Mit den Karikaturen haben die Verantwortlichen sich selbst entwürdigt, nicht etwa Zeugnis für ein höheres Demokratie-Niveau abgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt gibt es auf islamischer Seite den Versuch der größten iranischen Zeitung, in einem Karikaturenwettbewerb den Holocaust zu verunglimpfen.

Richter: Natürlich wird sich der Westen von dieser Beleidigungsspirale nicht einfangen lassen. Er sollte vielmehr alles versuchen, wieder ein Gesprächsniveau mit den islamischen Kräften, gerade auch in Iran, zu erreichen, die alles andere wollen, als die kulturelle Kluft in Richtung Kriegsgefahr noch weiter zu vertiefen. Es geht nicht darum, wer den anderen mit Beleidigungen tiefer verletzen kann, sondern darum, mit Hilfe vernünftiger Mehrheiten der Unfriedlichkeit entgegenzuwirken, so wie das zum Beispiel Israelis und Palästinenser in ihrem Fall überwiegend dringend wünschen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die derzeitigen politischen Führer in Orient und Okzident dazu in der Lage?

Richter: Beide Seiten können nur entweder gemeinsam auf eine Stufe höherer Zivilisierung aufsteigen oder gemeinsam auf ein Niveau primitiver Destruktivität zurückfallen. Der Irakkrieg sollte uns eine heilsame Lehre sein. Wir sollten nicht der Illusion George W. Bushs verfallen, mit überlegener Stärke das Böse ausrotten zu können. Auch der Ohnmächtigste behält immer noch genügend Macht, um den Rest Ohnmacht des Mächtigsten zu treffen. Als lebende Bomben sind radikale Muslime imstande, selbst den größten militärischen Vorsprung des Westens wett zu machen. Bushs Hoffnung, mit Krieg den Terrorismus auszulöschen, ist komplett gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Ist die islamische Welt überhaupt reif für Demokratie? Oder setzt Demokratie einen Säkularisierungsprozess voraus?

Richter: Iran war ein Beispiel für die Demokratisierung eines islamischen Landes. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Iran eine funktionierende Demokratie mit Mossadegh als Premier. Doch weil der das Öl verstaatlichen wollte, haben ihn die Amerikaner mittels der CIA gestürzt und dem Volk Schah Reza Pachlevi vor die Nase gesetzt. Das war 1953. Den Älteren ist dies noch sehr präsent. Mit der damaligen Zerstörung der Demokratie haben die USA den antiamerikanischen Hass in Iran entzündet, der später zu der Mullah-Revolution führte und bis heute weiter wirkt.

SPIEGEL ONLINE: Heute sitzt in Iran ein Präsident namens Ahmadinedschad. Er zweifelt das Ausmaß der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs an, plant eine Holocaust-Konferenz und schickt Hasstiraden gen Israel. Ist er ernst zu nehmen oder ein Fall für die Psychiatrie?

Richter: Hätte sich der Westen in den letzten 20 Jahren mehr um die kritischen reformwilligen Kräfte in Iran gekümmert, wäre dieser unsägliche Ahmadinedschad kaum an die Macht gelangt. Geholfen hat ihm auch Bushs Irakkrieg, der das Feindbild USA wieder sehr erstarken ließ. Ich höre, dass nun viele im Lande nichts mehr wünschen, als ihn los zu werden, weil ihnen dämmert, welches Unheil er herauf zu beschwören droht. Aber dieser Prozess kann nur von innen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie eine Möglichkeit, die interkulturellen Spannungen in der Gegenwart zu entschärfen?

Richter: Es ist die Gefahr, dass wir auf einen Irankrieg zusteuern, und dass dieser längst nicht das Ende der Gewaltszenarien sein wird. Im Mittelalter halfen Philosophie und Theologie, über den Schlachtfeldern der sieben Kreuzzüge eine hoffnungsverheißende Lehre auszubreiten. Die großen Denker Averroes (Muslim), Maimonides (Jude) und später Albertus Magnus (Christ) kamen auf die Idee, dass es nur eine einzige Vernunft gibt - heute würden wir vielleicht Wertewelt sagen. Diese ist allen monotheistischen Religionen gemein. Hinzu kommt dann die jeweils besondere Offenbarung. Johannes Paul II. hat daran angeknüpft, als er die Religionen in Assisi zum Friedensgebet versammelte und in Jerusalem an der Klagemauer gebetet und in Damaskus die Omajaden-Moschee besucht hat. Es wäre jetzt die Aufgabe der Intellektuellen aufzuzeigen, dass unser Geschlecht eine einzige Wertewelt der Humanität verbindet, die eine universale Kultur des Friedens nicht durch einen Sieg der einen über die anderen, sondern nur durch Fortschritt einer globalisierten Solidarisierung möglich macht.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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