Bildungsprotest: Humboldt-Uni reagiert bestürzt auf Schülerrandale

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Eine zerstörte Ausstellung, abgerissene Feuerlöscher, Berichte über tätliche Angriffe: Die Humboldt-Uni ist entsetzt über die Randale am Rande der Berliner Schülerdemo. Die Organisatoren bedauern die Zerstörungen - äußern aber indirekt Verständnis für den Gewaltausbruch.

Berlin - Am Tag danach hat der Präsident der Humboldt-Universität (HU) seine Bestürzung in Worte gefasst: "Es gibt keinerlei Rechtfertigung für Gewalt, auch nicht für Gewalt gegen Sachen", ließ Christoph Markschies in einer offiziellen Erklärung verbreiten, wütend über das, was jugendliche Krawallmacher am Mittwoch in seiner Uni angerichtet haben: Im Foyer beschädigten die Chaoten die Ausstellung über das Unrecht an jüdischen Unternehmern in der Nazi-Zeit, sie zerstörten Schautafeln, rissen Feuerlöscher von der Wand und entleerten diese, sie brachen Schaukästen auf, verteilten überall Toilettenpapier, in einer Ecke zündeten sie es sogar an.

Der Vandalismus sorgte auch in höchsten politischen Kreisen für Empörung. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte am Donnerstag, die Ausschreitungen an der Universität erfüllten ihn mit Schrecken: "Dass dabei nicht einmal vor einer Ausstellung über jüdische Unternehmen in der NS-Zeit halt gemacht wurde, ist deprimierend und löst Zorn aus."

Eigentlich hatten in der Hauptstadt - wie auch in zahlreichen anderen Städten - am Mittwoch zunächst Tausende Schüler friedlich für eine bessere Bildungspolitik demonstriert. Nach einer Kundgebung auf dem Bebelplatz drängten um die Mittagszeit dann rund tausend Demonstranten in das Uni-Hauptgebäude. Sie stürmten auch eine Manager-Tagung zum Thema Patentschutz an Hochschulen. Dort soll auch ein Laptop gestohlen worden sein.

Nachdem die Demonstranten wieder abgezogen waren, sicherten Polizisten das Gebäude. In der Uni selbst kamen Sicherheitskräfte in Absprache mit der Uni-Verwaltung nicht zum Einsatz. Die Polizei nahm die Personalien von drei Schülern auf. Es sei nun die Frage, ob ihnen konkret eine Beschädigung der Universität nachgewiesen werden könne, sagte ein Polizeisprecher. Die HU hat Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gegen unbekannt erstattet.

Organisatoren feiern "vollen Erfolg"

Auf der Homepage der Organisatoren der Schülerdemos hieß es, der Streik sei "ein voller Erfolg". Insgesamt seien rund 100.000 Schüler in ganz Deutschland auf die Straße gegangen. Von den Randalen in der Berliner Uni sei die Landesschülervertretung in Berlin überrascht worden, sagte deren Sprecher, Lee Hielscher, am Donnerstag. Man wisse noch nicht, von wem die Gewalt ausgegangen sei.

Die Zerstörung der Ausstellung bedauerte Hielscher sehr, rechtfertigte sie aber indirekt. An Schulen herrsche eine "enorme psychische Gewalt": "Die Zerstörung an der Humboldt-Universität ist Teil einer langen Reihe von Gewalt." Sein Kollege in der Landesschülervertretung, Micha Schmidt, hatte sich am Mittwoch gegenüber SPIEGEL TV Online ähnlich geäußert. Sich an Sachen zu vergreifen, sei ein Ausdruck von Wut und Ohnmacht. Dies löse zwar keine Probleme, setze aber ein Zeichen, dass Schüler, Studenten und Lehrer unzufrieden seien.

In linken Internet-Foren wird die Randale kontrovers diskutiert. Auf der Online-Plattform "Indymedia" bezeichnet ein Kommentator die Schäden als "Kollateralschaden" bei der Stürmung des Gebäudes. Zudem habe sich im allgemeinen Tumult niemand mit den Inhalten der Ausstellungstafeln auseinandergesetzt. Immerhin: Dass einige Chaoten auch Klopapier anzündeten und Feuerlöscher entleerten, hält der Schreiber für kritikwürdig.

"Was habt ihr für ein Problem?", fragt dagegen ein anderer. "Das sieht witzig aus, macht 'ne Menge Dreck und war für die Action dort genau so gut und richtig, wie den Müll, das Klopapier und die Bilder der Wissenseliten rumzuwerfen... perfekt!"

Einige Einträge sprechen allerdings eine ganz andere Sprache: Ein Schreiber merkt an, dass sich nun keiner der Demonstranten über die negative öffentliche Wahrnehmung des Protests wundern dürfe. "Die ganze Planung einer tollen Aktion wegen so ein paar Spinnern zerstört!!!", erregt sich der Kommentator. "Das war echt beschissen in der HU."

"Marginale" Randale

Uneins über die Bewertung der Demo sind sich auch die Mitglieder der der Linkspartei nahestehenden Jugendorganisation Solid, deren Fahnen und Transparente in der Uni zu sehen waren. Solid-Sprecher Haimo Stiemer sieht keinen Grund zur Aufregung. Die Linksjugend befürworte zivilen Ungehorsam, dazu gehöre auch die Besetzung von Universitäten, sagte Stiemer. Die Ausschreitungen seien zu verurteilen, bildeten aber die Protestbewegung nicht ab.

Der Solid-Arbeitskreis "Shalom", der sich als Plattform gegen Antisemitismus versteht, bedauerte, dass die Vorfälle nicht in einer offiziellen Stellungnahme erwähnt würden. Dass die Demonstranten nicht gewusst hätten, was für eine Ausstellung das sei, könne er sich nicht vorstellen, sagte "Shalom"-Sprecher, Benjamin-Christoph Krüger. Viele hätten die Zerstörung in Kauf genommen: "Das hat nichts mehr mit Kritik am Bildungssystem zu tun."

Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Humboldt-Universität berichtete SPIEGEL ONLINE am Donnerstag von antiisraelischen Äußerungen der Demonstranten. Er habe die Schüler im Foyer der Hochschule verärgert darauf hingewiesen, dass die Universität Gäste aus Israel habe: "Was sollen die über die Zerstörung der Ausstellung denken?" Daraufhin habe ein schwarzgekleideter Demonstrant "Scheiß Israel" gerufen und ihn mit einer Fahnenstange angegriffen. Eine Sprecherin bestätigte, dass die Uni über diesen "ernstzunehmenden" Vorfall informiert wurde.

Auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, erklärte, dass nach ihren Informationen auch antisemitische Äußerungen gefallen seien. Falls sich dies bestätigen sollte, müssten die Jugendlichen "so hart wie möglich bestraft" werden, sagte Süsskind der Nachrichtenagentur ddp. Sie verlangte zudem, dass sich die Schülervertretung für die "blinde Zerstörungswut" bei der Jüdischen Gemeinde entschuldigt. Die Randale seien eine Beleidigung für die Jüdische Gemeinde.

Ausstellung wird wiederhergestellt

Berlins Bildungs- und Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner war am Donnerstag zunächst nicht für einen Kommentar zu erreichen. Der SPD-Politiker war am Mittwoch selbst von einer wütenden Gruppe Demonstranten an der Technischen Universität in Berlin überrascht worden. "In der Zielrichtung bin ich mit ihnen einig", sagte Zöllner dem ZDF mit Blick auf die Proteste. "Wir müssen allerdings sehen, dass man nur das Mögliche machen kann." Man strenge sich an in Berlin und sei in Bildungsfragen auch ein Stückchen weitergekommen.

Die HU will die Ausstellung nun so bald wie möglich wieder herstellen. Auf einer zusätzlichen Schautafel werde über den "unerträglichen Angriff auf die freiheitliche Ordnung dieses Landes" informiert, kündigte Präsident Markschies an. Der Projektleiter Christoph Kreutzmüller sagte bereits am Mittwochabend, der schlimmste Schaden sei nicht das Instandsetzen der Schau, sondern die "moralische Verunsicherung".

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