Bio-ID Der Körper als Ausweis

Iris scannen, Fingerabdrücke digitalisieren oder Daten per Gesichts- und Spracherkennung speichern - mit der so genannten Biometrie will Innenminister Otto Schily den Terror bekämpfen. Doch wie kann Sicherheit erreicht werden, ohne Freiheitsrechte einzuschränken?

Von Mareike Zoll


Der elektronische Fingerabdruck ist eines von mehreren biometrischen Merkmalen
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Der elektronische Fingerabdruck ist eines von mehreren biometrischen Merkmalen

Hamburg - Alle Welt redet von Sicherheit. Elektronische Überwachung und Rasterfahndung gehören spätestens seit den Terroranschlägen von New York und Washington wieder zum alltäglichen Sprachgebrauch. Vor diesem Hintergrund will Innenminister Otto Schily ein neues, zweites Sicherheitspaket schnüren. Ziel ist es unter anderem, fälschungssichere Identitätspapiere herzustellen. Dafür wird das Speichern so genannter biometrischer Daten, zu denen auch der digitale Fingerabdruck gehört, auf Personalausweisen erwogen.

Bei Kontrollen lasse sich dann prüfen, ob derjenige, der das Papier in der Hand hält, auch tatsächlich mit demjenigen übereinstimmt, auf den der Ausweis ursprünglich ausgestellt wurde, verlautet aus dem Ministerium. Schilys Anti-Terror-Paket soll allerdings nicht sofort umgesetzt, sondern dem Innenministerium als Möglichkeit eingeräumt werden - per Rechtsverordnung, ohne Parlamentsbeschluss. Anfang November sollen die Sicherheitsvorschläge dem Kabinett vorgelegt werden.

Biometrische Merkmale

Durch biometrische Merkmale wird der Mensch zum Passwort, sein Körper zum Ausweis. Das bekannteste individuelle Erkennungszeichen ist der digitale Fingerabdruck. Statt auf ein Stempelkissen wird der Finger auf eine Abtastplatte gelegt. Sekundenschnell erfasst dann ein Silikon-Sensor die typischen Verzweigungen der Papillarlinien und verbindet sie miteinander - es entsteht eine Art Sternenbild, das mit bereits abgespeicherten Bildern verglichen wird. Diese Methode ist nach Angaben von Sascha Groth, Computer-Experte beim Berliner Unternehmen BioID, die einfachste und billigste Variante der Biometrie. Das Einscannen der Iris, der Regenbogenhaut des Auges, sei indes viel teurer und komplizierter. Dabei liest eine Kamera mit einem Koordinatenraster die Irisstruktur aus dem Auge ab. "Mit Hilfe dieser Methode können sogar mögliche Viruserkrankungen und Drogenkonsum des Menschen ermittelt werden", erklärt Groth. "Das ist verfassungsrechtlich natürlich sehr bedenklich."

Auch die Sprache taugt als biometrisches Merkmal. Zur Spracherkennung wird ein festgelegter Satz aufgenommen, der bei der entsprechenden Person immer wieder als Identifikationsmerkmal dient. Diese Methode weise jedoch ebenfalls Qualitätsmängel auf, sagt Groth. Allein durch Erkältung oder Heiserkeit verändere sich die Stimme so sehr, dass Fehler beim Datenvergleich entstünden.

Das Gesicht ist ebenfalls biometrisch erfassbar. In England gehört die Gesichtserkennung längst zum Alltag. Videokameras auf Flughäfen, an Geldautomaten oder in Parkhäusern filmen das Geschehen an einem öffentlichen Ort. Die aufgenommenen Personen werden mit mutmaßlichen Tätern einer Verbrecherkartei verglichen und eventuell herausgefischt. Menschen könnten sogar dann identifiziert werden, wenn sie sich einen Bart wachsen ließen oder eine Sonnenbrille trügen, erklärt Groth. Allerdings könnten unterschiedliche Lichtverhältnisse bei den Video-Aufnahmen Fehlerquellen verursachen.

Mit Vorsicht genießen

Körper als Ausweis: Gesicht - Stimme - Lippenbewegung

Körper als Ausweis: Gesicht - Stimme - Lippenbewegung

"Egal welche biometrischen Merkmale verwendet werden, deren Aufnahme muss immer absolut auf ein notwendiges Maß beschränkt werden", sagt Groth. "Die Datenspeicherung muss mit Vorsicht genossen werden und darf nicht dazu führen, dass beliebig viele Daten registriert werden." Solange jeder Mensch allerdings seine persönlichen Daten nur bei sich trüge und diese nicht auf einer zentralen Datenbank gespeichert würden, sei die Biometrie eine viel versprechende Methode.

Während das erste Sicherheitspaket von Schily unmittelbar nach dem 11. September noch von den meisten Politikern problemlos akzeptiert wurde, macht sich bei den nachfolgenden Vorschlägen Widerstand breit. Nach Angaben der PDS-Innenpolitikerin und stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Petra Pau, ist Schilys Vorhaben "bedenklich, weil Bürgerinnen und Bürger intimste Daten mit sich herumtragen müssten, die sie nicht einmal selbst kennen, da diese verschlüsselt wären". Damit würden "Risiken vor Nutzeffekten" überwiegen, sagt Pau. Das Einführen von "hoch-technisierten Ausweisen" sei "rechtsstaatlich höchst bedenklich". Terroristische Schläfer könnten die Sicherheitsbehörden damit nicht eher aufspüren, schließlich tauche ihre Signatur bislang in keiner Verbrecherdatei auf. Auch Daten über Gesundheit oder sexuelle Disposition jedes Einzelnen dürften nicht in irgendeiner Chipkarte gespeichert werden, fordert Pau.

Erkennungszeichen ist nicht gleich Erkennungszeichen

Die Grünen scheinen zumindest bei der Gesichtserkennung nicht auf Konfrontationskurs mit Schily zu gehen. Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Cem Özdemir, sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", Gesichtserkennung sei ihm "sympathischer" als die Speicherung von Fingerabdrücken. Politiker der Grünen hatten der Zeitung zufolge darauf hingewiesen, dass die Speicherung der Fingerabdrücke Folgen für die "Unschuldsvermutung" bei der Polizeiarbeit haben könne. Weil Fingerabdrücke nicht ohne weiteres zu datieren seien, gerate jeder ins Visier der Polizei, der einmal an einem Tatort etwas angefasst habe - auch wenn das lange vor einem Verbrechen geschehen sei. Aus Angst vor dem Vorwurf, nicht alles gegen Terror getan zu haben, seien "alle bereit, die Tür für neue Maßnahmen weit aufzustoßen", sagte die Ausländerbeauftragte der Grünen, Marieluise Beck, dem SPIEGEL.

Gerät liest individuellen Fingerabdruck des Pass-Besitzers
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Gerät liest individuellen Fingerabdruck des Pass-Besitzers

Der stellvertretende Datenschutzbeauftragte Berlins, Hanns-Wilhelm Heibey, hält Schilys Sicherheitsvorschläge für "Augenwischerei". Die Terroranschläge in den USA seien zum Anlass genommen worden, um Dinge durchzusetzen, die jahrelang "verpönt" gewesen seien. "Den Bürgern soll jetzt ein subjektives Sicherheitsgefühl vermittelt werden, das objektiv gar nicht existiert. Auch von unserem heutigen Personalausweis, der Mitte der achtziger Jahre eingeführt wurde, dachten alle, er sei fälschungssicher." Das Gegenteil habe sich gezeigt. "Warum glauben wir, dass verschlüsselte Daten, nur weil sie komplizierter abgespeichert werden, nicht mehr zu knacken sind?", fragt der Computerspezialist.

Die neuen Sicherheitspläne dürften nicht dazu führen, dass Menschen manipuliert und beeinflusst werden. "Wenn jemand auf einem öffentlichen Platz steht, nimmt er seine bürgerlichen Freiheiten wahr", bemerkt der Datenschützer. "Niemand darf dabei kontrolliert werden." Da darüber hinaus biometrische Merkmale bislang immer noch viele Fehler aufwiesen, so Heibey, "sollten wir in Zukunft lieber mit mehr menschlicher Intelligenz arbeiten und nicht alles irgendwelchen Computern, Scannern oder Automaten überlassen".



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