Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Biosprit-Debakel: Super-Pleite für den Hoffnungsträger

Von

Umweltminister Röttgen wähnte sich schon als Kronprinz der Kanzlerin - und jetzt dieser Ärger mit dem Biosprit. Das E10-Debakel könnte die Karriere des nordrhein-westfälischen CDU-Hoffnungsträgers ernsthaft gefährden. Er muss nun schleunigst die Wut der deutschen Autofahrer besänftigen.

Röttgen mit Kanzlerin Merkel: Vom Kronprinz zum Problemminister? Zur Großansicht
DPA

Röttgen mit Kanzlerin Merkel: Vom Kronprinz zum Problemminister?

Berlin - Norbert Röttgen geht es nicht anders als Millionen deutscher Autofahrer: Den Umweltminister nervt der Biosprit. Mächtig sogar. Nur dass er nicht ratlos an der Tankstelle steht und um die Spritverträglichkeit seines Autos fürchtet. Nein, Röttgen ist der Mann, der den Ärger um "Super E10" voll abkriegt. Weil er die Sprit-Probleme unterschätzt hat.

Man könnte auch sagen: Weil Röttgen die Sache nicht im Griff hat.

Gut vorstellbar, dass seine Gedanken derzeit fern von Ethanol, Weizen, Mais und Zuckerrüben sind. Denn in Nordrhein-Westfalen könnten schon bald Neuwahlen anstehen, Röttgen hat sich im vergangenen Jahr den Vorsitz der Landes-CDU erkämpft. Er würde als Spitzenkandidat in die Wahl ziehen - und könnte Ministerpräsident werden. Zudem ist er nach dem Absturz von CSU-Superstar Karl-Theodor zu Guttenberg plötzlich wieder in die Reihe der Kronprinzen der Kanzlerin vorgerückt.

Und nun dieses Sprit-Kleinklein. Die Opposition lästert schon. Wo eigentlich Röttgen sei, fragt Grünen-Chef Cem Özdemir: "Vielleicht sollte ihn jemand aus dem Tiefschlaf wecken und ihm sagen, dass die Winterzeit vorbei ist."

Pikant für Röttgen: Das Problem ist nicht neu. Schon seit Jahren ringt die Politik mit Mineralölwirtschaft und Autoherstellern um die Einführung eines zehn- statt bisher fünfprozentigen Anteils von Bio-Ethanol im Super-Benzin. SPD-Chef Sigmar Gabriel, Röttgens Vorgänger im Amt, gab vor zwei Jahren klein bei, stoppte die Pläne zur Einführung von E10.

Den Röttgen-Leuten das Thema weggeschnappt

Doch Röttgen ließ die Sache weiterlaufen. Nun ist er von der Meuterei der Deutschen an den Zapfsäulen kalt erwischt worden. Bereits in der vergangenen Woche war seinen Mitarbeitern im Ministerium klar, dass sich da etwas zusammenbraut. Sie begannen mit der Planung eines Benzingipfels, der alle Beteiligten an einen Tisch bringen sollte.

Im Wirtschaftsministerium von Rainer Brüderle (FDP) hatten sie offenbar denselben Gedanken. Nur waren sie schneller. "Die haben das den Röttgen-Leuten weggeschnappt", heißt es in Regierungskreisen.

Brüderle preschte vor, Röttgen ist sauer. Bis zuletzt war sogar unklar, ob der Umweltminister überhaupt an Brüderles Benzingipfel am Dienstag teilnehmen würde. Am Montagmorgen machte zudem die Nachricht die Runde, dass Röttgen noch im Skiurlaub weile.

Kein gutes Bild, das der CDU-Mann da abgab.

Schnell war dann klar, dass Röttgen selbstverständlich am Benzingipfel teilnimmt. Mit Wirtschaftsminister Brüderle, Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wird er Vertretern der Wirtschaft sowie Verbraucherorganisationen gegenübersitzen. Darunter die Autoclubs ADAC und AvD, Verbände der Mineralölwirtschaft, die Bioethanol-Branche, der Bauernverband und die Verbraucherzentralen.

Doch Wegweisendes ist vom Gipfel nicht zu erwarten, die Fronten scheinen verhärtet. So hält Röttgen eisern am Bio-Sprit fest: "Fast alle Autos vertragen das neue Benzin." Nur keine Panik. Seine Sprecherin verdeutlichte am Montag, dass der Gipfel dazu diene, "das Vertrauen der Verbraucher in die Einführung von E10 zu stärken". Es wäre verführt, "jetzt schon von Rücknahme oder Scheitern zu sprechen".

Der Gipfel als hochkarätig besetze Werbeveranstaltung.

Im Hintergrund aber läuft das Schwarze-Peter-Spiel zwischen Politik und Wirtschaft längst auf Hochtouren. "Wir müssen die Vorgaben der Politik gegen den Wunsch der breiten Bevölkerung umsetzen", sagt Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Mineralölwirtschaft. Der Gesetzgeber hat die Ölbranche verpflichtet, 6,25 Prozent ihres Kraftstoffes - gemessen am Energiegehalt - aus pflanzlicher Produktion zu verkaufen. Im anderen Falle drohen Strafzahlungen. Die Konzerne haben bereits angedeutet, dass sie diese dann auf den Spritpreis aufschlagen würden.

Warum wirbt die Branche nicht entschiedener für E10?

Diese "Drohung" sei "nicht hinnehmbar", entgegnet Röttgens Sprecherin. Es sei die Aufgabe der Mineralölwirtschaft, ihr neues Produkt ordentlich zu bewerben. "Der Verbraucher muss kein E10 tanken", sagte sie. "Aber er tankt schon seit Jahren E5. Von daher ist es eigentlich unverständlich, warum man ihn nicht davon überzeugen können sollte, fünf Prozent mehr Beimischung auch als sinnvoll zu erachten." Tatsächlich stellen sich viele vom neuen Sprit überraschte Autofahrer an den Tankstellen mittlerweile die Frage: Warum eigentlich haben die Konzerne die Biokraftstoffe nicht genauso beworben wie andere neu eingeführte Produkte in der Vergangenheit?

Der ADAC mischt auch mit: Die Mineralölwirtschaft habe kaum oder keinen gleichwertigen Alternativkraftstoff für Autofahrer bereitgehalten. "Das heißt, der Verbraucher konnte, wenn er verunsichert war, eigentlich nur auf Super Plus umsteigen", sagte der Leiter des ADAC-Technikzentrums, Reinhard Kolke, im ZDF. Und bei dieser Benzinsorte gibt es nun Engpässe.

Die Leute an den Zapfsäulen verunsichert, Politik und Wirtschaft im Streit. Doch das war's noch lange nicht.

Denn mittlerweile treibt Röttgens Augen-zu-und-durch-Taktik auch den Koalitionspartner auf die Barrikaden. Die FDP fordert, die Einführung von E10 vorerst zu stoppen: "Wir werden der Verunsicherung bei den Verbrauchern sicher nicht dadurch beikommen, indem wir einfach das Kommando 'Weiter so' ausgeben", sagte FDP-Fraktionsvize Patrick Döring. Um die Verunsicherung bei Autobesitzern zu begrenzen, hätte Röttgen von Anfang an "stärker führen müssen", so Döring. Stattdessen habe der Minister "die Sache einfach laufen lassen".

Und noch einen setzt der FDP-Mann drauf: Es sei bezeichnend, dass Wirtschaftsminister Brüderle den Benzingipfel einberufen habe, "während der eigentlich zuständige Umweltminister einfach nur Durchhalteparolen" ausgebe. FDP-Generalsekretär Christian Lindner meinte, E10 müsse auf den Prüfstand: "Wenn nötig, muss die ganze Biosprit-Strategie und insbesondere ihr Zeitplan überdacht werden", sagte er der "Rheinischen Post"

Für die Opposition kommt der Ärger zum rechten Zeitpunkt. "Das wird Schwarz-Gelb bei der Wahl in Baden-Württemberg zusetzen wie uns damals der ganze Dosenpfand-Ärger", prognostiziert ein Sozialdemokrat.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 253 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Da sitzen ja die "richtigen" zusammen...
Realo, 07.03.2011
Zitat: >>Mit Wirtschaftsminister Brüderle, Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wird er Vertretern der Wirtschaft sowie Verbraucherorganisationen gegenüber sitzen. Darunter die Autoclubs ADAC und AvD, Verbände der Mineralölwirtschaft, die Bioethanol-Branche, der Bauernverband und die Verbraucherzentralen.
2. Mogelpackung im Tank und im Parlament
reinhard_m, 07.03.2011
Zitat von sysopUmweltminister Röttgen wähnte sich schon als Kronprinz der Kanzlerin - und jetzt dieser Ärger mit dem Biosprit. Das E10-Debakel könnte die Karriere des nordrhein-westfälischen CDU-Hoffnungsträgers ernsthaft gefährden. Er muss nun schleunigst den Ärger der deutschen Autofahrer besänftigen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749480,00.html
Der Mann muß weg, weil er keine Einsicht zeigt. Er sucht doch jetzt nur nach Hintertürchen und Tricks um den Bürgern das Pansch-Benzin doch noch irgendwie aufzunötigen. Politiker die so ein falsches Spiel zum Wohle der Lobbyisten und zum Schaden der Umwelt und der Wähler treiben gehören - samt ihren Parteien - bei allen Wahlen vehement abgestraft, damit sie es lernen. Mir geht es doch schon lange nicht mehr darum, ob meine Autos das gestreckte Benzin vertragen. Mir geht es nur noch darum, Spritpanschern, Abzockern, Lobby-Politikern und Leuten, die meinen mich mit grünem Getue ausnehmen und hochnehmen zu können abzustrafen. Die sollen jetzt ihren Denkzettel bekommen.
3. Dürfen "die da" alles?
chrimirk 07.03.2011
Zitat von sysopUmweltminister Röttgen wähnte sich schon als Kronprinz der Kanzlerin - und jetzt dieser Ärger mit dem Biosprit. Das E10-Debakel könnte die Karriere des nordrhein-westfälischen CDU-Hoffnungsträgers ernsthaft gefährden. Er muss nun schleunigst den Ärger der deutschen Autofahrer besänftigen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749480,00.html
Deutschland hat z. Z. so ziemlich die schwächste Regierung aller Zeiten. Und der Widerstand des Volkes ist dürftig. Wären nicht die Medien, herrschte Stille über allen Ereignissen der Berliner Dilettanten. Und weitere "Reinfälle" sind zu befürchten. Man ist schon heilfroh, wenn "die da" gar nichts entscheiden, dann geht wenigstens nicht schief. Und der Herr Röttgen: Geschieht jetzt mit ihm nichts? So ein schneller Rücktritt wäre nicht übel. Terminvorschlag: Aschermittwoch. Bitte mit Asche aufs Haupt und öffentlich im TV! Und Verpflichtung, nie wieder in die Politik gehen zu wollen.
4. E10, die Steigerung von Dosenpfand
caro_1234 07.03.2011
Puhh, Trittin wird aufatmen, endlich gibt es eine Steigerung des Dosenpfand Irsinns. Was ist noch dümmer, noch haarsräubender, und sogar belastend für die Umwelt? E10 Röttgens sollte in die Geschichte als Umweltzerstörminister eingehen. E10 trägt schwerwiegend zum deutlichen Anstieg des Treibhauseffektes bei und erhöht den Hunger auf dieser Welt. (es toppt außerdem noch Energiesparlampen :-) Was für Lappenduddel sind eigentlich grad an der Macht? Schickt den Mann zu einem Wanderausflug in die Sahelzone ...
5. Die Fernsehtechnikerin Aigner,
pudel_ohne_mütze 07.03.2011
Zitat von sysopUmweltminister Röttgen wähnte sich schon als Kronprinz der Kanzlerin - und jetzt dieser Ärger mit dem Biosprit. Das E10-Debakel könnte die Karriere des nordrhein-westfälischen CDU-Hoffnungsträgers ernsthaft gefährden. Er muss nun schleunigst den Ärger der deutschen Autofahrer besänftigen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749480,00.html
Müllermeister Ramsauer, Weinkönig Brüderle, Unwetminister Röttgen. Das sind Garanten für einen gloreichen Reinfall mit E10. Ik gloob meine Omma jeht mit Elvis....................
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Alle Informationen zum neuen E10-Benzin
Was ist E10 und warum wird es eingeführt?
Das "E" steht für Ethanol, die "10" für den künftig zehnprozentigen Anteil von Bioethanol im Benzin. Mit Erhöhung der Beimischung von fünf auf zehn Prozent setzt die Bundesregierung EU-Vorgaben um. Hintergrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoß von Autos zu senken.
Das neue, E10 genannte Benzin vertragen allerdings nicht alle Autos.
Fahrer sollten sich also informieren, ob ihr Wagen betroffen ist.
Warum kann E10 für ein Auto gefährlich sein?
Laut ADAC kann E10 aggressiv mit Metall- und Kunststoffteilen reagieren. Im schlimmsten Fall sind auch Motorschäden denkbar. Der Alkohol kann Aluminium zersetzen, das auch in Motoren oder in Benzinpumpen verwendet wird. Daneben kann E10 den Kunststoff von Kraftstoffschläuchen oder Dichtungen angreifen. Werden Leitungen löchrig, kann sich Benzin an heißen Motorbauteilen entzünden.
Welche Autos vertragen E10 - und welche nicht?
Laut Bundesumweltministerium (BMU) können 90 Prozent der Autos mit Benzinmotor "ohne Einschränkungen" E10 tanken. Über vier Millionen der in Deutschland zugelassenen Autos vertragen den Sprit demnach nicht. Informationen zur Verträglichkeit geben Händler und Hersteller. Aus dem Alter eines Autos lässt sich dies nicht ableiten, teils ist E10 auch für neuere Modelle ungeeignet. Eine Liste mit Autos, die den neuen Sprit nicht tanken sollten, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim ADAC.
Was tanken künftig Autos, die kein E10 vertragen?
Für die gibt es an allen Tankstellen auch weiter E5 mit fünf Prozent Bioethanol - laut BMU "zeitlich unbefristet". E10 selbst wird künftig als "Super E10" an den Zapfsäulen gekennzeichnet sein, E5 wie bisher als "Super".
Wie viel kostet E10?
Das BMU schließt nicht aus, dass Benzin durch die Einführung von E10 teurer wird. Auf die Ölkonzerne kämen zusätzliche Kosten etwa für die Herstellung von Ethanol zu. Zudem steigt demnach auch der Benzinverbrauch durch E10 um knapp zwei Prozent wegen des geringeren Energiegehalts von Alkohol im Vergleich zu Benzin.
Weitere Informationen im Internet

Suche starten!



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: