Biotechnologie Zypries stellt Embryonenschutz in Frage

Wenn es nach Justizministerin Brigitte Zypries geht, ist der mühsam erarbeitete überparteiliche Kompromiss zur Stammzellenforschung bald Makulatur. Sie plädiert dafür, Reagenzglas-Embryonen künftig weniger Schutz zu gewähren.


Berlin - Die Debatte über die Grenzen der Gentechnik ist neu entfacht. Zypries stellte heute den bisherigen Grundsatz in Frage, dass der Schutz der Menschenwürde bereits mit dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt.

Die SPD-Politikerin sagte, ein im Reagenzglas gezeugter Embryo sei zwar" kein beliebiger Zellhaufen", über den man verfügen könne. Sie bezweifelte jedoch, dass diesem bereits Menschenwürde nach Artikel 1 des Grundgesetzes zukommt, weil er sich nicht von sich aus zu einem Menschen entwickeln könne. Dazu bedürfe es einer Frau, die bereit sei, den Embryo auszutragen.

Deshalb sei Forschung an Reagenzglas-Embryonen durchaus zulässig. "Von Verfassung wegen ist dies jedenfalls nicht untersagt", sagte Zypries in der Berliner Humboldt-Universität. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) spricht sich nach Angaben von Regierungssprecher Béla Anda für eine Diskussion aus, ob die Grenzen mit dem Stammzellengesetz "richtig gesetzt sind".

In der Union sorgte Zypries' Neubewertung für eine Kontroverse. Die FDP begrüßte derweil die Überlegungen als "positives Signal" für den Forschungsstandort Deutschland. Von den Grünen kam harsche Kritik. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) reagierten mit großer Besorgnis und Verwunderung.

Das im April 2002 verabschiedete Gesetz lässt den Import embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken unter strengen Auflagen zu. So dürfen nur solche Zellen eingeführt werden, die aus Zellkulturen stammen, die bereits vor dem 1. Januar 2002 existiert haben. Das Herstellungsverbot von Stammzellen in Deutschland ist davon unberührt.

Zypries wendete sich von der Auffassung ab, dass der grundgesetzlich verankerte Schutz der Menschenwürde auch für im Reagenzglas erzeugte Embryonen gilt, und zwar ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Zypries machte deutlich, dass "der Embryo in der Petrischale" lediglich die "abstrakte Möglichkeit" habe, "sich aus sich heraus zum Menschen" zu entwickeln. Das reiche "für die Zuerkennung von Menschenwürde nicht aus". Sie wandte sich aber gegen eine Lockerung des Verbotes der Präimplantationsdiagnostik (PID), mit der künstlich befruchtete Embryonen genetisch untersucht werden.

Unions-Fraktionsvize Maria Böhmer (CDU) warnte davor, beim Schutz des menschlichen Lebens einen Spielraum zuzulassen. Damit würden "Embryonen vom Menschen zu Material", sagte sie. Dagegen liegt die forschungspolitische Sprecherin der Fraktion, Katherina Reiche (CDU), auf Zypries' Linie.

Die FDP-Politikerin Ulrike Flach sicherte der Bundesregierung die Unterstützung ihrer Fraktion für eine Lockerung des Embryonenschutzgesetzes zu. Zugleich kritisierte sie, dass Zypries "Schutzzäune hochzieht" mit Blick auf therapeutisches Klonen und die PID. "Offensichtlich will sie damit den Fundamentalisten in der Koalition entgegenkommen", sagte die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Forschung.

Der Vizechef der Grünen-Fraktion, Reinhard Loske, sagte, das Gesetz sei "keineswegs novellierungsbedürftig". Die vorhandenen Stammzelllinien reichten für die Forschung aus. "Wer den Eindruck erweckt, er wolle den Einstieg in die verbrauchende Embryonenforschung, erweist der gesellschaftlichen Akzeptanz der Forschung einen Bärendienst", kritisierte Loske.

Die Bischofskonferenz hielt Zypries vor, sie wolle die Menschenwürde eines in vitro Embryos in Zweifel ziehen. Die katholische Kirche trete für die Anerkennung der Menschenwürde "zu jedem Zeitpunkt menschlichen Lebens" ein. ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer warnte, wer den Embryonen in vitro die Menschenwürde abspreche, öffne "Tür und Tor für unabsehbare Konsequenzen". Ohne Not stelle Zypries das gewachsene Verständnis des Schutzes des menschlichen Lebens in den frühen Entwicklungsphasen in Frage.



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