Islamisten Die Brüder Chouka

Er war einmal ein ganz normaler Jugendlicher, der zur Schule ging und Fußball spielte. Heute ruft der in Bonn aufgewachsene Yassin Chouka öffentlich zu Anschlägen auf. Die Sicherheitsbehörden sind beunruhigt.

Islamist Yassin Chouka (2009): Propagandafilme aus der Ferne
AP / Intelcenter

Islamist Yassin Chouka (2009): Propagandafilme aus der Ferne

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Düsseldorf/Hamburg - Es gibt diese Festschrift des SC Fortuna Bonn aus einer Zeit, als der Mann noch kein Glaubenskrieger war, sondern ein durchschnittlicher Kreisliga-Kicker. Auf dem Bild posiert er inmitten seiner Mannschaftskameraden, zu denen auch ein Polizist zählte, und einer von ihnen sagt nun, was die Freizeitsportler inzwischen über die Wandlung ihres ehemaligen Mitspielers Yassin Chouka denken: "Wir können es nicht fassen."

Im Bonner Ortsteil Kessenich, über dem wegen des dort ansässigen Haribo-Werks zuweilen ein hartnäckiger Lakritz-Geruch steht, sind Chouka, heute 27, und sein drei Jahre älterer Bruder Mounir aufgewachsen, in gutbürgerlichen Verhältnissen. Die Deutsch-Marokkaner gingen auf katholische Schulen, spielten Fußball und Basketball, trugen Jeans und Kapuzenpullis, tranken Bier. Als Yassin 2004 Abitur machte, schlugen seine Klassenkameraden ihn zum "Superstar" des Jahrgangs vor. Es schien, als hätten die beiden alle Möglichkeiten in Deutschland.

Zwischen Bonn-Kessenich und dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet liegen nicht nur 7500 Kilometer, sondern Welten. Hier leben die Choukas jetzt, sie nennen sich "Abu Adam" und "Abu Ibrahim". Im fernen Waziristan sind die Bonner zu Aushängeschildern einer Dschihadistentruppe namens Islamische Bewegung Usbekistans (IBU) geworden, regelmäßig tauchen sie in Videos auf, mit denen sie Muslime in Deutschland zum bewaffneten Kampf aufhetzen wollen.

Neue Dimension

Dabei stilisieren sich Yassin und Mounir Chouka zu Identifikationsfiguren potentieller Gotteskrieger. Sie grüßen ihre "Brüder in Essen" oder "Brüder in Bonn" und preisen das Leben in ihrer neuen Heimat. Zu stimmungsvollen Gesängen zeigen sie zudem Bilder von Anschlägen auf pakistanische oder afghanische Truppen sowie Angriffe auf die US-Armee, die von der IBU verübt worden sein sollen. Das geht schon eine ganze Weile so.

Doch am vergangenen Wochenende stellte jemand ein Video ins Netz, das eine neue Eskalationsstufe in der Propagandaschlacht der Choukas bedeutet. In dem sieben Minuten langen Film ruft Yassin, der ehemalige Student der Elektrotechnik, dazu auf, Mitglieder der rechtsextremen Partei Pro-NRW sowie Journalisten auszuspähen und zu ermorden. Die deutschen Behörden sind alarmiert.

Die Hetztirade des Yassin Chouka könne "das dschihadistische Potential in Deutschland erschließen", verlautet nun aus Sicherheitskreisen. Dabei spiele es keine Rolle, ob Chouka tatsächlich im Namen der IBU handle und spreche - die Wirkung seiner Worte auf die salafistische Szene in Deutschland sei entscheidend. Und der Laienprediger vermöge durchaus Einzelne zu Gewalttaten zu animieren, fürchten hochrangige Beamte in Berlin.

Lageeinschätzung des BKA

In einer vertraulichen Lageneinschätzung des Bundeskriminalamts ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") heißt es, Choukas Hetze sei besonders geeignet, "radikalisierte Personen weiter zu emotionalisieren". Als "Tatimpuls" für Fanatiker kämen "beliebige, subjektiv als islamfeindlich empfundene Ereignisse in Frage".

Vor allem junge Leute, die "im propagierten globalen Dschihad ein Kompensationsinstrument für anhaltenden persönlichen Misserfolg im gesellschaftlichen Leben finden", dürften sich demnach angesprochen fühlen. Anschläge auch "mit deutlichem Zeitverzug" seien daher "verstärkt zu befürchten", notierte ein Kriminaldirektor.

Die Staatsschützer des Bundes wissen sogar, dass "aus dem islamistischen Spektrum gezielt persönliche Informationen zu 'Pro-NRW-Aktivisten'" gesammelt worden sind. Jedoch lägen dem BKA keine Hinweise auf unmittelbar bevorstehende oder konkret geplante Straftaten vor. Die Kölner Polizei soll nun die "Gefährdungssituation" der Parteifunktionäre analysieren, das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt erwägt ein "Sensibilisierungsgespräch" mit dem Pro-NRW-Vorsitzenden.

Aus ihren Zielen und ihrer Ideologie machen die Chouka-Brüder schon lange keinen Hehl mehr. Bereits im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte Mounir ein Video mit dem Titel "Böses Vaterland". Darin drohte er: "Es muss und wird, so Allah will, in Deutschland eine Serie von Anschlägen auch gegen das Volk geben."

Im März legte er nach: Er pries den Attentäter Mohammed Merah, der bei einer Anschlagsserie in Südfrankreich insgesamt sieben Menschen getötet hatte, als "Ritter von Toulouse" und ernannte ihn zu einem Vorbild, an dem sich die Muslime in Europa orientieren müssten.

"Dieses Schiff ist gesunken"

Doch Mounir Chouka belässt es nicht bei Videoauftritten und Aufrufen zu Anschlägen: Der Dschihadist war auch an der Entführung eines Schweizer Touristenpaars in Pakistan 2011 beteiligt. Die beiden Geiseln erkannten in ihm den Mann, der das Erpresservideo drehte. Auf die Frage, ob er jemals nach Deutschland zurückkehren wolle, soll er ihnen geantwortet haben: "Dieses Schiff ist gesunken."

Was den Ausschlag gab, dass Mounir und Yassin Chouka sich nicht nur gegen Deutschland entschieden, sondern auch dafür, ihre Heimat zu bekämpfen, wissen die Sicherheitsbehörden nicht. Amtlich verbrieft ist bloß, dass Mounir sich nach seiner Mekka-Reise 2005 stark veränderte. Der Fachangestellte für Bürokommunikation besuchte verschiedene als radikal geltende Moscheen in Bonn und verwandelte sich in einen Fanatiker, der für seine Religion töten und sogar sterben wollte. Es kam zum Bruch mit den Eltern. Wenig später tat es ihm sein Bruder Yassin nach.

Fußball, Haribo, Kessenich - das liegt weit zurück. Die Choukas sind jetzt im Krieg.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
raven_wolf 23.05.2012
1. Wer
Zitat von sysopAP / IntelcenterEr war einmal ein ganz normaler Jugendlicher, der zur Schule ging und Fußball spielte. Heute ruft der in Bonn aufgewachsene Yassin Chouka öffentlich zu Mordanschlägen auf. Vertrauliche Dokumente belegen: Die Sicherheitsbehörden sind deswegen extrem beunruhigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834763,00.html
zum Mord aufruft gegen Journalisten oder andersdenkende, sorry der kann nicht ganz dicht sein. Da spreche ich auch einen Politischen Gedanken ab und stelle dann eher die frage stelle in weit er schuld-unfähig ist.
eine-Meinung-unter-Vielen 23.05.2012
2. Wir müssen in Deutschland ...
... eine offene Debatte darüber führen, wie kompatibel islamische Grundwerte und Weltbilder mit unserer westlichen Werten sind. Dabei dürfen nur Fakten zählen - keine "Meinungen" - und schon gar keine Hasstiraden - also z.B. unverfälschte Koran-Stellen und belegbare historisch gewachsene Verhaltens- und Denkweisen von Muslimen im Vergleich zu unserer Kultur. In einem Beitrag las ich, dass - überspitzt formuliert, ein muslimischer "Gotteskrieger" Inhalte des Koran "wörtlich" genommen in die Tat umsetzt und sich völlig im Einklang mit seinem Glauben befindet. Aus unsere Sicht ist manches Ereignis, das daraus entstand, Terrorismus. Es wird Zeit, mit Aufklärung nach bester "westlicher Tradition", also sachlich orientiert, zu beginnen.
frenjes 23.05.2012
3. Straftat?
Ist ein Aufruf/Anstiftung zum Mord nicht eine Straftat? Im Falle des getöteten 11 jährigen Mädchens wurde doch ein 18 jähriger verhaftet weil er über FB zum Lynchmord aufgerufen hatte oder täusche ich mich? Also Islamisten die zum Mord aufrufen nach Möglichkeit abschieben oder in den Knast stecken. Religionen die das selbige tuen, verbieten. Mordaufrufe haben mit freier Religionsausübung wenig zu tun!
peterbruells 23.05.2012
4.
Zitat von raven_wolfzum Mord aufruft gegen Journalisten oder andersdenkende, sorry der kann nicht ganz dicht sein. Da spreche ich auch einen Politischen Gedanken ab und stelle dann eher die frage stelle in weit er schuld-unfähig ist.
Was ist denn das für eine lustige Denkweise? Gewalteinsatz ist ein erprobtes Mittel, wenn man die politische Landschaft beeinflussen will.
Pango 23.05.2012
5. optional
Pro NRW hat also vollen Erfolg. Ich komme weder aus NRW, noch bin ich mit deren Parteiprogramm vertraut. Rechtsextrem sollen sie sein. Aha. Komischerweise sind die einzigen, die sich daneben benehmen messerstechende, randalierende und mit Mord drohende Salafisten. Die hässliche Fratze dieser äußerst aggressiven Minderheit wurde treffsicher offenbart. Da sollten sich die etablierten Parteien mal fragen, warum es solche Rechtsausleger braucht, um diese offenbar äußerst präsente Gefahr zu beleuchten. Diese deutschen Djihad-Abenteurer werden das Sonnenlicht so schnell nicht wieder sehen. Unsichtbar und unhörbar ziehen da schon die Drohnen ihre Kreise ... Und so wird die Drecksarbeit einmal mehr der Weltpolizei überlassen, während hier irgendwelche Integrations-Wehwechen als Muse für realitätsferne Wohlfühl-Debatten dienen.
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