BND-Affäre Schnurren vom dicken Willy

Wilhelm Dietl war in den achtziger Jahren BND-Agent, dann Journalist. Entgegen aller Vorwürfe will er nie Kollegen bespitzelt haben. Viel lieber schwärmt er von Einsätzen im Nahen Osten, der Terroristenjagd und Agententreffen. Ein Ortstermin mit dem Spion namens "Dali".

Aus Braunschweig berichten und Yassin Musharbash


Braunschweig - Norbert Juretzko kommt nicht recht zur Geltung heute, auch wenn der rote Pullover des Ex-BND-Manns durch die Thalia-Buchhandlung in Braunschweig leuchtet. Vor ihm auf dem Tisch liegt seine gedruckte Abrechnung, tiefe Einblicke in die Welt des BND, "Im Visier" heißt das Buch. Die meisten der zwei Dutzend Zuschauer schauen aber eher auf den Mann neben Juretzko. Der sitzt dort im hellbraunen Anzug, offenes Hemd, gefaltete Hände. Wilhelm Dietl sagt erstmal gar nichts, scannt den Raum durch seine randlose Brille.

Wilhelm Dietl: Irgendwo zwischen Agent, Journalist und Buchautor
Ullstein Buchverlage

Wilhelm Dietl: Irgendwo zwischen Agent, Journalist und Buchautor

Dietl sollte eigentlich nur Randfigur sein. Als ghost writer schrieb er die Bücher des Ex-Agenten Juretzko. Nun aber steht er selber im Zentrum der BND-Affäre. Seit Tagen wird berichtet, er habe unter den Decknamen "Dali" und "Schweiger" jahrelang Informationen über Journalisten an den BND geliefert und insgesamt mehr als 600.000 Mark von der Behörde erhalten. Dietl soll einer der fünf Verräter aus der Branche sein, welche den BND in arge Erklärungsnot manövrierten und Journalisten den Blues kriegen ließen.

Es macht Dietl Spaß, den Vorwurf zu kontern. "Ich bin zu 100 Prozent rehabilitiert worden", sagt er gleich vorweg. Gerade erst ist er aus Berlin gekommen, wo er den Sonderermittler Gerhard Schäfer traf und dessen Bericht studierte. Dietl verzeichnet nach dem Treffen "sehr gute Laune". Schließlich habe ihn Schäfer rein gewaschen. "Ich habe nie einen Journalisten bespitzelt und das wird Herr Schäfer auch bestätigen", sagt er. Die vielen Geschichten über ihn müssten in den kommenden Tagen umgeschrieben werden.

Lamentieren über lahme Geheimdienstler

Nun darf Juretzko aber endlich anfangen, aus seinem Buch zu lesen. In langen, nicht besonders spannenden Episoden zeichnet der Vorzeige-Beamte mit dem ergrauten Bürstenhaarschnitt das Bild einer lahmen, uneffektiven Behörde, die kaum etwas zustande kriegt und viel Geld verschwendet. Schnurren von Geheimdienstlern, die auf teuren Reisen nur Visa-Stempel sammeln, von Zuträgern in goldenen Limousinen oder von Mikro-Kameras. Vor allem aber erzählt Juretzko von sich selbst und seinem Frust.

Es hat etwas Ironisches, die beiden nebeneinander zu sehen. Rechts sitzt Juretzko. Durch und durch deutscher Beamter, bläut er seinem Kollegen "Freddy" in dem Buch ein, mit ihm gebe es "keinen krummen Dinger". Penibel analysiert er die Schwächen des Dienstes im feinsten Behördendeutsch. Links daneben Dietl, mehr als hundert Kilo schwer, lange Jahre im Auftrag des BND im Nahen Osten als freiberuflicher Agent der ganz besonderen Art unterwegs. Ohne Regeln, wie er selber sagt, als Einzelkämpfer. Dafür mit sehr viel Geld.

Lange geht die Lesung nicht, nach drei Kapiteln haben die Zuhörer genug von dem Abgesang auf den BND, sie wollen Anekdoten statt Abteilungsproblemen. Das ist Dietls Teil. "Ich denke, bei meinen Missionen ist eine Menge herausgekommen. Ich war ja auch ausgesprochen spezialisiert", sagt er mit der ihm eigenen Bescheidenheit. Zwischen den Zeilen sagt er auch, dass er etwas ganz anderes war als Beamte wie Juretzko und seinesgleichen. Ein Einzelfall in dieser Behörde, ein Rebell in einer lahmen Truppe, eine Wunderwaffe.

Immer "on the road", immer "5-Sterne-Hotel"

Was Dietl berichtet, hört sich an wie aus einem Agenten-Thriller. Ein ganzes Netz von Agenten will der 50-jährige eigenverantwortlich im Nahen Osten für den BND aufgebaut haben, dabei die libanesische Hisbollah penetriert und die PLO-Sektierer um Abu Nidal ausgeforscht haben. Mit viel Geld und dickem Spesenkonto sei er durch den Krisengürtel zwischen Libanon, Syrien, und Jordanien gereist. Immer "on the road", immer "5-Sterne-Hotel", immer "Business-Class".

In der Dietl-Version erscheint der BND keineswegs lahm. Zeitweise wusste der Dienst durch "Dali" angeblich gar die Tarnnamen und Passnummern von Abu Nidals Männern. Elf Jahre ging das so, "ein Traumjob, weil immer die Erfolge da waren". Bestätigt ist die Kooperation mittlerweile. Ob Dietl aber wirklich die BND-Geheimwaffe im Nahen Osten war, wird wohl immer unklar bleiben. Man habe sich am Ende auseinander gelebt wie in einer Ehe, sagt er. Beim BND heißt es hingegen, der "dicke Willy" sei zu auffällig geworden. Man habe ihn abgeschaltet.

Dietl wusste seine Insider-Kenntnisse anschließend zu nutzen. "Ich wurde wieder Journalist", sagt er. Beide Berufe hätten Ähnlichkeiten, zudem habe er schon vorher für "Quick" gearbeitet. 1994 heuerte er beim frisch gegründeten "Focus" an. "Ich wurde dort nur gefragt, ob ich gute Kontakte zu den Sicherheitsbehörden hätte", erzählt Dietl. Ob der Focus gewusst habe, dass er einmal beim BND gewesen war, wird Dietl gefragt. "Er hat nie danach gefragt", lautet die lakonische Antwort. Natürlich aber sei man bei dem Münchner Magazin über seine Geschichten aus dem Geheimdienst-Milieu glücklich gewesen.

"Es sollte nie so ein Gestapo-Touch rein"

Vorwürfe aber will sich Dietl nicht gefallen lassen. "Ich war immer loyal, zu jeder Zeit", meint er über seine Zeit bei "Focus". Niemals habe er Informationen über Kollegen weitergegeben. Mit Hilfe der neuen Munition aus dem Schäfer-Bericht dreht er den Spieß sogar um. Natürlich habe er sich regelmäßig mit BND-Sicherheitschef Volker Foertsch getroffen. Natürlich habe der versucht, bei ihm Infos über Kollegen abzuschöpfen. Der Sicherheitschef sei vom Gedanken besessen gewesen, alle Journalisten hätten sich gegen die Schlapphut-Behörde verschworen. Dietl aber sei standhaft geblieben.

"Es sollte nie so ein Gestapo-Touch rein", sagt er. Auch als Foertsch Fragen bei den gelegentlichen gemeinsamen Mittagessen "immer lästiger" wurden, habe er nie etwas zugetragen, was über "Allgemeinwissen" der Branche hinausgegangen sei. Irgendwann dann habe der BND die Lust an ihm verloren. In einem Vermerk will Dietl gar als "unwillig" charakterisiert worden sein.

Dietl grinst jetzt häufig. Er weiß, in den Aktenvermerken verbirgt sich ein möglicher Weg zu seiner Rehabilitation. Am Ende, wenn sich diese Version bestätigt, könnte der "dicke Willy" gar als einziger der Verdächtigen sauber dastehen. Nicht als Journalist, der Journalisten anschwärzte - sondern als Agent, der Agenten führte. Als freischaffender BND-Spion, dessen Journalistenleben nur Legende war. Ein sagenumwobener Händler zwischen den Welten sozusagen, der es sogar bis zum "Focus" schaffte.

Mit Details hält sich Dietl bisher noch zurück. Zu genau weiß er, dass sich hinter seiner Geschichte noch genug Stoff für viele Bücher verbirgt. Seine Erlebnisse - ob wahr oder nicht - wären spannender als das BND-Lamento, wegen dem er eigentlich heute nach Braunschweig gekommen ist.



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