Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schlüsselzeuge in BND-Affäre: Doktor T. und der brisanteste Fund seines Lebens

Von

Radarkuppeln an der Abhörstation Bad Aibling: "Ich habe es gelöscht" Zur Großansicht
DPA

Radarkuppeln an der Abhörstation Bad Aibling: "Ich habe es gelöscht"

Im Bundestag geben BND-Mitarbeiter tiefen Einblick in die Spähaffäre: Ein Mathematiker kontrollierte 2013 eine gigantische US-Spionageliste - und stieß auf Tausende unerlaubte Spähziele. Offizielle Spuren seiner Suche soll es nicht mehr geben.

Der Mann, auf den alle Blicke gerichtet sind, ist schmal und hochgewachsen, er trägt eine unauffällige Beamtenbrille. Mit leiser Stimme stellt er sich vor: 44 Jahre, Oberregierungsrat, angereist aus Pullach, dem Standort der BND-Zentrale. In einem Sitzungssaal des Bundestags soll er Fragen zum Spionage-Geflecht zwischen dem US-Geheimdienst NSA und dem Bundesnachrichtendienst beantworten.

Der Mathematiker tritt im NSA-Untersuchungsausschuss unter dem Kürzel Dr. T. auf. Dass Zeugen bei solchen Vernehmungen nur ihre Initialen angeben, ist üblich.

Die Abgeordneten werden T. bis tief in die Nacht von Donnerstag auf Freitag vernehmen. Hätte der Bundestag mehr Stenografen, hätte man den BND-Mann wohl noch länger befragt. Denn T. ist eine der interessantesten Personen in der Aufklärung der aktuellen Spähaffäre.

Eigentlich ist er ein Sachbearbeiter im Hintergrund, so wie Tausende seiner Behördenkollegen. Doch T. ist der Referent im BND, der im August 2013 eine riesige Datenbank mit amerikanischen Spionagebefehlen akribisch durchsuchte - und dabei Tausende Auffälligkeiten entdeckte. Ein "Zufallsfund", wie er heute sagt.

Massenhaft unerlaubte Spionagebegriffe

Die Amerikaner liefern dem BND seit Jahren bestimmte Suchmerkmale wie Mailadressen oder Telefonnummern. Im Geheimdienst-Sprech heißen sie Selektoren. Sie sollen helfen, die riesigen Datenmengen nach relevanten Informationen zu durchkämmen. Wenn es Treffer gibt, gehen diese Daten an die Amerikaner.

Inzwischen ist klar, dass die NSA-Leute massenhaft unerlaubte Suchmerkmale an die deutschen Partner schickten, die sich gegen deutsche und europäische Interessen richteten. Nach SPIEGEL-Informationen suchte die NSA bis zuletzt mit etlichen solcher Selektoren.

Wie aber kam T. ins Spiel? Nach allem, was man bisher weiß, war sein Auftraggeber ein Unterabteilungsleiter des BND im Bereich Technische Aufklärung. Als Zeuge mit dem Kürzel D. B. wurde er ebenfalls vom Untersuchungsausschuss vernommen. Dort sagte D. B. aus, er habe ohne offizielle Anweisung von oben gehandelt. Vielmehr habe er nach den Snowden-Enthüllungen eigenmächtig eine Sonderprüfung der US-Suchmerkmale initiiert. Ausgeführt wurde sie von T.

Die Hände von T. zittern

Im öffentlichen Teil seiner Vernehmung hat T. einen hübschen Blick auf die Spree, doch das dürfte ihn kaum interessieren. Für ihn ist die Situation sichtlich unangenehm. Viel Vorbereitungszeit hatte er nicht, nun sitzt er in der Frage-Arena, umringt von Abgeordneten, jedes Wort begleitet vom Tastaturklackern auf der Besuchertribüne. Mehrfach wird T. gebeten, lauter zu sprechen, seine Hände zittern stark.

Satz für Satz beschreibt er, wie das Durchwühlen der US-Spähdaten ablief. Zunächst bekam er das Material aus der Abhörstation Bad Aibling , wo der BND besonders eng mit der NSA kooperiert. Der Datensatz muss gigantisch gewesen sein. Über die Jahre sollen sich Millionen Selektoren angesammelt haben.

Dann untersuchte er die Daten nach Art der Kommunikation wie Telefon, Messenger, Handy oder Fax, sowie nach regionaler Zuordnung. Dafür ließ T. etwa Domain-Endungen durch die Datenbank laufen. Bald stieß er auf kritische Selektoren.

Nach vier Wochen hatte er eine stattliche Liste mit "politisch sensiblen" Begriffen erstellt. Die Übersicht mit etwa 2000 Spähzielen, die nach deutschem Recht problematisch wären, druckte T. aus und übergab sie seinem Referatsleiter.

Daten weg, Leihcomputer weg

Vom gesamten Prozess soll es weder schriftliche noch elektronische Nachweise geben. Die Originaldatei mit den Selektoren? "Gelöscht". Der Ausdruck mit den 2000 Begriffen? Einmalige Ausfertigung. Es gebe keinen schriftlichen Bericht, keine Dateikopien, kein Back-up, nichts, heißt es auf Nachfragen weiter.

T.s Computer einsehen, auch das geht nicht. Denn T. führte seinen Spezialauftrag nach eigenen Angaben auf einem Leihgerät durch. Ein Laptop, der nicht mit dem Intranet des BND verbunden gewesen sein soll. Warum? "Die Datenmenge war zu groß", erklärt T. Das Leihgerät sei vor einigen Monaten an ein anderes Referat gewandert.

Auch habe er sich nie erkundigt, was aus seinem brisanten Fund wurde. "Ich hab da keine Nachfragen gestellt", sagt T. Ungewöhnlich ist das nicht. In einer Geheimdienstbehörde gehören Ausführen und Schweigen zu den wichtigsten Job-Eigenschaften.

Gegen Ende der Vernehmung fragt der SPD-Abgeordnete Christian Flisek nach dem Moment, in dem T. klar wurde, dass da brisantes Material vor ihm liege. "Wie hat Ihr Vorgesetzter reagiert?" - "Ich kann mich nicht mehr erinnern." - "War er überrascht?" - T. zögert, dann sagt er: "Er ist kein Mensch, der starke Emotionen zeigt." Es ist der einzige Moment, in dem sich T. einen ansatzweise persönlichen Kommentar erlaubt.

Noch sind nicht alle mutmaßlich Beteiligten vernommen, doch BND-Präsident Gerhard Schindler hat vorsorglich angekündigt, dass sein Haus den Datenverkehr zwischen NSA und BND womöglich nie wird rekonstruieren können.

Schindler will erst im März 2015 von dem heiklen Fund in seinem Haus erfahren haben. Er soll demnächst im Bundestag als Zeuge auftreten.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erkenntnis also:
Karaja 09.05.2015
So, so, da war was!
2. Wie hört man in den Nachrichten verniedlichend?
karljosef 09.05.2015
Das Deutsche Volk wurde falsch informiert? Ich würde es etwas neutraler ausdrücken: Pofalla und Co. haben uns angelogen, ob aus Unwissenheit oder bewusst kann jeder für sich selbst entscheiden,
3. Landesverrat ud vorsetzliche Vernichtung von Beweismaterial
Volks.Hirn 09.05.2015
Und was passiert? Nichts. Rein garnichts. Jede noch so kleine Popel-Firma ist verpflichtet Geschäftsunterlagen 10 Jahre zu archivieren, sonst gibts richtig Ärger mit dem Finanzamt. Bei den Geheimdiensten wird geschreddert und gelöscht was das Zeug hält. Und der Gesetzgeber schaut einfach so zu...
4.
hschmitter 09.05.2015
Danke. Endlich wird der Begriff Selektoren mal durch Worte, die jeder auf Anhieb versteht, ersetzt. Ich hätte es sonst zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Zu den Fakten: sieht so aus, als ob der BND genau wie die US-amerikanischen Geheimnisdienste der ihn finanzierenden Gesellschaft aus dem Ruder gelaufen ist. Interessant bleibt ja weiterhin, wie Mutti das aussieht, nachdem sie kürzlich "Freunde ausspähen geht gar nicht" zu einem "anspruchsvollen Ziel" mutieren ließ.
5.
andros0813 09.05.2015
je weiter man auf der leiter nach oben kommt, desto weniger neue erkenntnisse gibts...die köpfe halten sich schadlos, solange es irgend geht...die 'unten' haben keinen überblick, die 'oben' wissen nur das, was die medien hergeben...ein toller verein...hier wird recht gebrochen, dem volk und dem land schaden zugefügt..das sollte und muß konsequenzen haben
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr dazu im SPIEGEL


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: