SPIEGEL-TV-Interview BND-Präsident warnt vor neuer Strategie des IS

Dem Magazin SPIEGEL TV gab BND-Präsident Gerhard Schindler das erste Fernsehinterview seiner vierjährigen Amtszeit. Er warnt vor einer neuen, globalen Strategie der Terrormiliz "Islamischer Staat".

BND-Chef Schindler: "Der IS will den Eindruck eines weltweiten Systems erwecken"
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BND-Chef Schindler: "Der IS will den Eindruck eines weltweiten Systems erwecken"

Von Roman Lehberger


Snowden, NSA, "Abhören unter Freunden...", Untersuchungsausschuss: Der deutsche Auslandsgeheimdienst steht zurzeit mächtig unter Druck. Jetzt will man sich öffnen, besser erklären, soweit das beim BND eben geht. Transparenzoffensive, so heißt das Zauberwort. Nach Jahrzehnten der Abschottung bekam ein Kamerateam von SPIEGEL TV exklusiven Zugang zu streng geheimen Abteilungen und sprach mit aktiven Spionen, die Einblick geben in die Arbeit einer umstrittenen Behörde.

Im ersten Fernsehinterview in seiner bislang vierjährigen Amtszeit warnt BND-Präsident Gerhard Schindler vor einer neuen, globalen Strategie des "Islamischen Staates". "Mittlerweile zeichnet sich ab, dass der IS aus seinem Kerngebiet in Nahost heraus Aktivitäten in weiteren auswärtigen Gebieten plant oder versucht, sich in die Arbeit von dschihadistischen Gruppen vor Ort einzubringen", sagt Schindler im Interview mit SPIEGEL TV.

Sicherheitskreise berichten von der gezielten Entsendung von Emissären des IS in andere Länder. Dadurch beeinflusst die Miliz weltweit immer mehr regionale, formal noch unabhängige Terrorgruppen, teilweise bis zur Vorgabe konkreter Ziele und Anleitungen bei der Tatausführung. Ziel des "Islamischen Staates" sei meist der Treueschwur regionaler Gruppen und die Etablierung neuer "IS-Provinzen", erklärt BND-Präsident Schindler. "Der 'Islamische Staat' will inzwischen verstärkt den Eindruck eines weltweiten Systems erwecken, das immer größer wird", so Schindler weiter.

Mehr Blut an den Armen als in den Adern

Mit Mythen und Illusionen will der Dienst aufräumen. "Ich hatte mal einen Ausbilder. Der erzählte von einem Kontakt, der mehr Blut an den Armen als er in den Adern hatte. Wenn eine solche Person ein wichtiger Akteur in einem bestimmten Land ist, dann müssen wir uns einfach mit ihm beschäftigen", sagt Burkhard S.

Der Top-Spion heißt eigentlich anders. S. war lange im Bereich "Beschaffung" aktiv und damit verantwortlich für die Rekrutierung von Quellen. Unauffällig, das ist wohl das treffendste Wort, um den schlanken Mann mit runder Brille und grauer Kurzhaar-Frisur zu beschreiben. S. gilt beim BND als der erfahrenste Agent in der Ostaufklärung.

Die Arbeit der Spione ist manchmal ein schmutziges, aber in einer Welt mit Terror, Kriegen, Drogenhandel und Millionen Flüchtlingen ein notwendiges Geschäft. Das soll die Botschaft sein. Moral ist keine Kategorie in der Welt der Dienste. Was zählt, sind die vom Auftrag der Bundesregierung definierten Interessen. Einige Zeit war Burkhard S. in Russland unterwegs. Häufig getarnt als Geschäftsmann, knüpfte er Kontakte. Informationen gegen Geld, das war meist der Deal. "Das Wichtigste ist, so authentisch wie möglich zu sein. Sodass die Person gegenüber das Gefühl bekommt: Mit dem rede ich gerne".

Ein Mantra, das der BND während der Dreharbeiten in vielen Gesprächen immer wieder betont: Die Behörde arbeite immer im Rahmen geltenden Rechts. In Berlin sehen das längst nicht alle so. Denn der BND hörte vor wenigen Jahren beispielsweise auch einen deutschen Diplomaten ab. Eigene Staatsbürger sind ohne besondere Genehmigung eigentlich vor Spähversuchen geschützt. Doch die Juristen des BND argumentieren mit einer Volte: man habe die Person nicht als Staatsbürger, sondern in ihrer Funktion bei einer internationalen Organisation belauscht. Das sei etwas völlig anderes.

Ein Kamera-Drohnenflug über das Gelände? Diese Anfrage brachte die staatliche Ordnung in Pullach dann doch für einen Moment ins Wanken. Kurzes Schweigen im Hörer. "Eine Drohne? Das... gab's hier eigentlich noch nicht", sagt der BND-Mann am Telefon. Man müsse Verständnis haben. Die Antennen. Die Mitarbeiter und Autos auf dem Gelände. Das soll ja eigentlich keiner sehen. "Wir prüfen das", so zunächst die knappe Antwort.

Einen Tag nach der Anfrage zum Drohnenflug über das Pullacher Geheimdienstgelände kommt die Rückmeldung. Ein BND-Mitarbeiter der Abteilung Sicherheit würde gern einmal bei dem Kameramann vorbeischauen. Bevor man eine Entscheidung treffe, wolle man das Gerät zunächst inspizieren. Man bittet um Verständnis.


Mehr zum Thema am Sonntag um 22.10 Uhr im SPIEGEL TV Magazin auf RTL.

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