BND-Einsatz im Irak James Bond in Jeans und Weste

Der Irak-Einsatz zweier BND-Agenten ist politisch heikel. Gleichsam lernt man skurrile Details über eine verschwiegene Branche - vom Einsatz in Bagdad, Weingelagen und Schießübungen in Rambo-Manier. Und: Selbst Geheimagenten führen eigene Homepages.

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Berlin - Sitzungen des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) sind in der Regel dröge. Der Ausschuss zur Kontrolle der Geheimdienste trifft sich in abgeschiedener Ruhe in einem abhörsicheren Raum. Normalerweise lesen dann die Behördenleiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) oder des Verfassungsschutzes in feinstem Behördendeutsch von vorbereiteten Sprechzetteln, was die Geheimen so treiben.

Aufregender könnte es am Mittwoch zugehen. Dann werden die beiden Agenten des BND aussagen, über deren Arbeit in Bagdad während des Irak-Kriegs im Frühjahr 2003 in naher Zukunft ein Untersuchungsausschuss etwas mehr Klarheit bringen soll. Vor dem öffentlichen Ausschuss werden Reiner M. und Volker H. aus Geheimhaltungsgründen wohl nicht auftreten, vor dem vertraulichen PKG indes schon.

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Einsatz im Irak: Die BND-Agenten in Bagdad

Auch neben der politisch sensiblen Frage, was die beiden Agenten aus Bagdad letztlich in Richtung USA kabelten, ist ihre Geschichte erstaunlich. Selten zuvor hat man so viel über zwei im Auftrag der Bundesrepublik geheim agierende Spione erfahren. Nicht nur die Parlamentarier in der PKG haben nach einer Sondersitzung eine Vorstellung über die beiden Spitzel, die Bilder der beide werden seit Tagen in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht.

Mit einigen Klicks zur Privatadresse

Seinem Bekanntheitsgrad arbeitete einer der beiden Männer, die sonst eher im Stillen agieren, fleißig zu. Bis vor kurzem konnte man unter dem Klarnamen von Reiner M. im Internet eine ausführliche private Homepage finden, dort veröffentlichte der ehemalige BND-Mann Fotos seiner neuen Heimat im australischen Canberra. Die Offenheit erstaunt mittlerweile auch seine Chefs beim BND. Kombiniert man die Bilder, ist man schnell bei der Privatadresse des Agenten.

Auch wenn die Seite kürzlich aus dem Netz genommen wurde, wird Reiner M. und seinen Vorgesetzten beim BND die Speicherkraft des Webs zum Verhängnis. Reste seiner Selbstdarstellung sind im Cache zu finden. Im Gästebuch findet man unverblümte "Grüße aus Pullach" oder die Grüße eines "Ralph". Er erinnert sich wehmütig an die "gemeinsamen Biere" im jordanischen Amman. "Den Bildern zufolge hast Du es deutlich besser getroffen", setzt "Ralph" aus "good old Germany" hinzu.

Beim BND ist man über die Homepage unglücklich. Die Kommentare reichen von "unverständlich", "saudämlich" bis hin zu "nah am Dienstvergehen". Dass einer der für Pullach tätigen Geheimen sich selbst preisgibt und sich auch in Gefahr bringt, gehört zu den neueren Erfahrungen mit dem World Wide Web. Bisher als Quelle für radikal-islamistische Links angezapft, dient es nun zur Nabelschau des Personals. Richtig freundlich wurde deshalb auch das Telefonat nicht, dass die Behörde mit Reiner M. vergangene Woche führte.

Trotz der peinlichen Selbstenttarnung hatte der BND die beiden Männer für Bagdad bewusst ausgesucht. Bei beiden handelt es sich um militärisch geschulte Agenten, die bei einer Tarneinrichtung des BND ausgebildet wurden. Für den heiklen Einsatz, für Deutschland während des Bombenhagels über dem Irak Stellung zu halten, wollte man Männer mit Erfahrung in Selbstverteidigung und Übung an der Waffe. Keinesfalls sollte am Ende ein Todesfall bei der heiklen Mission riskiert werden, lautete die Maxime.

Frau, Kinder und ein dicker BMW

Die Homepage von Agent M. wirkt wie eine Seite eines deutschen Familienvaters. Seit dem ersten Auftauchen am 2. November 2001 entwickelte er seinen Auftritt und stellte immer mehr Bilder ins Netz. "Als erster im Netz, als letzter im Bett", kündigt der Internet-Pionier seine Nachtarbeit an. Auch Ehefrau, beide Kinder und der dicke BMW werden portraitiert, garniert mit dem Display der atomgenauen Uhrzeit. Unter einer tapsig animierten Figur nennt er seine Eigenschaften: "Nett, höflich, freundlich und zuvorkommend". Darüber hat er auch noch eine Dose Bier abgelichtet - formvoll korrekt als Test für die Kamera deklariert.

Bis auf die kleinen Hinweise im Gästebuch findet sich freilich kein direkter Hinweis auf M.s brisante Tätigkeit in Bagdad. Etwa zwei Wochen vor Kriegsausbruch tauchte er mit seinem Kollegen Volker H. in der Botschaft auf. Selbst den Journalisten, die sich über den Stand der Dinge informierten, stellte der Botschafter die beiden vor - allerdings ohne Namen. Es seien Mitarbeiter, die während des Kriegs bleiben würden, um das sandsteinfarbene Gebäude aus den vierziger Jahren zu bewachen, lautete die Legende für die BNDler.

Noch Ende letzten Jahres machte Reiner M. aus seiner Mission keinen Hehl. Zu dem Zeitpunkt hatte die ARD bereits mit den Recherchen über die BND-Aktivitäten begonnen und der Irak-Korrespondent Jörg Armbruster fand noch die E-Mail-Adresse von Reiner M. Freundlich bestätigte der ihm prompt, dass er im Irak geblieben sei und nun "als Belohung" nach Australien versetzt wurde. Herzlich gratuliert er dem ARD-Mann zu einer Beförderung und lädt ihn für März zu einem Bier in Berlin ein. Dass er nun etwas früher an die Spree kommen musste, hat Reiner M. damals wohl nicht geahnt.

Erkundungen in der Kampfzone

Die beiden Geheimen waren den Erinnerungen des SPIEGEL-Korrespondenten Bernhard Zand zufolge in Bagdad unauffällig und nicht besonders gesprächig. "Sie hielten sich aber auch nicht von den Journalisten fern - was man von hochrangigen Geheimdienstleuten angenommen hätte", erinnert sich Zand. Äußerlich wirkten sie wie die Sicherheitsleute von Botschaften in Krisengebieten gern aussehen. Meist mit Jeans und Hemd liefen sie in der Botschaft herum, den Halfter mit Waffe und Funkgerät unter einer hellen Weste mit vielen Taschen kaschiert.

Stets wirkte Reiner M. wie der Chef des Zweierkommandos. Mit seiner Brille und dem grauen Haaren fiel der wie ein ordinärer Bundesbeamter wirkende Mittvierziger kaum jemandem auf, wenn er mit seinem Kollegen Volker H. durch die Botschaft wuselte. Das letzte Mal sah Zand die beiden Männer am 17. März 2003. Damals organisierten die beiden die Evakuierung der Botschaft und geleiteten den Konvoi mit Botschafter, Mitarbeitern und Journalisten noch bis zum Stadtrand von Bagdad. Drei Tage später fielen die ersten Bomben.

Die Botschaft bewachten die Männer indes nicht. Umgehend schlüpften sie bei den Franzosen unter, die eine besser gesicherte Vertretung in Bagdad unterhielten. Von dort aus erkundeten sie ab und an in einem gepanzerten Jeep die Umgebung, sammelten ihre Eindrücke und funkten ihre Berichte per abhörgeschütztem Satellitentelefon gen Pullach. Immer wieder sollen sie dabei laut SPIEGEL-Informationen auch militärisch verwendbare Daten gesendet haben, etwa Infos über Truppenbewegungen oder einen Graben mit Öl rund um die Hauptstadt. Ob diese Daten schließlich bei den USA landeten, ist bisher unklar.

Weingelage im Bunker

Beim BND hieß es nach dem Bekanntwerden der deutschen Aktivität in Bagdad, die Agenten hätten die meiste Zeit im Bunker der Botschaft aufgehalten und den "Kopf eingezogen". "Als die Bomben fielen, hätte sich doch niemand freiwillig nach draußen begeben", so ein Beamter. Offensichtlich fühlten sich die beiden zwischen den Einsätzen in der französischen Botschaft recht wohl. Auf diplomatischem Wege jedenfalls beschwerten sich die Hausherren später, dass der Weinvorrat in der Pariser Vertretung reichlich dezimiert worden seien.

Vehement dementiert der BND, dass die beiden Männer Angriffsziele für die USA ausgekundschaftet hätten, konkret geht es um einen Angriff am 7. April. Intern aber räumt Pullach eine Fahrt an den Ort eines Bombenangriffs ein, wohlgemerkt nachdem dieser passiert war. Demnach hätten die beiden nur die Schäden an einem Haus nahe dem Ort des Angriffs inspiziert, dass der BND vor dem Krieg als Residenz nutzte.

Gleichwohl wirken Details über die beiden Männer reichlich skurril. Nach ihrer Kriegs-Mission begleitete ein TV-Reporter Reiner M. im Mai 2003 von Amman nach Bagdad. Bis unters Dach lädt der BND-Mann den Jeep voll mit "Beck's"-Bierdosen, sicher platziert hinter der Kofferraumpanzerung. Mitten in der Wüste hält der Konvoi an. Mehrere Männer steigen aus und beginnen, mit ihren Waffen auf Ölfässer zu ballern. Reiner M. selbst schießt nicht, steht aber belustigt daneben. Auch diese Bilder dürften den BND-Chefs wenig Freude machen.

Gewehrsalven zur Begrüßung

Ähnlich befremdlich wirkt eine Szene, als der Konvoi in Bagdad ankommt. Aus lauter Freude über die sichere Ankunft des alten Weggefährten greift Volker H. beherzt zur Waffe und schießt mehrmals auf den gepanzerten weißen GMC-Jeep. Den beiden Zivilisten im Wagen ist bei der Rambo-Nummer nicht so wohl zumute, doch die Panzerung hält. Auf den Bildern danach inspizieren Volker H. und Reiner M. mit breitem Grinsen die Einschussstellen am Wagen. Statt vornehm zurückhaltender Geheimagenten des BND agieren hier eher ein James-Bond-Typen - bezahlt vom deutschen Staat.

In Bagdad selbst machten die Männer vom BND nur einmal von der Waffe Gebrauch. Als die beiden Männer nach Ende der schwersten Kampfhandlungen bei der Deutschen Botschaft vorbeischauen, waren die Plünderer bereits beflissen am Werke. Zuerst stellten die beiden BNDler die Sirene ihres Dienstwagens an, dann feuerten sie in die Luft. Als die Plünderer daraufhin flohen, sahen die beiden Staatsdiener nach dem Rechten. Als erste Pflicht eines Patrioten hissten sie die schwarz-rot-goldene Fahne über dem Trümmerhaufen der Botschaft.

"Das war ein Akt, für den wir keine Erlaubnis aus Berlin eingeholt haben", sagte einer der beiden Beamten einige Tage später zum SPIEGEL-Korrespondenten Zand, "wir hatten ein paar Reservefahnen zurückgelegt. Nur für den Notfall." Was die beiden Agenten sonst noch so in Bagdad trieben, werden sie am kommenden Mittwoch in Berlin erklären müssen. Die Abgeordneten jedenfalls sind schon jetzt sehr gespannt.



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