Linker Ramelow vor Thüringen-Wahl Bodo, Bodo, Bodo

Bodo Ramelow könnte Deutschlands erster Ministerpräsident von der Linkspartei werden. Der Wahlkampf in Thüringen dreht sich vor allem um ihn. Früher ein Bürgerschreck, macht er heute Politik nach CSU-Art.

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Mühlhausen - Die Revolution stockt, Schuld ist das Kapital. Gerade erst hat sich das Volk versammelt, um dem Wort des roten Hoffnungsträgers zu lauschen, da schiebt sich ein Geldtransporter zwischen den Linken und sein Publikum. Die Blicke driften weg von der Bühne, Bodo Ramelow setzt das Mikro ab, aber nur kurz. "Sie sehen", ruft er, "wenn die Linke regiert, galoppiert das Geld davon!"

Ein bisschen Höhöhö aus dem Publikum in der Fußgängerzone von Mühlhausen, nordwestliches Thüringen, und Ramelow hat nun wieder die volle Aufmerksamkeit. Der 58-Jährige könnte als erster Linker in Deutschland Ministerpräsident werden. Schon jetzt nennt er sich ohne übertriebene Bescheidenheit "Ministerpräsident in Lauerstellung".

Thüringen wählt am Sonntag - der Wahlkampf dreht sich vor allem um Ramelow. Die CDU-Amtsinhaberin skandalgeplagt, die Herausfordererin von der SPD blass: Als Favorit gilt mittlerweile der Linke. Ein Landesvater von der Linkspartei also? Ausgerechnet der Thüringen-Versteher aus dem Westen, der Protestant unter gottlosen Genossen. Ramelow passt nicht ins Raster, das ist seine Stärke.

Für seine Partei wäre es ein großer Schritt Richtung Mainstream. Ramelow selbst würde ein roter Winfried Kretschmann, der erster und einziger grüner Landesvater ist. Ramelow könnte ein kleines Kapitel deutsche Geschichte schreiben: ein früherer PDS-Politiker als Ministerpräsident, 25 Jahre nach dem Mauerfall.

Alle für Bodo: Der Linken-Wahlkampf ist ganz auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten
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Alle für Bodo: Der Linken-Wahlkampf ist ganz auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten

Ob es soweit kommt, hängt einerseits an der SPD, die sich aller Voraussicht nach entscheiden kann, ob sie als Juniorpartner der CDU weitermacht oder nach links wechselt, und andererseits an Ramelow selbst.

Ist Ramelow überhaupt ein Linker?

Der redet in der Mühlhausener Fußgängerzone an diesem Nachmittag über Mobilität in Thüringen, Höllentalbahn und Pfefferminzbahn, Abwasser und Verwaltungsreform. Applaus tröpfelt, ein paar gedruckte Bodo-Ramelow-Schilder hängen in schlappen Armen. Der mögliche Linken-Held schrumpft erst mal auf Landtagswahlkampfgröße.

Ihm ist es recht. Ramelow will im Endspurt niemanden erschrecken und gibt sich maximal vernünftig, pragmatisch. Die Gelfrisur ist einem Seitenscheitel gewichen, Ramelow trägt Anzug und Brille von Hugo Boss.

Wahlkampf in Mühlhausen:  Revolution sieht anders aus
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Wahlkampf in Mühlhausen: Revolution sieht anders aus

In seinen Reden klingt er wie ein Landesvater, sagt gleich zu Beginn: "Wir haben ein Programm, das realistisch ist." Dort steht alles, bis auf die Forderung 5000 Lehrerstellen zu besetzen, unter Finanzierungsvorbehalt. Und so lässt sich die Frage "Wird ein Linker Ministerpräsident?" auch umdrehen: Ist der Tabubrecher überhaupt noch ein Linker?

Niemand kümmert sich mehr als Ramelow

Stellt man sie Ramelow direkt, schaut er irritiert. Er sagt: "Sich um die Sorgen der Bürger zu kümmern, ist natürlich links." Das würden die Thüringer auch verstehen. Er sagt aber auch, Ideologie einmal beiseite: "Was ist das Geheimnis der CSU? Sie kümmert sich um Regionalpolitik. Was ist unser Geheimnis? Wir kümmern uns um Regionalpolitik."

Und niemand kümmert sich mehr als Ramelow. Das ist die Botschaft des Wahlkampfs. Seit 1990 lebt er in Thüringen, hat seiner Westgewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen dort einen Ost-Landesverband aufgebaut, hat gemeinsam mit Kali-Kumpels gegen Werksschließungen gekämpft. Er hatte seinen Stallgeruch schon, bevor er 1999 in die PDS eintrat. Von den Kali-Kämpfen redet er wieder viel im aktuellen Wahlkampf.

Dorfkapelle Großengottern: Protestant Ramelow wird schon als "möglicher zukünftiger Ministerpräsident" begrüßt
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Dorfkapelle Großengottern: Protestant Ramelow wird schon als "möglicher zukünftiger Ministerpräsident" begrüßt

Eine Dorfkapelle in Großengottern, ein paar Kilometer vor Mühlhausen - eine Bürgerinitiative, die den Bau retten will, hat geladen. Ramelow: "Das Erbe der Dorfkirchen ist viel zu lange vernachlässigt worden." Welcher Linke könnte diesen Satz halbwegs glaubwürdig sagen? Protestant Ramelow hat schon mal in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gepredigt. Zur anderen Sorge der Großengotterer, dem Durchgangsverkehr, sagt Ramelow: "Wir werden das dicke Brett bohren. Ich war ja schon oft mit Attila hier wandern."

"Bodo Ramelow flippt aus"

Dass Attila sein Terrier ist, muss er gar nicht erklären. Jeder weiß das. Ramelow kennt Thüringen, und Thüringen kennt Ramelow. Das sind seine zwei Trümpfe. An den Landstraßen plakatieren andere Parteien auch mal ihre Direktkandidaten, die Linke plakatiert: Bodo. Eine Genossin sagt: "Dass der Bodo in Thüringen geblieben ist, das rechnen ihm viele hoch an."

Im Bundestag saß er auch einmal vier Jahre, hat in der Zeit von Berlin aus die Fusion von PDS und WASG gemanagt, dafür sind ihm viele Parteifreunde dankbar. Aber sie kennen auch einen anderen Bodo. Ramelow galt lange als Choleriker. Seine Ausraster in Talkshows ("Bodo Ramelow flippt aus") sind immer noch im Netz zu bestaunen. Jetzt habe er sich im Griff, versichert sein Umfeld. Wenn der Zorn aufsteigt, verlasse er einfach den Raum und kehre entspannt zurück. Warum das überhaupt wichtig sei?

Ramelow mit Ehefrau und Hund Attila (2009): Ramelow kennt Thüringen, Thüringen kennt Ramelow
imago

Ramelow mit Ehefrau und Hund Attila (2009): Ramelow kennt Thüringen, Thüringen kennt Ramelow

Wegen 2009 zum Beispiel. Bei der letzten Wahl holte er 27 Prozent, wollte da bereits Ministerpräsident werden, zumindest in die Regierung. Die Sondierungen mit der SPD und Grünen liefen schwierig, es half nicht, erzählen Sozis gern, dass Ramelow die Türen knallen ließ. Auch seine Parteifreunde irritierte er damals.

Ärger über Porträtserie

Momentan ärgert sich Ramelow über eine Porträtserie in der "Thüringer Allgemeinen". Dort hat ein Redakteur in Ramelows Vita gewühlt und dabei einige Mutmaßungen darüber angestellt, wie nah Ramelow in den Achtzigerjahren in Gießen den Kommunisten stand. Der Linke schäumte erst in seinem "offenen Tagebuch" im Netz und reichte dann eine Unterlassungserklärung ein.

Das passt nicht zur Strategie der maximalen Unaufgeregtheit, die eigentlich auch über den Wahltag hinaus gelten soll. Sollte sie aufgehen, stellt sich die Frage: Wie würde Thüringen unter dem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow aussehen?

Fragt man ihn danach, sagt Ramelow trocken: "Dann werden in Ramstein die Nato-Flieger aufsteigen und Richtung Thüringen geschickt." Es soll ein Witz sein, er macht ihn seit Monaten.

Und die ernste Antwort? Der Pragmatiker sagt einen verrätselten Satz: "Es wird nicht um Weltrevolution gehen, sondern um die Frage, wie stabil wir am Ende der Prozesse sind." Man weiß nicht, ob er damit Thüringen meint, seine Partei oder womöglich sich selbst.

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Seite 1
headcracker 10.09.2014
1.
Bodo Ramelow ist für mich keine gute Wahl, auch unabhängig von diesem Artikel hier. Zumal alle Parteien "Regionalpolitik" machen, nicht nur Die Linke. Nur macht das jede Partei mit anderen Zielen. Die einen wollen Schulnoten abschaffen, die anderen nicht. Einige wollen elternunabhängiges BAföG, andere nicht. Einige wollen eine Frauenquote in Thüringer Unternehmen, andere nicht. Und so weiter. Im Endeffekt hat die Linke zu viele Punkte in ihrem Wahlprogramm, die MICH PERSÖNLICH nicht sonderlich überzeugen, eher im Gegenteil. Einige Pläne der Linken sind meiner Ansicht nach nur aktuellen Ereignissen und Trends geschuldet, also quasi überzogen und langfristig keine gute Idee. Nur lassen sich damit eben viele Wähler "einfangen".
Roter_Milan 10.09.2014
2. Es ist nicht nur Ramelow
Es ist die beharrliche Arbeit der Linken, speziell auf Landes- und kommunaler Ebene, die das Ergebnis der LTW in Thüringen am Sonntag spannend werden lässt. In meinem Wahlkreis gibt es ständig persönliche Einladungen zu Treffen mit linken Spitzenpolitikern, und zwar für ALLE. Vom "Mittelstands-Workshop" bis zum "Arbeitslosenfrühstück". Und das auch während der Legilaturperioden und nicht nur vor Wahlen. Bei diesen Veranstaltungen ist neben anderen stets die Direktkandidatin der Linken unseres Wahlkreises dabei. Tja, andere Parteien sieht man nur vor irgendwelchen Wahlen, triste Konterfeis von meist Unbekannten, eingerahmt von markigen Worten. Mehr nicht. Ich habe bisher wegen einiger grenzwertiger Erfahrungen aus dem Ende der DDR-Zeit nie links gewählt, aus Prinzip. Ich kam schlicht mit einigen Altkadern dieser Partei nicht klar. Doch diesen Sonntag gehören meine beiden Stimmen zum ersten Mal der Linken, weil ich den Eindruck habe, sie meinen mich und nicht sich selbst.
ApuMichael 10.09.2014
3. Wutausbruch?
Nun habe ich mir den angeblichen Ausraster mal angeschaut und frage mich, was daran cholerisch oder wahlerheblich gewesen sein soll. Eine klar formulierte, temperamentvolle Reaktion auf die Äußerungen seines Kontrahenten wäre wohl eine treffendere Beschreibung.
RedKore 10.09.2014
4. Die Linke
Die Linke ist die einzige wählbare Partei in Deutschland. Die SPD verrät ihre Ideale, die CDU ist wie immer Inhaltslos und lügt bis sich die Balken biegen, die Grünen sind zu bürgerlich, die AfD ist eine abgespeckte NPD. Wenn man möchte, das sich unser Sozialsystem, unser Schulsystem, unser Gesundheitssystem und unser Wirtschaftssystem, vorallem die verteilung des Kapitals, verbessert, muss man einfach links wählen.
Olaf 10.09.2014
5.
Erinnert mich sehr an diesen selbstverliebten, linken Politikertypus. Überzeugt von der eigenen Grandiosität. Als Student in irgendwelchen kommunistischen Zirkeln gewesen und immer großes Mundwerk. So wie Schröder eben. Wer so toll auftreten kann, braucht dann natürlich auch keine Inhalte oder Programm. Die Person reicht.
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