Böllern an Silvester Her mit dem Verbot!

In drei Tagen ist wieder Böller-Chaos in Deutschlands Großstädten. Das Epizentrum an Silvester liegt in Berlin. Dringend nötig wäre ein Verbot - doch die rot-rot-grüne Landeskoalition drückt sich.

Neujahr in Berlin
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Neujahr in Berlin

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In den Tagen vor Neujahr gibt sich die Berliner Stadtreinigung große Mühe. Touristen aus aller Welt sind in der deutschen Hauptstadt, da soll es nicht allzu schlimm aussehen. So sind selbst die Straßen in meinem Innenstadtbezirk zurzeit erstaunlich sauber.

Es ist in diesen Tagen vor Silvester eine Freude, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren: kaum Scherben auf dem Weg, und selbst das zerteilte Regal einer schwedischen Einrichtungsmarke, das seit Wochen an der Straßenecke lag, wurde abgeholt.

So könnte es eigentlich immer sein. Doch die Freude währt nur kurz. In drei Tagen wird wieder alles anders. Dann wird bereits Stunden vor Mitternacht an der großen Straßenkreuzung um die Ecke wohl wieder eine Schlacht stattfinden, bei der Jugendliche darum wetteifern, wer seine Raketen am tiefsten über den Asphalt jagt. Es gibt dann immer zwei Möglichkeiten: gar nicht erst rausgehen oder einen größeren Umweg machen.

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Meine Familie zieht in diesem Jahr die Konsequenz: Wir verlassen für ein paar Tage Berlin. Wir haben einfach genug von dem Schlachtfeld, in das sich die Stadt Jahr für Jahr an Silvester verwandelt. Und genug von dem, was darauf folgt: Die Müllberge auf den Straßen und in angrenzenden Parks; der trostlose Anblick gigantischer Böllerkartons, die aussehen, als hätten sie auch beim Kampf um Berlin 1945 zum Einsatz kommen können; umherflatternde Plastikverpackungen; zerborstene Flaschen, die als Startrampen dienten für Raketen; aufgesprengte und verkohlte Postkästen.

Unser Kiez und andere Teile der Stadt sind danach für eine lange Zeit eine unwirtliche Zone, mitten im ohnehin tristen Berliner Januar. Die Helden der Stadtreinigung kommen mit dem Aufräumen kaum hinterher, konzentrieren sich zunächst auf große Straßen und jene Teile Berlins, die von Touristen stark frequentiert werden.

Im Video: Silvester in Neukölln - Straßenschlacht mit Böllern und Raketen

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Der doofe Rest - und das sind die meisten Berliner - muss warten. In vielen anderen Großstädten der Republik sind die Probleme der Böllernacht und ihre Folgen mittlerweile ähnlich. Aber in Berlin - man ist ja Hauptstadt - sind sie wohl am heftigsten.

Ich muss bekennen, dass ich die Böllerei selbst betrieben habe. In meiner Nachbarschaft galt ich allerdings als Spießerfeuerwerker: Noch in der Nacht mussten meine Kinder mit mir die Überbleibsel der Böllerei zu den Abfalltonnen bringen.

Mit der Zeit aber hat all das immer weniger Freude gemacht, weil ich in der Stadt eine zunehmende, hemmungslose Entgrenzung wahrnahm. Seit Jahren gibt es diese Neujahrsmeldungen: Polizisten, Feuerwehrmänner, Krankenhelfer werden attackiert, im vergangenen Jahr gab es allein in Berlin weit mehr als tausend Polizeieinsätze, Hunderte Brände und viele Schwerverletzte.

Eigentlich wissen die meisten, dass es mit dieser Rücksichtslosigkeit längst ein Ende haben müsste. Jüngst ergab eine Umfrage, dass sich eine Mehrheit der Deutschen für ein Verbot von Feuerwerk in Innenstädten ausspricht.

Lagerhalle in Bremerhaven, Dezember 2018 : Kartons mit Feuerwerk
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Lagerhalle in Bremerhaven, Dezember 2018 : Kartons mit Feuerwerk

Was also tun? Andere Städte machen vor, dass Silvester auch anders geht: In Paris, Rom und Wien darf privat nicht geböllert werden, mit zum Teil saftigen Geldstrafen, in einer Reihe von deutschen Kommunen gibt es bereits Verbote und ausgewiesene Zonen. In Hannover etwa werden nach den Auswüchsen der Vergangenheit in diesem Jahr in einem Bereich der Innenstadt das Mitbringen und das Zünden von Böllern und Raketen untersagt.

In Berlin hingegen wird seit fast einem Jahr darüber nur diskutiert, obwohl das Problem hier am drängendsten ist. Seitdem die SPD im Frühjahr einen entsprechenden Antrag ins Abgeordnetenhaus einbrachte, hat die rot-rot-grüne Koalition sich bislang nicht zu Verboten oder Böllerzonen durchringen können, Raketen sollen ohnehin ausgenommen sein. Anfang Dezember wurde ein weich anmutender Kompromiss ins Landesparlament eingebracht, der gewisse Einschränkungen vorsieht. Wohlgemerkt: Von einem generellen Verbot privater Feuerwerke an Silvester ist ohnehin in der Debatte nicht die Rede - dafür wäre der Bund über das Sprengstoffgesetz zuständig.

Ein Argument, das in meiner Wahlheimat (seit 1991 in Berlin) immer wieder auftaucht: Wer sollte denn selbst ein nur eingeschränktes Verbot in bestimmten Teilen der Stadt kontrollieren? Das ist allerdings die altbekannte Ausrede, die in Berlin gern benutzt wird, wenn sich manche politisch Verantwortlichen in kollektive Verantwortungslosigkeit bequemen. An anderer Stelle klappt es erstaunlicherweise ja doch, etwa bei den Parkzonen in der Stadt. Da ist die Kontrolle durch das Ordnungsamt in kurzer Zeit scheinbar mühelos hergestellt. Warum nur? Etwa weil das Land Einnahmen damit erzielt?

Meinetwegen sollen sie auf das Argument der Feinstaubbelastung durch das Böllern zurückgreifen, wenn es denn sein muss. Hauptsache, das private Böllern wird eingeschränkt oder am besten - ganz abgeschafft. Dann würde ich das neue Jahr auch gern wieder in Berlin begrüßen.



insgesamt 392 Beiträge
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jjcamera 28.12.2018
1. Grüße
Diejenigen, die sich in die Hose machen wegen NOx, sollten sich an Silvester nicht beim Böllern erwischen lassen. Das wäre nun wirklich peinlich. Neujahrsgrüße von einem Dieselfahrer, der nicht böllert.
amon.tuul 28.12.2018
2. es wird übertrieben
als ich am 1. August in der Schweiz beim Feuerwerk dabei war fiel mir auf: - deren Feuerwerk ist weitaus schöner, hinterlässt aber kaum Müll und qualmt weit weniger - die Packungen dort sind deutlich kleiner, entsprechend liegt weit weniger Abfall herum - die Bürger betreiben das Feuerwerk mit Freude In den letzten Jahren habe ich hierzulande das Gefühl, daß in Deutschland zunehend Randalemacher und Halbstarke das Feuerwerk für persönliche Inszenierungen misbrauchen. Ich kann leider nichts Gutes mehr darin sehen, daher bitte sofort das Sortiment verändern und von der Schweiz lernen.
sunshinebob 28.12.2018
3. Kontroll-Argument bleibt
Ich bin selbst sehr für ein Feuerwerk-Verbot in meinem Berlin. Allerdings hinkt der Vergleich bzgl. der Kontrollmöglichkeit: ein falsch parkendes Auto ist leichter auszumachen als an jedem Zugang zur Innenstadt Personenkontrollen durchzuführen.
proratio 28.12.2018
4. Einverstanden
Offenbar können immer mehr Menschen nicht mehr mit manchen Freiheiten umgehen, ohne andere Menschen einzuschränken oder zu gefährden. Ein Verbot wird irgendwann kommen, wenn die Zahl der Opfer dieser idiotischen, hemmungslosen Böllerei nicht mehr ignoriert werden kann. Der Wahnsinn beschränkt sich ja nicht mehr auf Silvester bzw. Neujahr. In meiner Kleinstadt ging das schon vor Tagen los und wird die Tage nach Neujahr noch anhalten. Es nervt nur noch.
Pixopax 28.12.2018
5. In Innenstädten macht das durchaus Sinn
Ich freue mich immer sehr auf Sylvester, und brenne auch sehr viel Feuerwerk ab. Ich wohne aber auf dem Land, da ist Platz, neben unserem Haus ist ein Acker, und hier laufen keine oder nur wenige solche Jugendliche herum, wie es sie in Großstädten gibt. Klar wird hier auch Unfug damit gemacht, aber es hält sich in Grenzen. Was aber in Innenstädten der Großstädte abgeht ist wirklich nicht mehr schön, und es wird immer gefährlicher, gerade in Berlin auch dank des Material aus Polen und Tschechien, da fliegen dann die Kl. IV- Kugelbomben durch die Straßen. Der Platz reicht einfach nicht aus, man kann nicht neben einem 6-Stöckigen Gebäude eine Batterie zünden. Von daher würde ich das in solchen beengten Zonen einsehen. Anderswo ist ja auch in der Nähe von Reetdächern, Krankenhäusern, Altenheime usw. untersagt. Aber bitte kein Totalverbot, das wäre doch wirklich jammerschade um diese schöne Tradition.
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