Bombennächte in Dresden "Das Trauma sitzt noch immer tief"

Dresden hält viel auf sich - und löst wenig davon ein. Demokratie und Toleranz seien nur Fassade, sagt Museumschef Martin Roth. Das vielbeschworene "alte Dresden" vor der Bombardierung vor 70 Jahren nennt er eine "sentimentale Erinnerung".

Dresden im Nebel: "Wegen seiner Kulisse schaut die ganze Welt hin"
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Dresden im Nebel: "Wegen seiner Kulisse schaut die ganze Welt hin"

Ein Interview von Frank Hornig und Steffen Winter


Zur Person
Martin Roth, 60, hat in Tübingen Kulturwissenschaft studiert. Von 1991 bis 1995 war er Direktor des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, fünf Jahre arbeitete er für die Expo Hannover, von 2001 bis 2011 war Roth Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die mit den Gemäldegalerien Alte und Neue Meister, dem Grünen Gewölbe und der Porzellansammlung zu den berühmtesten Kunstbeständen der Welt gehören. Seit 2011 leitet er das Victoria and Albert Museum in London.
SPIEGEL ONLINE: Herr Roth, vor 70 Jahren wurde Dresden flächendeckend von Briten und Amerikanern bombardiert. Jahr für Jahr gibt es am 13. Februar deshalb große Gedenkveranstaltungen in der Stadt, diesmal mit dem Bundespräsidenten und über 1400 geladenen Gästen. Warum arbeiten sich die Sachsen immer wieder aufs Neue an dem Angriff ab?

Roth: Als ich 1989 zum ersten Mal nach Dresden kam, führte mich ein älterer, sehr freundlicher Herr, der die Bombennacht erlebt hatte, durchs Zentrum. "Da ist die Sophienkirche", sagte er, "dort das Albert-Theater", und so nannte er ein Gebäude nach dem nächsten, als stünde es noch dort. Aber da war nichts, nur Zerstörung. Als führte er mich durch eine Geisterstadt. Das Trauma sitzt immer noch tief.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint, als komme Dresden bis heute nicht aus seiner Opferrolle heraus. In Hamburg gab es mehr Bombentote und Köln wurde umfassender zerstört.

Roth: Wie misst man Leid? In England starben im Bombenkrieg, im Blitz, 43.000 Menschen. Blitz hört sich immer so kurz an, ein, zwei Tage und Nächte wie an der Elbe, und das war's. Tatsächlich brachten die Deutschen einen monatelangen Bombenhagel.

SPIEGEL ONLINE: Monatelang zogen in Dresden Rechtspopulisten auf die Straße. Hat dieses Phänomen auch mit der Geschichte der Stadt zu tun?

Roth: Anders kann ich es mir nicht erklären. Sachsen war in den Zwanzigerjahren ein Land der Avantgarde und der Schönheit. Es war reich an Geld, an Menschen, an Kunst, an wunderschönen Orten und Landschaften. Was London zu London macht wegen der Sainsburys, der Rothschilds - das hat es in Sachsen auch gegeben. Denken Sie nur an die Arnholds, die zu Deutschlands größten Privatbankiers zählten und Dresden kulturell überreich beschenkt haben, bevor sie später von den Nazis verjagt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Roth: Wenn wir Dresden 1925 und Dresden 2015 vergleichen, dann sind das zwei grundverschiedene Städte. Wir belügen uns, wenn wir glauben, es gebe mehr als nur sentimentale Erinnerungen. Wo sind die Kirchen und Synagogen? Wo der gediegene Luxus und der intellektuelle Anspruch? Wo das Bürgertum, das alles zusammenhielt? Vertrieben, gefallen, getötet, vergast, geflüchtet und selbstzerstört. Übrig geblieben ist eine Fassade, die Demokratie und Toleranz nur vorspielt.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat es in Dresden nur so spät und so schwach Protest gegen Pegida gegeben?

Roth: Die Bürger kommen von ihren schönen Villen auf den Elbhängen nicht hinab ins Tal. Wobei die Erbauer der Villen und ihre Nachfahren ja längst an der Fifth Avenue leben oder in Rio de Janeiro oder Tel Aviv.

SPIEGEL ONLINE: Diese Bürger fehlen heute.

Roth: Und nicht nur wegen des Geldes. Dresden geht es zwar immer besser. Aber viele Menschen fühlen sich außen vor. Welche Identität haben sie denn nach 1989 gefunden? Sie konnten reisen. Irgendwann gab es einen Boss-Anzug. Dann einen VW Golf. Aber was war das Verbindende nach dem Zusammenbruch der DDR? Ein Mitarbeiter im Museum sagte mir mal: "Mir fehlt mein Kollektiv." Das fand ich einen extrem ehrlichen Satz.

SPIEGEL ONLINE: Sachsens erster Ministerpräsident, Kurt Biedenkopf, hat nach der Wende gesagt, die Sachsen seien immun gegen Rechtsextremismus.

Roth: Das war reines Wunschdenken. Ich musste immer wahnsinnig mit mir kämpfen, bevor ich als Sachverständiger in Ausschusssitzungen des sächsischen Landtags ging, wo NPD-Abgeordnete ihr Verständnis von Kultur propagierten. Ich schätze die offene Gesellschaft in Deutschland sehr, aber glauben Sie mir: Es kostet große Überwindung, neben Nazis im Parlament zu sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Gleichgültigkeit, Neonazis, Unfähigkeit zum Diskurs - all das gibt es nun wirklich nicht nur in Sachsen.

Roth: Anderswo mag es brutaler zugehen. Aber wer vom Rand aus demonstriert, in Vorpommern oder Unterfranken, der hat das Sprachrohr nicht. Dresden hat's. Wegen seiner Kultur, seiner Geschichte, seiner Kulisse schaut die ganze Welt hin, wenn Rechtspopulisten dort die deutsche Fahne schwenken. Ausgerechnet vor der Oper, entworfen von Gottfried Semper, der 1849 im Dresdner Maiaufstand für die Republik kämpfte, steckbrieflich gesucht wurde, nach London flüchtete und selbst in England noch von der sächsischen Polizei bespitzelt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat die Semperoper das Licht ausgestellt, als Pegida vor ihrer Fassade demonstrierte.

Roth: Ist das alles? Ich weiß noch, wie der derzeitige Chefdirigent der Staatskapelle, Christian Thielemann, eines Tages zu uns ins Museum kam und insistierte, weil unter Ausstellungsstücken die korrekten polnischen Ortsnamen standen und nicht die alten deutschen. Ich hätte mir mehr von Leuten erwartet, die sonst immer schnell dabei sind, Farbe zu bekennen, wenn es gegen das schöne Dresden geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann Kultur auf Politik reagieren?

Roth: Es freut mich sehr, dass die Kollegen in den Dresdner Museen mit großen Transparenten auf die Internationalität der Staatlichen Kunstsammlungen hinweisen. Denken Sie nur an die "Türckische Cammer" im Residenzschloss: Besser kann man doch das Verhältnis zum Islam in Sachsen gar nicht darstellen. Selbst eine der Mätressen Augusts des Starken, eine Frau namens Fatima, kam aus dem Orient.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Sehnsucht nach dem alten Dresden ist wirklich grenzenlos.

Roth: Aber was bedeutet "alt"? Dresden ist das, was der britische Universalhistoriker Eric Hobsbawm die "Invention of Tradition" nennt: eine erfundene Tradition, die weniger betagt ist, als sie scheint. Schon diese angebliche Barockstadt Dresden! Da ist vieles 19. Jahrhundert. Wenn ich mich nicht irre, war der Barock da vorbei. Das ist eine Imagination, die man bedient. Dresden will gar nicht wirklich sein. Es lebt von seiner Unwirklichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie die Stadt in Ihrer Zeit als Museumsdirektor erlebt?

Roth: Ich könnte jetzt stundenlang Anekdoten erzählen. Zum Beispiel vom früheren Ministerpräsidenten Georg Milbradt. Er wollte die 550 Jahre alten Kunstsammlungen Sachsens auflösen, weil er meinte, man brauche sie im 21. Jahrhundert nicht mehr und verteile sie lieber in der sächsischen Provinz. Ein FDP-Politiker warnte mich, er werde meinen Museumsetat kürzen - sofern ich nicht einen Auftrag an seine Privatfirma erteilte. Ein CDU-Grande drohte ebenfalls mit Folgen für meine Museen, sollte ich seinen Sohn nicht einstellen. Selbst dass ich meinen Skiurlaub nicht in Deutschland verbracht hatte, wurde von einem Christdemokraten kritisiert. Ein hoher Landesbeamter hat mir damals seine eigene Unterwürfigkeit als Vorbild dargestellt: Er diene in Vasallentreue seinem Minister, so wie treue Gefolgsleute einst Napoleon gedient hätten. Dasselbe erwarte er auch von mir. Wie soll eine Bevölkerung unter solchen Umständen ein demokratisches Verständnis entwickeln?

SPIEGEL ONLINE: Andererseits gilt Sachsen auch als ostdeutsche Erfolgsgeschichte.

Roth: Das stimmt. Zahlreiche Wissenschaftsinstitutionen sind nach Sachsen gekommen, es gibt ein hohes Maß an Modernität. In dieser Hinsicht haben wir Biedenkopf viel zu verdanken. Und natürlich gibt es in Dresden Bürger, für deren Engagement ich allerhöchsten Respekt habe. Sie gehen aber im Mainstream unter.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun weiter?

Roth: Demokratie ist kein Spaziergang bei Kaufhof, kein Urlaub auf Mallorca, kein riesiger Flatscreen, kein Sexshop und kein Swingerclub. Demokratie heißt, dass es moralische und ethische Standards gibt, die für alle verbindlich sind. Darüber muss es in Dresden einen offenen Disput geben.

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