Bonusmeilen Thierse rüffelt Lufthansa wegen Datenleck

In der so genannten Flugmeilenaffäre richtet sich das Augenmerk nun auf die Lufthansa. Die gezielten Anfragen der "Bild"-Zeitung bei Abgeordneten über Flugziele und Flugdaten im Zusammenhang mit Bonusmeilen sei kein Zufall, vermutet Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Die Daten könnten nur aus einer undichten Stelle an das Boulevardblatt gelangt sein.

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Lufthansa-Chef Weber: Thierse schrieb einen Brief, Trittin telefonierte mit ihm
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Lufthansa-Chef Weber: Thierse schrieb einen Brief, Trittin telefonierte mit ihm

Berlin - Das Schreiben des Bundestagspräsidenten lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Unter Angabe "detaillierter, interner Angaben über Flugdaten und Flugziele" seien in den vergangenen Tagen eine Reihe von Abgeordneten von Journalisten "eines Boulevardblattes" um Auskunft über die Verwendung ihrer dienstlich erworbenen Bonusmeilen gebeten worden, schreibt Wolfgang Thierse in einem Eilbrief am Mittwoch an den Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Weber.

An einen Zufall mag der Sozialdemokrat nicht mehr glauben, seitdem die "Bild"-Zeitung täglich neue Namen von Politikern nennt, die angeblich ihre dienstlich erworbenen Meilen bei Lufthansa für Privatflüge benutzt haben sollen. Es liege "jenseits jeglicher Wahrscheinlichkeit", so Thierse, dass die Informationen aus den betroffenen Büros der Abgeordneten stammten. Folglich, schlussfolgert der Bundestagspräsident, "können die Daten nur aus Ihrem Hause an die "Bild"-Zeitung weitergegeben worden sein."

Task-Force soll Lufthansa durchleuchten

Staatsminister Volmer: Er will nach seinem Urlaub Auskunft geben
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Staatsminister Volmer: Er will nach seinem Urlaub Auskunft geben

Die Lufthansa selbst will "kriminelles Handeln" nicht ausschließen, wie ihr Datenschutzbeauftragter am Mittwoch gegenüber der "Frankfurter Rundschau" einräumte. Daten würden nur freigegeben, wenn der Betroffene ausdrücklich zustimme oder ein richterlicher Beschluss vorliege.

Durch die Weitergabe der Daten ist die Lufthansa in eine peinliche Lage gebracht worden. Denn an Hand der Daten konnte die "Bild"-Zeitung auch persönliche Lebensumstände des in Verdacht geratenen Staatsministers im Auswärtigen Amt, Ludger Volmer, nachvollziehen. Volmer will sich nach Ende seines Urlaubes zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen äußern.

Die Lufthansa reagierte unterdessen mit der Einrichtung einer "Task-Force". Ihr gehört unter anderem auch die Konzernsicherheit an. Zwar gebe es in der "jetzigen Situation keine Anzeichen für eine undichte Stelle", so ein Konzernsprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das Unternehmen habe aber "massives Interesse zu wissen, wer und wie irgendjemand möglicherweise aktiv geworden ist".

Vom Call-Center bis zum IT-Bereich werden beim Konzern alle Ebenen derzeit durchgecheckt. Der Kreis derjenigen, die Kenntnisse über Bonusstände erhalte, sei "sehr gering", so der Konzernsprecher weiter. Alle Mitarbeiter in diesem Bereichen würden einem Sicherheitsscheck unterzogen. Zudem müssten sie sich in ihrem Arbeitsvertrag zum Stillschweigen verpflichten. Anderenfalls drohten bei Verstößen Entlassung und/oder Anzeige.

Trittin kritisiert Lufthansa-Datenschutz

Umweltminister Trittin: Wirft der Lufthansa zu laxen Umgang mit Daten vor
DDP

Umweltminister Trittin: Wirft der Lufthansa zu laxen Umgang mit Daten vor

Bundesumweltminister Jürgen Trittin hielt der Lufthansa am Mittwoch einen zu laxen Umgang mit den privaten Daten ihrer Kunden vor. Zugleich versicherte er, für fünf private Flüge nur privat erflogene Bonusmeilen eingesetzt zu haben. Schon vor seiner Ernennung zum Minister habe er ein hohes Meilenkonto gehabt. Mit dienstlichen Meilen habe er zudem für dienstliche Zwecke einen Koffer bei der Lufthansa erworben.

Trittin stellte in Frage, ob die Lufthansa ihre Kundendaten ausreichend sichert. "Es scheint so zu sein, dass zumindest die Daten, die bei der Firma gespeichert sind, in einer Weise verwahrt werden, wo ich mal raten würde, nachzugucken, ob es denn mit dem Datenschutz alles so seine Richtigkeit hat." Er habe am Dienstag mit Weber telefoniert und mit ihm darüber gesprochen, wie es kommen konnte, dass Journalisten des Axel Springer Verlags ihn zu einem nicht von ihm veröffentlichten Abflugtermin erwartet hätten. Unterdessen bat Thierse den Lufthansa-Chef sich dafür einzusetzen, den Abgeordneten neben der Senatorkarte eine weitere für private Reisezwecke zur Verfügung zu stellen. Darüber hat laut Thierse seine Verwaltung bereits Anfang Juli mit dem Konzern gesprochen.

Bundestagspräsident Thierse: Die Daten können nur von Lufthansa weitergegeben worden sein
DPA

Bundestagspräsident Thierse: Die Daten können nur von Lufthansa weitergegeben worden sein

Zugleich setzte der Bundestagspräsident im Auftrag der Fraktionen Lufthansa-Chef Weber ein Ultimatum: Bis Donnerstag, 14 Uhr, soll Lufthansa eine Liste der Abgeordneten übermitteln, die "Miles & More"-Bonusflüge wahrgenommen haben, damit er diese an die Fraktionen weitergeben könne. "Nur so kann gewährleistet werden, dass sich einzelne Abgeordnete gegen öffentliche Vorwürfe wehren können, sie hätten Bonuspunkte aus dienstlich veranlassten Flügen zu privaten Zwecken verwendet, " schreibt Thierse weiter.

Absage an Thierse-Ultimatum

Darauf aber will sich die Lufthansa nicht einlassen. "Auf der einen Seite wirft uns ein Bundesminister Laxheit im Umgang mit dem Datenschutz vor, auf der anderen Seite sollen wir ihn nach dem Willen des Bundestagspräsidenten brechen - das geht nicht", so der Lufthansa-Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der Konzern schlägt nun Thierse vor, die Bundestagsabgeordneten aufzufordern, ihrerseits bei der Lufthansa um eine Dokumentation ihres aktuellen Bonuskontos zu bitten. "Wir wären dazu in dieser Ausnahmesituation unverzüglich bereit, um das Thema endlich zu beenden", so der Sprecher. Der Bundestagspräsident könnte dann anschließend die Abgeordneten bitten, ihre Konten offen zu legen.



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