Ordnungshüter Boris Palmer Das grüne Männchen

Ob Messermigration oder nächtliche Ruhestörung: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat etwas dagegen. Zum Beispiel seinen Dienstausweis.

Boris Palmer
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Vergangene Woche saß Boris Palmer auf einem Podium in Berlin. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen präsentierte das neue Buch seines Bekannten Claus Strunz. Strunz war früher mal Chefredakteur der "Bild am Sonntag" und des "Hamburger Abendblatts" und leitet heute als Geschäftsführer das Sat.1-Frühstücksfernsehen. In "Geht's noch, Deutschland?" benennt Strunz für 19,99 Euro und alle, denen die Sarrazin-Lektüre zu anspruchsvoll ist, "die schlimmsten Fehler, die unser Land lähmen".

Es ist der hinreichend bekannte, stramm rechte Mix aus "Asyl-Chaos" und "Abschiebe-Irrsinn". Man kann derartiges täglich in der "Bild"-Zeitung lesen, sich dazu stundenlang wutbürgerliche Internetvideos reinziehen oder eine beliebige AfD-Rede in den Parlamenten hören.

Boris Palmer jedoch sagt, Strunz besetze mit dem Buch "eine Leerstelle in der Debatte". Das finde er ganz hervorragend.

Anders als Strunz besetzt Palmer tatsächlich eine Leerstelle: die des grünen Rechtsaußen. Während die Grünen mit ihrer konsequenten Positionierung als Anti-AfD in Landtagswahlen von Erfolg zu Erfolg eilen und im Bund laut Umfragen drauf und dran sind, stärkste Partei zu werden, gibt Palmer den Asylpopulisten. Straffällig gewordene Flüchtlinge wollte er schon 2016 nach Syrien abschieben, da war der Bürgerkrieg dort noch in vollem Gang. Selbst Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), gewiss kein Asylromantiker, schließt Abschiebungen dorthin noch heute bis auf Weiteres aus.

"Ach nee, der auch noch"

In einem "Phoenix"-Interview vom Freitag schaffte es Palmer, unter einer erstaunlichen Anhäufung der Vokabeln "kriminell", "Straftäter", "Tötungsdelikte", "Vergewaltigung" und "Flüchtlinge" ganz nebenbei unterzubringen, dass die Zahl der Straftaten in Deutschland insgesamt tatsächlich rückläufig sei. Wobei man aber ernst nehmen müsse, dass viele Bürger sagen, ihr Sicherheitsgefühl habe in den letzten Jahren gelitten. Denen könne man ja nicht mit der Statistik kommen. Palmer beschreibt ein Gefühl der Unsicherheit, das er selbst wortreich schürt. Übertreiben will er freilich nicht: "Wir haben einen liberalen Rechtsstaat, der wegen Kleinigkeiten nicht gleich mit der Keule kommt. Das will ich nicht aufgeben."

Wie sich Palmer einen liberalen Rechtsstaat ganz konkret vorstellt, demonstrierte er höchstpersönlich am 13. November nach 22 Uhr in der Tübinger Pfleghofstraße. Da begegnete ihm ein Paar, der junge Mann war offenbar kein Fan des Oberbürgermeisters.

Wie etwa das "Schwäbische Tagblatt" und die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, habe er eine abfällige Bemerkung in Richtung Palmers gemacht, der Student wird sinngemäß mit den Worten zitiert: "Ach nee, der auch noch." Manchem mag so ein Spruch als Kleinigkeit erscheinen, Palmer wollte ihn nicht auf sich sitzen lassen. Er stellte den jungen Mann zur Rede, dieser wollte sich aber nicht auf eine Diskussion einlassen. Und brachte das wohl lautstark zum Ausdruck.

So nicht mit dem Ordnungshüter Boris Palmer. "Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich als Leiter der Ortspolizeibehörde das Recht zu einer Personenkontrolle habe, um Verstöße gegen Ortsrecht zu ahnden, zeigte ihm meinen Dienstausweis und wies ihn darauf hin, dass seine laute Schreierei nach 22h einen Verstoß gegen §2 der städtischen Polizeiverordnung darstelle", berichtet Palmer auf seiner Facebook-Seite.

Zum Beweis seiner Befugnisse postet er dazu die Ablichtung seines Dienstausweises, der ihn dazu berechtigt, "mündliche Verwarnungen auszusprechen und das Verwarnungsgeld entgegenzunehmen". Dazu kam es aber nicht, da sich der Delinquent aus dem Staub machte. Immerhin hat Palmer den Übeltäter wohl noch fotografieren können.

Die Karikatur des schwäbischen Spießers

Vom politischen Gegner werden die Grünen gerne als Verbotspartei gescholten. Wenn es einen gibt, auf den dieser Vorwurf zutrifft, dann ist es wohl Boris Palmer. Ausgestattet mit Dienstausweis und Verwarnungsbefugnis sieht er sich selbst als Oberpolizist, der in eigener Sache zum Einsatz schreitet. Er ist die Karikatur des schwäbischen Spießers.

Fragt man Boris Palmer nach seiner politischen Sozialisation, kommt er schnell auf seinen Vater zu sprechen. Der Obsthändler war eine lokale Berühmtheit, weil er mit schriller Kritik an der Obrigkeit immer wieder Aufsehen erregte. Erfolglos rief er sich vielfach selbst zum Kandidaten praktisch jeder Bürgermeisterwahl aus, derer er habhaft werden konnte. Der kleine Boris sammelte seinerzeit Fünf-Mark-Stücke bei den Besuchern der politischen Auftritte des alten Palmer ein, die waren so unterhaltsam, dass die Leute dafür gezahlt haben. Und gewagt: Zwei Jahre saß der Vater wegen Beamtenbeleidigung im Gefängnis.

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft.

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Sein Sohn hat einen weiten Weg gemacht: Anders als der Vater gewinnt er Wahlen. Und anders als der Vater schimpft er nicht auf die "Bürokraten, diese Tagdiebe" und das "feige Bürgerpack". Er ist Oberbürgermeister und bedient rhetorisch die bürgerlichen Ängste.

Bei seiner Buchvorstellung setzte Claus Strunz zu einem bizarren Monolog an: Er selbst, sprach Strunz voller Überzeugung, stehe in der bürgerlichen Mitte, doch alle anderen seien irgendwie links an ihm vorbeigezogen. Er wirkte wie ein Geisterfahrer, der feststellt, dass alle anderen in die falsche Richtung fahren. Nachfrage aus dem Publikum: "Sie haben gesagt, alle anderen haben sich bewegt, Sie sind stehengeblieben. Macht Sie das nicht skeptisch?" Die Kamera ruht auf Boris Palmer. Anders als Strunz erkennt er die Widersprüchlichkeit der Strunz´schen Positionsbestimmung. Er muss etwas lachen.

Palmer weiß offensichtlich um die eigene Absurdität. Trotzdem drängt es ihn immer wieder auf die Bühne, sei es bei Strunz oder nachts in der Tübinger Pfleghofstraße. Ernst nehmen kann man ihn nicht, unterhaltsam ist er leidlich. Vielleicht steckt ihm ja mal jemand fünf Euro zu für seine Bemühungen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version hieß es, der Vater von Boris Palmer sei Obstbauer gewesen. Tatsächlich war er Obsthändler. Wir haben die Stelle korrigiert.

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insgesamt 267 Beiträge
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Seite 1
TheFunk 26.11.2018
1. Sicherlich wird in Tübingen auch mal wieder neu gewählt
Die Grünen werden den Palmer sicher nicht wieder neu aufstellen. hoffentlich.
Setra22 26.11.2018
2. Alles klar?
Wurde der grüne OB von seinen Bundesparteioberen zum Abschuss freigegeben? Passt er nicht mehr zu diesen Grünen, weil er zu sehr Realist ist? Oder warum bauscht man die Sache so auf?
apetri1 26.11.2018
3. Da gibt's nicht viel zu sagen
dem armen Boris ischd wohl äbbes z'Kopf gschdiege (schwäbisch: zu Kopf gestiegen).
otzer 26.11.2018
4. Palmer hat vollkommen recht
Ich finde seine (bisherigen) sehr realitätsbezogenen Aussagen gut - und die nächtliche Aktion auch witzig. Meine Sympathien hat er - und das humorlose Gestänkere aus der linken Ecke würzt das Ganze noch zusätzlich. Herr Palmer: Weiter so, lassen Sie sich nicht von Dogmatikern in Ihrer eigenen Partei verbiegen!
claus7447 26.11.2018
5. Boris, das Rumpelstilzchen - oder die Gene
Eigentlich hat der Boris ja ganz gute Ideen - und Tübingen mag ihn - aber er rumpelt ab und zu rum. Es bleibt zu vermuten, dass sein Vater (der Remstal-Rebel) da durchfärbt.
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