Boris Palmer zu Stuttgart 21: "Die Bahn hat sich durch Unvermögen selbst gestoppt"

S21-Baustelle in Stuttgart: "Die Bahn hat sich durch Unvermögen selbst gestoppt" Zur Großansicht
REUTERS

S21-Baustelle in Stuttgart: "Die Bahn hat sich durch Unvermögen selbst gestoppt"

Die Kosten explodieren, die Arbeiten ruhen: Bei Stuttgart 21 gibt es de facto einen Baustopp, sagt Tübingens Oberbürgermeister Palmer im Interview. Der Grüne plädiert für eine Rückkehr zum Kopfbahnhof - und für mehr Bahn für weniger Geld.

SPIEGEL ONLINE: In der Schlichtung mit Heiner Geißler haben Sie im Herbst 2010 als Alternative zu Stuttgart 21 die Variante Kopfbahnhof 21 (K 21) vorgestellt. Ist das Modell aus heutiger Sicht noch immer eine Option?

Palmer: Selbstverständlich. Bisher wurde ja nur abgerissen und abgeholzt, gebaut ist nichts. K 21 ist finanziell und verkehrspolitisch die bessere Alternative. Bei K 21 bliebe der jetzige Kopfbahnhof erhalten - er ist ja voll funktionsfähig. Stück für Stück könnte dann zuerst das Bahnhofsgebäude und das Gleisfeld saniert und bei Bedarf auch erweitert werden. Man bekäme wesentlich mehr Bahn für einen Bruchteil der Kosten von Stuttgart 21.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt insgesamt fast ein Dutzend verschiedener Alternativprojekte zu Stuttgart 21. Viele wurden von Gerichten und Gutachtern in der Vergangenheit verworfen.

Palmer: In erster Linie wurden die Alternativen vorab von den politischen Entscheidern verworfen, denn die träumten von einem innerstädtischen Prestigeprojekt mit Tiefbahnhof. Natürlich gibt es noch kein fertiges Planfeststellungsverfahren für die Kopfbahnhof-Alternativen. Aber selbst Stuttgart 21, das sich schon im Bau befindet, ist bis dato nicht in allen Abschnitten planfestgestellt. Denken Sie nur an die umstrittenen Abschnitte bei der Anbindung an den Flughafen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vorteile gegenüber Stuttgart 21 bietet die K-21-Alternative?

Palmer: Mehr Zugfahrten, bessere Anschlüsse und niedrigere Baukosten. Entscheidend ist aber das modulare Konzept, das man stufenweise realisieren könnte. So kann man über einen Ausbau der Zulaufstrecken für den Regional- oder Fernverkehr nachdenken, aber auch über bessere Anbindungen an die Neue Messe, den Flughafen oder die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Diese Bauweise wäre flexibel, man könnte sich am tatsächlichen Verkehrsbedarf und den finanziellen Möglichkeiten von Bahn, Stadt und Land orientieren. Jede Einzelmaßnahme hat für sich einen Nutzen. Stuttgart 21 ist hingegen ein "Alles-oder-nichts"-Projekt. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

SPIEGEL ONLINE: Die Bahn hat immer erklärt, ohne den Tiefbahnhof in Stuttgart wäre auch die Neubaustrecke hinfällig.

Palmer: Das ist Unsinn. Die neue ICE-Trasse ab Wendlingen kann auch problemlos an den bestehenden Kopfbahnhof angebunden werden. Die Zeitersparnis ist dann für eine Übergangsphase etwa zwölf Minuten geringer. Übrigens würden auch bei K21 Bauflächen in der Innenstadt frei werden, durch die Verlegung des alten Abstellbahnhofs. Wir reden hier dann von circa 75 statt hundert Hektar wie bei Stuttgart 21.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wird auch wieder über die Höhe der Ausstiegskosten gestritten.

Palmer: Das Beeindruckendste an den Zahlen, die dazu im Raum stehen, ist ihre Bandbreite: Von 500 Millionen bis fünf Milliarden ist alles dabei. Schon daran sieht man, dass dies in erster Linie politische Zahlenspiele sind. Ich halte es auch bei diesem Punkt für klug, wenn wir uns auf das beziehen, was in der Schlichtung festgehalten wurde: Die Wirtschaftsprüfer kamen auf ein bis 1,5 Milliarden Euro, die Hälfte davon aus einem Grundstücksgeschäft mit der Stadt Stuttgart. Viel hat sich seitdem nicht mehr geändert.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den inzwischen vergebenen Bauaufträgen, etwa für die großen Tunnelabschnitte?

Palmer: Dann würden sicherlich Auflösegebühren für die Verträge fällig, aber das wäre ja nur ein Bruchteil der tatsächlichen Baukosten.

SPIEGEL ONLINE: Fordern Sie einen Baustopp von Stuttgart 21?

Palmer: Das ist mittlerweile obsolet, denn den gibt es de facto doch schon. Die Bahn hat sich durch Unvermögen selbst gestoppt. Die Bauarbeiten im Talkessel ruhen wegen fehlender Genehmigungen beim Grundwassermanagement und massiven Problem beim Umbau des Hauptbahnhofs. Und der Bund stellt lapidar fest, dass keine Gelder mehr freigegeben werden dürfen, weil die Gesamtfinanzierung nicht mehr gesichert ist.

Das Interview führte Simone Kaiser

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 350 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. wer nix wird,
axel.hag 08.02.2013
wird Wirt oder geht zur Bahn. Das war früher. Und ich dachte diese Sorte ist mittlerweile im Ruhestand!
2. :-(
quark@mailinator.com 08.02.2013
Ich warte noch immer auf die Berechnung der Kosten und der Zeitverzögerung, welche durch die Protestierer entstanden sind. Es ist ein bischen absurd, erst für Schäden zu sorgen und sich dann darüber aufzuregen. Das die Grünen in Ba/Wü mal eben jede Menge wichtige Infrastrukturmaßnahmen gestoppt haben, ist eine Sache, aber ob es das Land auf die Dauer weiterbringt, eine ganz andere. Bei uns fahren nun erstmal für 15 Jahre jede Menge Autos durch's Dorf, weil zwar die erste Hälfte einer Bundesstraße gebaut wurde (welche die Autos nun bringt), die zweite Hälfte aber plötzlich verschoben wird, obwohl schon Brücken dafür in der Landschaft rum stehen. Ein Elend.
3. Liebe Bahn!
otto_iii 08.02.2013
Lasst den Stuttgarter Wutbürgern doch einfach den ganzen Schrott so liegen wie er ist, und steckt das Geld in Gegenden, wo man das Engagement für etwas neues noch zu schäten weiß. Die ICs + ICEs fahren nur noch bis Vahingen/Enz und wer weiter will nimmt den Bus. Das wär doch was, oder?
4. optional
MHB 08.02.2013
Es sollte verboten werden, nach Beschluss zu einem Großprojekt auch nur irgendwo in "Entscheiderposition" nen Politiker sitzen zu haben. Ein unfähiges Pack allesamt, dazu gibt es ja noch zwei weitere Prominente Beispiele zur Zeit ... Schade um den Schlosspark, dass es so lange gedauert hat bei S21 ...
5. !
brasilpe 08.02.2013
Zitat von sysopDie Kosten explodieren, die Arbeiten ruhen: Bei Stuttgart 21 gibt es de facto einen Baustopp, sagt Tübingens Oberbürgermeister Palmer im Interview. Der Grüne plädiert für eine Rückkehr zum Kopfbahnhof - und mehr Bahn für weniger Geld. Boris Palmer über Alternativen zu Stuttgart 21 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/boris-palmer-ueber-alternativen-zu-stuttgart-21-a-882005.html)
Klingt ziemlich vernünftig.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Stuttgart 21
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 350 Kommentare
Zur Person
DPA
Boris Palmer, Jahrgang 1972, ist seit Januar 2007 Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen. Der Grünen-Politiker war zuvor Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg.

Fotostrecke
Stuttgart 21: Widerstand gegen ein Jahrhundertprojekt

Twitter zu #S21