Hamburger Ismail Özen Der Boxer, der sich gegen die Salafisten stellt

Ismail Özen ist Boxer - und für manche Familien mit radikalisierten Kindern die letzte Hoffnung. Er arbeitet mit den jungen Extremisten, fühlt sich dabei aber allein gelassen: "Ich mach als Privatmann den Job der Regierung."

Boxer Özen (im Irak 2015): "Von der Bundesregierung ist nichts zu hören"
Maximilian Popp

Boxer Özen (im Irak 2015): "Von der Bundesregierung ist nichts zu hören"

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Özen, Sie helfen Hamburger Familien, deren Kinder mit dem "Islamischen Staat" sympathisieren. Was erleben Sie bei Ihrer Arbeit?

Özen: Ich erlebe Jugendliche mit meist unauffälligen Biografien. Normale Kids, die irgendwann auf die schiefe Bahn geraten sind, aus welchen Gründen auch immer. Und Eltern, die total überfordert sind, die nicht wissen, wie sie mit dem Problem umgehen, wie sie darauf reagieren sollen.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt einen jungen Mann oder eine junge Frau aus Hamburg oder Berlin dazu, sich einer Terrorgruppe im Nahen Osten anzuschließen?

Özen: Ich weiß es nicht. Was ich beobachte, ist, dass viele dieser Jugendlicher längere Zeit Probleme hatten, die unausgesprochen blieben. Sei es in der Schule oder am Arbeitsplatz. Da hat sich etwas angestaut. Und dann kommt da ein selbst ernannter Kalif und verspricht denen das Paradies auf Erden, bietet ihnen einen Ausweg aus ihrer tristen Existenz. Für manche ist das dann verlockend.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Religion?

Özen: Anfangs keine große. Die wenigsten deutschen Jugendlichen, die beim IS landen, kommen aus streng religiösen Familien. Das sind Durchschnittsmuslime, die vielleicht am Freitag in die Moschee gehen und an Ramadan fasten. Aber die sind in ihrem Glauben selten tief verwurzelt. Sie werden vielmehr verführt von absurden Versprechen, die mit dem Islam in Wahrheit gar nichts zu tun haben. Die Politik müsste da viel aktiver sein, müsste diesen Jugendlichen Perspektiven bieten, müsste ernsthaft in Deradikalisierungsprogramme investieren. Ich mach als Privatmann den Job der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich als Boxer immer wieder politisch geäußert, etwa den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan scharf angegriffen. Warum?

Özen: Ich bin in Deutschland geboren. Aber meine Eltern stammen aus der Türkei. Ich bin diesem Land verbunden. Und es tut mir weh, zu sehen, was da gerade passiert. Die türkische Regierung hat lange Zeit mit dem "Islamischen Staat" kooperiert - zumindest indirekt. Ohne die Unterstützung aus Ankara wären die Dschihadisten niemals so stark geworden.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan hat dem "Islamischen Staat" den Krieg erklärt. Das türkische Militär fliegt Angriffe gegen den IS.

Özen: Ja, aber das ist nur ein Vorwand. Erdogan ist scheinheilig. In Wahrheit führt er Krieg gegen die Kurden. Schauen Sie sich die Zahlen an: Die Luftangriffe treffen beinahe ausschließlich PKK-Stellungen. Es wurden in Ankara, Istanbul und andernorts auch fast nur Kurden und Linke verhaftet, so gut wie keine Dschihadisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte Deutschland mit der Situation in der Türkei umgehen?

Özen: Ich würde mir wünschen, dass sich die Bundesregierung da viel eindeutiger positioniert. Die Türkei ist immerhin Nato-Partner und EU-Beitrittskandidat. Ich war vor einigen Wochen im Nordirak. Dort hat die Türkei bei angeblichen Angriffen gegen die PKK ein halbes Dorf zerstört. Zivilisten wurden getötet. Es ist traurig, dass ich als Sportler darauf hinweisen muss. Und von der Bundesregierung nichts zu hören ist.

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