Brand bei Berliner Flüchtlingsheimen "Wir rannten um unser Leben"

Direkt neben zwei Flüchtlingsunterkünften in Berlin ist eine Turnhalle abgebrannt. Hunderte Asylbewerber mussten evakuiert werden. Eigentlich sollte auf dem Gelände am Donnerstag ein Willkommensfest stattfinden.

Aus Berlin-Reinickendorf berichten , und


In Grüppchen sitzen auf einer Wiese Dutzende Menschen aus aller Welt und schauen auf die Rauchschwaden. Sie sind so dicht, dass sie selbst am anderen Ende Berlins noch zu sehen sind. Die Turnhalle auf dem weitläufigen Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf brennt noch immer. Immer wieder ist das Knallen berstender Dachziegel zu hören. Feuerwehr und Polizei gehen davon aus, dass die Halle nicht mehr zu retten sein wird, Totalschaden.

Täglich hatte es diese Woche in Deutschland Brandanschläge auf geplante Flüchtlingsunterkünfte gegeben. Wenn nun eine Turnhalle direkt neben zwei Flüchtlingsheimen brennt, fürchtet jeder sofort das Schlimmste. Die Polizei prüft derzeit noch, ob es sich bei der Brandursache um einen Anschlag oder um einen Defekt des veralteten Leitungssystems handelte.

Berlin-Reinickendorf: Die Bewohner der Flüchtlingsheime beobachten die Löscharbeiten
DPA

Berlin-Reinickendorf: Die Bewohner der Flüchtlingsheime beobachten die Löscharbeiten

War die Turnhalle zum Zeitpunkt des Brands leer? Ganz sicher ist dies noch nicht. "Da war sofort so viel Rauch, da konnte man nicht mehr hin, um zu helfen", berichtet eine junge Frau, die auf dem Klinikgelände arbeitet. Der Brand habe sich rasant ausgebreitet, bestätigt die Feuerwehr.

Sicherheitsdienst schickte Menschen sofort ins Freie

In der Turnhalle selbst waren zum Zeitpunkt des Brands keine Flüchtlinge untergebracht. Verschiedene Reinickendorfer Vereine nutzten sie zum Sport und luden manchmal auch Flüchtlingskinder dazu ein. Anwohner berichteten SPIEGEL ONLINE jedoch, dass die Halle auch als künftige Erstaufnahmestelle im Gespräch gewesen war. Für Donnerstag war auf dem Gelände der Klinik ein Begegnungsfest für Flüchtlinge und Nachbarn geplant.

Zudem steht direkt neben der Turnhalle ein Flüchtlingsheim. Ein weiteres ist nur wenige Hundert Meter entfernt. Insgesamt leben dort rund 900 Flüchtlinge. Als die Turnhalle zu brennen anfing, schlug der Sicherheitsdienst in den Unterkünften sofort Alarm: "Alle raus, raus, raus!"

"Wir rannten um unser Leben", erzählen zwei junge Somalier. "Wir sind durch die Gänge gestürzt, alle, die Familien, die Kinder." Eine 15-jährige Bosnierin im bunten Sommerkleid schnappte ihren elf Monate alten Bruder. Sie konnte die beißenden Schwaden bereits riechen und fürchtete, dass ihre Unterkunft in Flammen stand.

"In Deutschland ist doch alles gut"

"Wir haben kein Glück, nicht in Syrien und nicht hier", sagt ein 39-Jähriger aus Aleppo, doch er lacht. Bei ihm überwiegt die Erleichterung, dass seine vier Kinder nicht im Flüchtlingsheim waren, als der Brand losging, sondern auf einem Sommerferienausflug. "Sie sollen den Krieg aus ihren Köpfen bekommen", sagt er. "So ein Brand ist nicht so schlimm wie Krieg, aber ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen müssen."

Mit zwei anderen Syrern aus Aleppo sitzt er zusammen, die Männer diskutieren. Keiner von ihnen kann so recht fassen, dass der Brand vielleicht kein Unfall war, sondern womöglich ihnen gelten sollte. "Wir haben keine Probleme mit den Nachbarn gehabt", sagen sie. Alle von ihnen haben von den Ausschreitungen in Heidenau und Freital gehört. "Es gibt Deutsche, die helfen, und es gibt auch solche", differenzieren sie.

Haben sie so etwas erwartet, bevor sie nach Deutschland flüchteten? "Nein", sagt der 39-Jährige. "Ich bin überrascht davon. Deutschland ist doch groß, das Bildungsniveau hoch. Es ist ein demokratisches Land, und alles ist dort gut."

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Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016

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