Angriff auf Landarzt in Brandenburg "Ein Dorn in einem Feld voller Blumen"

Amin Ballouz ist Landarzt in der Uckermark, der Mann aus dem Libanon ist bekannt und beliebt. Jetzt wurde sein Haus angegriffen. Vor der Tür lag ein Stein mit aufgemaltem Hakenkreuz.

Amin Ballouz in seiner Arztpraxis in Schwedt (Oder).
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Amin Ballouz in seiner Arztpraxis in Schwedt (Oder).

Von Sophie Krause, Schwedt


Ein Sturm zieht über Schwedt an diesem tristen Januartag. Amin Ballouz, weißes, einwandfrei gebügeltes Hemd, Krawatte, hellbraune Cordhose, sitzt in seinem ledernen Schreibtischstuhl und schaut aus dem Fenster. Der Schneematsch auf der Straße hebt sich kaum vom grauen Himmel ab, unaufhörlich prasselt der Regen gegen die Scheiben der Arztpraxis.

"Ich habe keine Angst", sagt Ballouz, als ob er sich seiner selbst vergewissern will. Das Stethoskop hängt lässig um seinen Hals. "Warum sollte ich Angst haben?"

Es ist einige Tage her, da wurde Ballouz mitten in der Nacht von einem lauten Knall geweckt. Er ist allein in seinem Haus im Angermünder Ortsteil Frauenhagen, der alte Hof liegt etwas abseits am Feldrand, weit und breit keine Menschenseele. Nach einer Viertelstunde traut er sich hinaus aus dem Schlafzimmer. Im Wohnzimmer ist das Fenster zerborsten, Scherben, Porzellanfiguren und der Schwibbogen liegen auf dem Boden.

Ballouz, ein kleiner, kräftiger Mann Ende 50, geht nach draußen, die Nacht ist eiskalt, es herrscht Totenstille. Im Schnee vor dem Haus findet er einen Stein, auf den ein Hakenkreuz gemalt ist. Ballouz ruft seinen Nachbarn und die Polizei.

Ein Landarzt wie aus dem Bilderbuch

Vor 40 Jahren kam Amin Ballouz als Bürgerkriegsflüchtling aus dem Libanon nach Deutschland. Er studierte Medizin, praktizierte in England und Schottland. Vor zehn Jahren kam er nach Brandenburg, Ballouz unterhält zwei Praxen in Schwedt und Pinnow, fährt im Trabant Dutzende Kilometer zu Hausbesuchen auf dem Land und in der Platte. An einem Nachmittag in der Woche behandelt er Flüchtlinge im Schwedter Flüchtlingsheim. Vom Fußpilz bis zum Schlaganfall, Ballouz kümmert sich um alle und alles, er nimmt sich Zeit für seine Patienten.

Ballouz ist ein Landarzt wie aus dem Bilderbuch, einer, wie es ihn heute kaum noch gibt, er ist eine kleine Berühmtheit, oft wurde er schon in Medien porträtiert. Ende 2015 ist sogar ein Buch über ihn erschienen. Die Uckermark ist seine Heimat geworden, er sagt: "Die Leute hier sind meine Familie."

Der oder die Angreifer zerstechen auch die Reifen mehrerer Fahrzeuge auf seinem Hof. Noch in derselben Nacht repariert ein Nachbar Ballouz' zweiten Trabi, der offenbar übersehen wurde, befreit ihn vom Schnee und wechselt die Zündkerzen aus. Er hat zu der Zeit drei Palliativpatienten, die auf dem Sterbebett liegen, ist im Notfall auf sein Auto angewiesen.

"Ich habe ein mulmiges Gefühl", sagt Ballouz, der Mann, der eigentlich keine Angst haben will. "Das bewegt mich nach wie vor, man kann das nicht ignorieren."

Er kann sich nicht erklären, wie es zu der Tat kommen konnte. "Ich habe die besten Beziehungen zu meinen Nachbarn und im Dorf, alle haben sich um mich gekümmert." Als sich der Fall herumspricht, bekommt er SMS, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten, Freunde, Kollegen und Patienten rufen ihn an und sagen ihm ihre Unterstützung zu.

Den Hakenkreuz-Stein fand Ballouz vor seinem Fenster im Schnee.
Amin Ballouz

Den Hakenkreuz-Stein fand Ballouz vor seinem Fenster im Schnee.

Regionale Medien berichten über den Vorfall, die "Bild"-Zeitung spricht von einer "widerlichen Hassattacke". Gerhard Schulze, Ortsbürgermeister von Frauenhagen, sagt: "So ein Vorfall macht einen sehr nachdenklich." Etwas Vergleichbares sei in seinem Ort noch nie passiert. "Da ist man schockiert." Schulze wägt seine Worte, will nicht dramatisieren, nicht verharmlosen.

Einen begründeten Tatverdacht gebe es noch nicht, heißt es in der zuständigen Polizeidirektion Brandenburg-Ost. Der Staatsschutz ermittelt wegen eines möglichen fremdenfeindlichen Motivs. Der Fall ist rätselhaft: Ballouz hörte nach eigenen Angaben in der Tatnacht kein Fahrzeug ankommen oder wegfahren, der Bewegungsmelder auf seinem Hof habe auch nicht ausgelöst. Außerdem fand er den Stein vor dem Fenster und nicht im Haus, wie die Polizei bestätigt.

Das zersprungene Fenster, der Stein, das Hakenkreuz: Der Überfall weckt ungute Erinnerungen. Wegen der Anschläge auf Asylbewerberheime und wegen der Flüchtlingsproteste haftet den Menschen in den östlichen Bundesländern ein Negativ-Image an. In Brandenburg ist die Zahl rechtsextremer Straftaten nach einem Höchststand 2015 im vergangenen Jahr noch einmal um 20 Prozent gestiegen, so sagen es die vorläufigen Zahlen der Polizei.

"Ich habe den Hass nicht erkannt"

"Ich habe den Hass nicht erkannt, ich bin nie beschimpft worden, im Gegenteil", sagt Ballouz. "Ich bin immer gut aufgenommen worden." Wie zum Beweis reicht er sein Smartphone über den Schreibtisch. Es zeigt eine Platte mit Aufschnitt, Mettwurst, Blutwurst, Salami. "Das war heute früh bei einem Hausbesuch", erzählt Ballouz. Die Uckermark sei voller gastfreundlicher Menschen, er werde stets offenherzig empfangen.

Und doch, auch Ballouz hat schon die andere Seite kennengelernt. Ende 2014 war das, damals passten ihn Jugendliche vor seiner Schwedter Praxis ab und hetzten einen Hund auf ihn. Die Polizei spielte den Vorfall herunter, junge Leute machten sowas aus Langeweile, befand man dort. "Das ist ein bisschen mehr als Langeweile", sagt Ballouz.

Vor einigen Wochen teilte das Landeskriminalamt ihm mit, es seien nun doch Ermittlungen in dem Fall eingeleitet worden. Anders als die Polizei vor zwei Jahren sieht die Staatsanwaltschaft Neuruppin einen Anfangsverdacht wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung. Zu einem möglichen fremdenfeindlichen Motiv will man sich im Moment nicht äußern.

Ballouz treffen die zwei Vorfälle schwer. Nicht wegen seiner Person, sondern weil er seine Landsleute bisher nicht als rassistisch erlebt hat. Er ärgert sich über die Vorurteile. Man tue den Menschen in Ostdeutschland damit Unrecht: "Das ist ein Dorn in einem Feld voller Blumen", sagt er nicht ohne Pathos.

Einschüchtern lassen will sich der Landarzt nicht. Am Nachmittag verzieht sich das Unwetter über Schwedt, die Sonne kommt heraus. Ballouz ist schon wieder unterwegs zu Hausbesuchen.



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