Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Brandenburger Feuerwehr: Bürgermeister verteidigt Hemden mit Hitler-Spruch

Von

"Hart wie Kruppstahl" - jahrelang trugen Brandenburger Feuerwehrleute Hemden mit diesem Hitler-Zitat am Leib. Familien, Lokalpolitiker und Verbandsleiter wollen nichts von der brisanten Bedeutung gewusst haben: Sie nehmen die Männer in Schutz.

Hamburg - "Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl": Für die Freiwillige Feuerwehr des Cottbusser Ortsteils Groß Gaglow sind das offiziell nur flotte Worte. Ein Satz, der gut zu stressigen Löscheinsätzen und zum Teamgeist der Truppe passt. Ein Spruch, der sich wunderbar als Aufdruck für Mannschaftshemden eignet. Auf den T-Shirts der Gaglower Wehr ist das Zitat in altdeutscher Schrift gedruckt - so wie man es heute häufig bei Rechtsextremen sieht.

Mannschaftshemd der Feuerwehr in Groß Gaglow: Gut für den Teamgeist?
H.-Joachim Schiemenz

Mannschaftshemd der Feuerwehr in Groß Gaglow: Gut für den Teamgeist?

Allerdings: Mit exakt jenen Worten brachte Adolf Hitler im "Dritten Reich" zum Ausdruck, wie er sich die Hitler-Jugend wünschte.

Am Wochenende fiel die unpassende Kleidung der Feuerwehrmänner zum ersten Mal auf: Acht Teilnehmer des Gaglower Teams waren bei einem örtlichen Turnier im Spreewald angetreten, am Leib die Polohemden mit dem Hitlerspruch. Ein Lokalredakteur machte den Veranstalter schließlich auf das heikle Wortgut aufmerksam.

"Wir wissen nicht, wer den Satz ausgesucht hat", sagt Feuerwehrmitglied Falk Lehmann SPIEGEL ONLINE. Der Spruch sei "jemandem von uns eingefallen", wahrscheinlich "in lockerer Bierrunde". Wann genau, das sei ebenfalls unklar, "aber das ist schon eine ganze Weile her, mindestens zwei Jahre."

"Die Schrift sah einfach schick aus"

Lehmann streitet jeglichen rechtsradikalen Hintergrund seiner Vereinsfreunde ab. Irgendwann wären die T-Shirts eben gedruckt worden, seitdem fuhren die Gaglower damit zu Wettkämpfen. Und warum ausgerechnet in Frakturlettern? "Das war keine Absicht, sondern sah einfach schick aus", sagt Lehmann. Nie habe sich jemand über die Hemden beschwert.

Also alles nur ein unglückliches Missverständnis?

"Wir haben nichts mit Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit zu tun", heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Schreiben auf der Internetseite der Gaglower Feuerwehr - handschriftlich unterzeichnet von neun Mitgliedern. In der Erklärung findet sich allerdings kein Wort der Entschuldigung darüber, dass man sich monatelang mit dem Kampfspruch schmückte. Allein dass man die T-Shirts jetzt "freiwillig" an den Branddirektor ausgehändigt habe, sei ein "Zeichen gegen rechtes Gedankengut".

Keine Frage der Allgemeinbildung?

Stephan Breiding, Sprecher im brandenburgischen Bildungsministerium, glaubt nicht an reine Unwissenheit. "Auch wenn man nicht weiß, dass Hitler diese Worte benutzt hat - Sinn und Optik des Zitats hätten genügt, um stutzig zu werden". Die Tatsache, dass die Feuerwehrleute mit den Hemden an Turnieren teilnehmen konnten, hält Breiding für "sehr bedenklich - ich bin fassungslos darüber, dass sich niemand gerührt hat".

Auf eventuell fehlende Aufklärung oder lückenhafte Lehrpläne könne man den Vorfall nicht schieben. Im Land liefen zahlreiche Anti-Rechts-Initiativen, die Schule vermittle ein fundiertes Geschichtsverständnis, "am Ende des Schuljahres müsste jedem der Charakter des 'Dritten Reichs' klar sein". Das Schweigen über die T-Shirts sei keine Frage mangelhafter Schulbildung, sondern "der teilweise wenig ausgeprägten Sensibilität für gesellschaftliche Probleme".

Geschichtsunterricht in der Feuerwache

Juristische Konsequenzen hat die T-Shirt-Aktion für die Gaglower Wehr vorerst nicht. Die Polizei hat Ermittlungen wegen der Verbreitung von Propagandamitteln wieder fallengelassen, da sich die Feuerwehrmänner mit dem bloßen Abdruck des Zitats nicht strafbar gemacht haben.

Auch für Wolfgang Bialas, Präsident des Feuerwehrverbands Brandenburg, ist die Lage eindeutig: "Wir haben keine rechtsextremen Personen in der Cottbuser Feuerwehr." Nie seien ihm die fragwürdigen Mannschaftsshirts der Gaglower aufgefallen. "Das ändert allerdings nichts daran, dass alle Verantwortlichen ihre Augen an der richtigen Stelle haben müssen", räumt Bialas gegenüber SPIEGEL ONLINE ein. Er habe mit den örtlichen Wehrleitern besprochen, dass in die Feuerwehrausbildung künftig auch Geschichtsunterricht einfließen soll - rechtsradikale Symbolikkunde inklusive.

Der Verein ersetzt den Jugendclub

Ortsbürgermeister Dieter Schulz fürchtet jetzt einen dauerhaften Imageschaden. "Die Feuerwehr ist eine unserer großen Stützen", verteidigt er seine Leute. Für eine Gemeinde wie Groß Gaglow - 1500 Einwohner, ein Einkaufzentrum, ein Kino, eine Grundschule - seien Sport- und Karnevalsvereine oder eben die Freiwillige Feuerwehr enorm wichtig: "Die ersetzen quasi den Jugendclub".

An ein Problem mit Rechtsradikalismus glaubt er nicht. "Die fanden den Satz einfach cool, wollten einen kernigen Spruch haben". Es gebe "keinerlei Anhaltspunkte, dass das Zitat in Bewusstsein der Bedeutung verwendet wurde". Vielmehr werde die Sache öffentlich aufgebauscht, sagt Schulz: "Es gibt viele Einsätze, bei denen die Feuerwehr mit der ausländischen Bevölkerung in Kontakt kommt - da hätte man doch schon früher etwas mitgekriegt."

Die Mutter eines Mitglieds der Jugendfeuerwehr ist überrascht von dem Wirbel: "Wird das nicht alles ein bisschen dramatisiert?", meint die Brandenburgerin, die ihren Namen nicht in den Medien lesen will. Ihr Sohn nehme regelmäßig für die Gaglower Wehr an Turnieren teil "und hat mit Rechtsradikalismus nichts am Hut".

Von den Hitler-Hemden hat sie erst aus der Zeitung erfahren. "Aber um ehrlich zu sein - selbst wenn ich das T-Shirt in der Wäsche entdeckt hätte: Ich hätte den Spruch auch nicht zuordnen können."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: