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Brandsätze: Moschee-Anschlagsserie schreckt Berlin auf

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Sechs Brandanschläge auf islamische Einrichtungen gab es seit Juni in Berlin. Die Polizei geht von einer Tatserie aus und vermutet, dass weitere Anschläge bisher nicht zur Anzeige gebracht wurden. Der Grünen-Politiker Beck sieht einen Zusammenhang zur Sarrazin-Debatte.

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dapd

Sehitlik-Moschee in Berlin: Dieses Jahr bereits Ziel von vier Anschlägen

Berlin - Diesmal schlugen die unbekannten Täter in der Ordensmeisterstraße in Berlin-Tempelhof zu. Bäume stehen links und rechts der Straße, zwischen Wohnhäusern und Büros liegt ein zweistöckiger Flachbau: die Islamische Kulturgemeinde der Iraner in Berlin-Brandenburg. Am Donnerstagmorgen riefen Anwohner die Feuerwehr: Die Fassade stand in Flammen, ein Brandsatz war mit lautem Knall explodiert.

Es ist mindestens der sechste Anschlag auf islamische Einrichtungen in der Hauptstadt seit Juni 2010 - und die einzige gute Nachricht ist, das bisher nur Sachschaden entstanden ist und keine Menschen verletzt wurden. Noch vor einer Woche hatte der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) von Einzelfällen gesprochen - mittlerweile gehen Polizei und Politik von einer Serie aus.

Polizei vermutet höhere Zahl von Anschlägen

"Ich setze darauf, dass die Polizei die Täter bald fassen wird und diese Anschlagsserie beendet", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Jeder müsse seine religiösen Überzeugungen leben können. Die Taten sorgen für Empörung in der Stadt, die so gerne tolerant und weltoffen sein will. Bisher ist unklar, wer die Moscheen ins Visier nimmt - und warum. Die Hauptstadtzeitungen vermuten militante Islamgegner hinter den Anschlägen. Zuletzt hatte es Ende November gebrannt:

  • Auf die Al-Nur-Moschee in der Haberstraße in Neukölln wurde in der Nacht vom 27. zum 28. November ein Anschlag verübt. Brennbare Flüssigkeit sickerte unter einer Tür durch, ein Teppich verkohlte, dann erlosch das Feuer von selbst.
  • Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm wurde dieses Jahr bereits vier Mal das Ziel von Brandanschlägen. Zuerst brannte es am 16. Juni, am 1. August wurde vor einem Kellerfenster Müll angezündet, am 10. August brannte ein Fenster. Zuletzt wurde am 19. November Feuer gelegt, dabei sollte offenbar auch eine Gasflasche eingesetzt werden, die aber nicht explodierte.

Die "Bild"-Zeitung berichtete am Donnerstag unter Berufung auf Informationen des Landeskriminalamts, dass an den Tatorten jeweils Papierzettel mit Nummern gefunden worden seien. Demnach sollen die Beamten zum Beispiel nach dem Anschlag auf die Neuköllner Al-Nur-Moschee in der Nacht zum 28. November ein beschriebenes Papier mit der Zahl "11" sichergestellt haben. Jede Zahl könne für einen Anschlag stehen, zitiert die Zeitung einen Staatsschützer.

Grünen-Politiker beklagt den Sarrazin-Effekt

Der evangelische Bischof von Berlin, Markus Dröge, und Charlotte Knobloch, bis vor kurzem die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, verurteilten die Brandanschläge. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, forderte deshalb mehr Schutz für Moscheen. Innensenator Körting hat Vertreter von Moscheegemeinden am 16. Dezember zu einem Gespräch in seine Verwaltung eingeladen. Thema sollen auch die Anschläge sein.

Während die Fahndung nach den Tätern noch läuft, stehen für den Grünen-Politiker Volker Beck die politischen Verantwortlichen bereits fest: Er gab Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und CSU-Chef Horst Seehofer eine indirekte Mitschuld für die Anschläge. Sie hätten in Reden Migranten pauschal "im Zusammenhang mit Integrationsverweigerern und grundgesetzfeindlichen Islamisten erwähnt", kritisierte er.

Mit Material von dapd und dpa

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