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Brandstifter in Berlin: Die verunsicherte Stadt

Von , Yassin Musharbash, und

Was ist nur in Berlin los? Nachts werden Autos angezündet, Kinderwagen gehen in Flammen auf, Jugendbanden prügeln auf Wehrlose ein. Selbst die Kanzlerin ist alarmiert. Schon geistert der Vergleich mit Londoner Verhältnissen durch die Stadt.

Berlin - Am Pariser Platz stehen junge Amerikaner, Spanier und Franzosen Schlange. Schon am frühen Morgen warten sie geduldig auf die Fremdenführer. Gegen einen Obolus, der am Ende der Tour gezahlt wird, geht es zum Brandenburger Tor, zum Reichstagsgebäude, zum Kanzleramt. Es ist eine Tour durch das Zentrum Deutschlands. Hier zeigt sich das neue Berlin in diesen Sommertagen von seiner besten Seite.

Die andere Wirklichkeit bekommen die meisten Touristen nicht zu sehen. Nur drei Kilometer entfernt, an einem Seitenkanal der Spree, steht am Neuen Ufer ein ausgebranntes Auto. Jüngstes Relikt einer Serie von Anschlägen, allein neun waren es in der Nacht zu Donnerstag. 300 hat die Polizei in diesem Jahr bereits gezählt.

Hier die Postkartenidylle, dort ein verkohlter Familienwagen - Berlin ist eine gespaltene Stadt. Und eine Stadt, in der in manchen Gegenden die Menschen verunsichert sind.

Angesichts der Dauer-Zündler geistert bereits die bange Frage durch die Blätter: Kommt es in Berlin irgendwann zu Gewaltausbrüchen wie jüngst in London? Sind die Brandanschläge auf Autos und in den vergangenen Monaten fast jede Nacht auf abgestellte Kinderwagen in Mietshäusern die Vorläufer für den großen Gewaltexzess? Der Sprecher der Landesgruppe Berlin in der Unionsfraktion im Bundestag, Kai Wegner, warnte vor Krawallen wie in London: "Wenn wir nicht energisch eingreifen, drohen uns genau solche Verhältnisse."

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Brandserie in Berlin:: Autozündler schlagen wieder zu
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) widerspricht dem CDU-Politiker: "Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun." Bei den Brandstiftern in Berlin gebe es kein klares Täterprofil, sondern eine "bunte Mischung", die Pyromanen und krawallorientierte Täter umfasse. Sein SPD-Parteikollege Dieter Wiefelspütz, Innenpolitiker im Bundestag, sieht es wiederum anders: Er sprach von einer "Vorstufe zum Terrorismus".

Selbst die Kanzlerin schaltete sich ein. "Was ist das für ein Verhalten, Kinderwagen im Hausflur in Brand zu stecken und mutwillig Leben aufs Spiel zu setzen", sagte Angela Merkel am Donnerstag. Sie versicherte, die Bundesregierung werde den Polizeibehörden bei ihrer Arbeit gegen solche Auswüchse den Rücken stärken.

Keine Frage, die mit Abstand größte deutsche Stadt hat einige Probleme:

  • Die Hauptstadt der Republik, Schaufenster bei internationalen Staatsempfängen, ist zugleich ihr größtes Armenhaus.

  • Zwar steigt jährlich die Zahl der Touristen, doch wirtschaftlich kommt Berlin nicht so richtig vom Fleck.
  • Obwohl Deutschland den stärksten Aufschwung am Arbeitsmarkt seit der Wiedervereinigung erlebt - aber an der Hauptstadt geht das Jobwunder weitgehend vorbei.

Hohe Arbeitslosigkeit, sozialer Sprengstoff

Bundesweit lag die Arbeitslosenquote im Juli 2011 bei sieben Prozent, in Berlin waren es 13,5 Prozent. Dazu kommt der Spitzenplatz bei den Hartz-IV-Beziehern. Und eine schleichende Verarmung: Die Zahl der Berliner, die trotz fester Jobs nicht von ihrem Einkommen leben können, steigt von Jahr zu Jahr. Fast 130.000 Menschen, die im vergangenen Jahr sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, mussten zusätzlich staatliche Hilfen in Anspruch nehmen.

Zwar gehört die Revolte seit jeher zu Berlin. Schon zu Mauerzeiten war Berlin ein Anziehungspunkt für die linksautonome Szene, seit Mitte der achtziger Jahre feiert sie sich regelmäßig auf den 1. Mai-Krawallen in Kreuzberg.

Doch das Phänomen der Autoabfackelei ist relativ neu. Die Behörden, ob Polizei oder Verfassungsschutz, tappen weitgehend im Dunkeln. Es gibt nur wenig bekannte Täter, jüngst wurde ein Mann aus der linksextremen Szene zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Die mögliche Täter-Szene ist aus Sicht der Behörden bunt: politische Aktivisten, Trittbrettfahrer, Pyromanen oder Menschen, denen es allein um Zerstörung geht - alles ist in der 3,5-Millionen-Stadt möglich. Über die Hintergründe der Taten gibt es nur wenige Erkenntnisse. In Bekennerschreiben wurden in einzelnen Fällen die Anschläge auf Firmenwagen mit der Politik bestimmter Unternehmen begründet, mit Anschlägen auf private Wagen sollte gegen die angebliche "Vertreibung" von weniger Betuchten aus bestimmten Stadtvierteln gekämpft werden.

Angst vor der Gentrifizierung

Tatsächlich ist diese sogenannte Gentrifizierung in Berlin ein neues Phänomen: Teile der Innenstadt sind "in". Nicht nur die Touristen kommen nach Kreuzberg und Mitte, viele Menschen, vor allem junge Kreative, zieht es hierher. So haben die Preise bei Neuvermietungen in einzelnen Stadtteilen in den vergangenen Jahren massiv angezogen. Nach Mitte und Prenzlauer Berg sind nun Teile von Kreuzberg und Friedrichshain begehrt. Wo sich Kneipen und Restaurants ansiedeln, wo die Versorgung mit Schulen und Kitas gut ist, explodieren die Preise.

In anderen Stadtteilen, etwa den wenig begehrten Plattenbausiedlungen im Osten, kann man dagegen immer noch Wohnungen zum Preis von etwas mehr als vier Euro pro Quadratmeter mieten.

Ein typisches Beispiel für diesen Wandel ist der Graefekiez in Berlin-Kreuzberg. Einst war er ein typischer Problemstadtteil. Mit einem hohen Anteil von Sozialhilfeempfängern, vielen Migranten mit schlechter Ausbildung - und niedrigen Mieten. Inzwischen hat sich das Bild des Kiezes vollständig gewandelt. Junge Väter und Mütter sitzen auf Spielplätzen, und man sieht ihnen an, dass sie zur besser situierten Mittelschicht gehören. Abends sitzen die Einheimischen und Touristen dann in den vielen neuen schicken Cafés und Restaurants. Das Leben pulsiert - doch viele der früheren Bewohner sind nicht mehr da. Und selbst relativ gut verdienende Vertreter der Mittelschicht können sich die Mieten kaum noch leisten. Das sorgt für Spannungen.

Unpolitische Krawallkultur

Auf der anderen Seite wächst in der Stadt auch eine unpolitische Krawallkultur. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen ist in Berlin überdurchschnittlich hoch, sowohl Migrantenkinder als auch deutsche Jugendliche aus Problemvierteln wie Neukölln oder Wedding sorgen immer wieder durch rohe Gewalt für Schlagzeilen. Fast jedes Wochenende kommt es auf U-Bahnhöfen zu brutalen Übergriffen auf Fahrgäste.

Das macht dem Otto-Normal-Berlinern Angst. Gleichwohl glauben Sicherheitsexperten, dass Berlin von Londoner Verhältnissen noch weit entfernt ist. Dass Berliner Täter die Brandserie inszenieren, um Krawalle wie in London anzuzetteln, sei unwahrscheinlich, ist bei den Behörden zu hören. Es gebe keinen "Aufstandsneid", sagen die Beamten.

Hinzu kommt: Selbst in linksradikalen Kreisen ist das Zündeln umstritten. Als in einem einschlägigen Internetforum anlässlich der mehrtägigen Krawalle in Großbritannien ein Posting mit der Überschrift "London brennt! - Wann folgt endlich Berlin?!" auftauchte, in dem offen zu Brandstiftungen auch in der deutschen Hauptstadt aufgerufen wurde, gab es in den Kommentaren nicht nur Zustimmung. Im Gegenteil: Angesichts zahlreicher Proteste entschlossen sich die Moderatoren des Forums mit einiger Verzögerung, den Eintrag zu zensieren.

London, darauf setzt die Politik, wird sich in Berlin nicht wiederholen. "Ich hoffe und bin einigermaßen zuversichtlich, dass wir in Deutschland von Ereignissen, wie wir sie jüngst in London und anderen Städten in Großbritannien gesehen haben, verschont bleiben", sagte Merkel. Das Umfeld für ihr Statement war wohl gewählt - auf der Jubiläumsveranstaltung zum 60-jährigen Bestehen des Bundeskriminalamts in Wiesbaden.

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1. überschrift
shaim74, 18.08.2011
ja wir müssen jetzt "londoner verhältnisse" herbeischreiben und herbeireden.....das muss hier jetzt auch so sein...
2. btw
kimba2010 18.08.2011
Zitat von sysopSchon*sprechen*die Ersten von Londoner Verhältnissen: In Berlin werden nachts*Autos angezündet, Kinderwagen gehen in Flammen auf,*Jugendbanden prügeln auf wehrlose Opfer ein. Selbst die Kanzlerin ist alarmiert - droht der Hauptstadt ein Kampf zwischen Arm und Reich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780936,00.html
Nicht zu vergessen die ethnische Komponente. Wenn es nichts mehr zu verteilen gibt, werden die Gräben tiefer.
3. Arm, aber sexy
dasgibtesdochnicht, 18.08.2011
Laut Wowereit ist Berlin arm aber sexy. Sexy liegt im Auge des Betrachters, arm auf jeden Fall. Daran hat der Regierende auch einen nicht unerheblichen Anteil. Offensichtlich wollen seine Wähler getreu dem Vorbild, auch ein bischen Spaß. Nur versteht jeder etwas anderes darunter.
4. Meine Überraschung
sedanon, 18.08.2011
hält sich in Grenzen. Wer einerseits den Arbeitnehmern sagt: "Zeitarbeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit Aufstockung und das sichere Abrutschen in die Altersarmut ist das Maximum, das ihr zu erwarten habt", aber auf der anderen Seite ohne viel Gesprächsbedarf den Mächtigen und Reichen hunderte von Milliarden nachschiebt, damit diese sich auch ja nicht auf ganz ganz hohem Niveau etwas einschränken müssen - der sollte sich eigentlich nur noch darüber wundern, dass die Städte nicht schon seit Jahren in Schutt und Asche liegen. Wer die Bürger systematisch verarmen läßt, bestiehlt und betrügt, wird irgendwann seinen Lohn erhalten.
5. hach ja...
zynik 18.08.2011
Zitat von sysopSchon*sprechen*die Ersten von Londoner Verhältnissen: In Berlin werden nachts*Autos angezündet, Kinderwagen gehen in Flammen auf,*Jugendbanden prügeln auf wehrlose Opfer ein. Selbst die Kanzlerin ist alarmiert - droht der Hauptstadt ein Kampf zwischen Arm und Reich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780936,00.html
Da ist wohl eher der Wunsch einiger Unionshinterbänkler und der Springer-Medien Vater des Gedanken. Endlich mal so herrlich Bürgerrechte aussetzen und "durchkärchern" dürfen wie die Briten. Hach, wäre das schön.... Wer profitiert wohl von dieser Form von Hysterie und Alarmismus? Der Kampf Reich gegen Arm findet schon seit Jahren im Stillen statt. Nur die Mittel sind eben andere.
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