Brautmoden-Boom in Duisburg: Zum türkischen Hochzeits-Shopping ins Revier

Von Carolin Jenkner, Duisburg

Duisburg-Marxloh erfüllt der türkischen Braut alle Wünsche. Mit ethnischer Mode lässt sich im Ruhrpott viel Geld verdienen - das haben auch die Produzenten in der Türkei entdeckt. Für das Migrantenviertel Marxloh ist das eine Riesenchance.

Duisburg – "Duisburg ist das Tor zum westeuropäischen Markt" - so wirbt die Handelskammer Istanbul in ihrer Zeitschrift unter einem Foto des Duisburger Innenhafens für den Standort Ruhrgebiet. Unter Juwelieren und Brautmodenherstellern in der Türkei ist Duisburg-Marxloh kein weißer Fleck auf der Landkarte, sondern der erste Schritt der Expansion in die EU.

Auf der Weseler Straße in Marxloh, wo vor ein paar Jahren noch die meisten Ladenlokale leer standen, boomt das Geschäft mit Hochzeitskleidern, Abendgarderobe und Goldschmuck. Dass die Auswahl hier fast so gut wie in der Türkei ist, hat sich unter den Türken in Deutschland längst herumgesprochen: Jedes Wochenende ist die Weseler Straße voll von heiratswilligen Türkinnen und Türken. Sie probieren sich durch ein Dutzend Brautmodengeschäfte, lassen sich Ringe anpassen und die Haare hochstecken.

Bei einer türkischen Hochzeit ist es mit dem Brautkleid lange nicht getan: Schwestern und Cousinen kaufen glitzernde Abendkleider, die Männer Anzüge in allen erdenklichen Farbtönen. Für den Henna-Abend, der einen Tag vor der Hochzeit gefeiert wird, braucht man ebenfalls neue Kleider. Und nicht zu vergessen die Mitgift: meistens Gold in Form von Armreifen. Dann wären da noch die kleinen Geschenke für die Gäste, Trockenfrüchte und Accessoires. Marxlohs Geschäfte führen alles. Rund 40 Läden, die im engeren Sinne etwas mit dem Heiraten zu tun haben, drängeln sich hier.

Der Stadtteil ist als Einkaufsparadies für türkische Hochzeitsgesellschaften weit über das Ruhrgebiet hinaus bekannt. Längst ist er ein Magnet für Türkischstämmige aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich geworden. Marxloh ist näher als Istanbul. Da kann man auch mal einen Samstag zum Hochzeits-Shopping nach Duisburg fahren.

Volkan und Züleyha Ölekli, 27 und 25, haben deshalb ganz bewusst Marxloh als Standort für ihr Juweliergeschäft gewählt. Sie ist in Wesel aufgewachsen, er in Istanbul. Ihre gemeinsame Zukunft beginnt in der Kaiser-Friedrich-Straße in Marxloh mit einem wohnzimmergroßen Ladenlokal. In den Schaufenstern glitzern neben Goldarmreifen osmanische Schmuckstücke mit blauen Steinen, wie Augen blicken sie aus der Auslage. Volkan Öleklis Familie hat in Istanbul eine eigene Schmuckproduktion. Er hatte auch dort schon einen Laden, dann hörte er von Marxloh und wagte den Sprung nach Deutschland. "Dass das Geschäft so gut anläuft, hätten wir nicht gedacht", sagt er. Die Hälfte seiner Kunden sind Türken aus ganz Deutschland und dem Ausland. Die andere Hälfte sind Deutsche. Schon bald wollen sie weitere Filialen in Deutschland eröffnen.

Aber Marxloh ist der erste Schritt, wie für viele andere auch. Ein Konkurrent von Volkan und Züleyha Ölekli hat sich bewusst gegen das Einkaufszentrum "CentrO" in Oberhausen und für Duisburg entschieden. "Mittlerweile ist es schwierig, ein Ladenlokal an der Weseler Straße zu bekommen", erzählt Züleyha Ölekli.

Längst gibt es Leute, die den Hochzeits-Boom in Marxloh planen und fördern. Die Stadt Duisburg, das nordrhein-westfälische Verkehrsministerium und die Europäische Union unterstützen das Projekt "Internationales Handelszentrum Duisburg". Aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung werden rund 400.000 Euro bereitgestellt, um türkische Unternehmer zu ermuntern, im Duisburger Norden zu investieren, sei es im Bereich Brautmode oder in der Logistikbranche.

Projektleiter Aykut Yildirim, 29, ist stolz auf Marxloh: "Wir sind der einzige Stadtteil, der den Strukturwandel erfolgreich überwunden hat", sagt er überzeugt. Andere Viertel hätten nur leere Ladenlokale zu bieten. Investitionen gebe es nur in der Innenstadt und in Marxloh. Yildirim trägt einen schwarzen Feincord-Anzug und ein weißes Hemd. Er hat in Istanbul und Duisburg BWL studiert und will Marxloh nun zu einem "Leuchtturmprojekt" machen. Der Verein Türkischer Geschäftsleute in Duisburg und Umgebung (TIAD) hatte das schon lange geplant.

"Marktbereinigung" ist für Yildirim das Wort der Stunde. Er meint damit, dass sich nur die besten Geschäfte mit günstigen Preisen und guter Qualität durchsetzen und hofft, dass die Ramschläden mit gammeligen Schaufenstern, die zwischen edleren Boutiquen zu finden sind, bald durch schönere ersetzt werden.

"Ethnische Produkte" sollen in Marxloh vermarktet werden. Sie richten sich in erster Linie an Migranten aus der Türkei, dabei sind die Brautmodengeschäfte auch längst bei Deutschen bekannt und beliebt. Alexandra Neric, 29, ist extra aus Oberhausen gekommen, um in Marxloh ihr Brautkleid auszusuchen. Wie so viele hat sie "von einer Freundin" von den vielen Brautläden in Marxloh gehört. Mundpropaganda ist Marxlohs bestes Marketing. 600 Euro für ein maßgeschneidertes Kleid, Schuhe und Schleier - der Preis hat Alexandra Neric überzeugt. An diesem Freitag kommt sie zur Anprobe und schaut noch etwas skeptisch in den Spiegel. Der Reifrock sitzt noch nicht ganz, und die Schneiderin hat vergessen, eine Schleife anzunähen. Bis zur Feier wird trotzdem alles fertig sein - und die Braut zufrieden.

"Die Amerikaner machen viel Umsatz in Chinatown", sagt Ahmet Boztepe, Yildirims Kollege vom Verein TIAD. "Warum soll das nicht in zehn oder 15 Jahren in Marxloh genau so sein?" Nur eben auf Türkisch. Little Istanbul mitten im Ruhrpott. Vielleicht würden es Touristen genauso lieben wie Chinatown in San Francisco, New York oder Toronto.

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