Brief an eine Leserin Das Gefühl der Ohnmacht

Trump, Rechtsruck, Brexit, Klimakrise - wir alle wollen uns manchmal am liebsten verkriechen. Aber gibt es in der Demokratie ein Recht auf Rückzug?

imago/Future Image

Eine Kolumne von


Neben der Betreuung dieser im Zweifel linken Kolumne bin ich, wie mancher vielleicht weiß, mit einer ohne Zweifel linken Wochenzeitung befasst, die zwar "Freitag" heißt, aber am Donnerstag erscheint.

Rätselhafte Welt der Medien. Nun erreichte mich neulich die Nachricht einer Leserin, in der sie uns ihren Entschluss mitteilte, ihr Abonnement zu kündigen.

Das gedruckte Wort hat es bekanntlich schwer. Alle sagen, das Internet sei schuld - es ist zwar toll, aber es zerstört auch. Strukturwandel heißt das.

Allerdings hat manches gedruckte Wort es besonders schwer. Dann ist vielleicht nicht nur der Strukturwandel schuld. Der "taz" zum Beispiel geht es so schlecht, dass sie darüber nachdenkt, ihre Papierausgabe an Werktagen einzustellen. Davon sind wir beim "Freitag" - noch? - weit entfernt. Aber Abokündigungen kommen leider auch bei uns vor.

Die Begründung der Leserin hatte es jedoch in sich. Man kann da etwas lernen, über Journalismus, Demokratie und bürgerliche Gesellschaft.

Die Leserin lobte uns zunächst für unsere Arbeit, schrieb dann aber:

"Dennoch lassen mich auch beim Freitag viele Beiträge ratlos und mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück, welches mich lähmt und hoffnungslos macht.

Denn was kann ich tun, wenn ich zum Beispiel über die politischen Zustände in Südamerika lese? Nichts. Aber es macht mich trotzdem traurig.

Um meine Energie und Lebensfreude zu schützen, habe ich mich daher entschieden, auf radikale Medien-Abstinenz zu setzen und mich ausschließlich auf mein tatsächliches Leben und dessen Verbesserung für mich und alle, mit denen ich zu tun habe zu konzentrieren.

Wenn Sie für Menschen wie mich guten Qualitätsjournalismus bieten wollten, müssten Sie ein Blatt herausgeben, was ausschließlich über positive Dinge berichtet und zum Nachmachen und Aktivwerden ermutigt."

Das Positive? Da fällt einem natürlich gleich Erich Kästner ein, der 1930 geschrieben hat:

"Und immer wieder schickt ihr mir Briefe, in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
'Herr Kästner, wo bleibt das Positive?'
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
…

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis."

In diesem Ton wollte ich also antworten. Der werde ich, dachte ich, jetzt mal etwas erzählen, von Pflicht und Würde und Staatsbürgerlichkeit und ihr heimleuchten, dass es in der Demokratie kein Recht auf Rückzug gebe. Sich einfach in die Büsche des Privatlebens schlagen? Das wäre ja noch schöner! Ich bereitete mich darauf vor, sie kästnermäßig beim Portepee zu fassen:

"Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen den leeren Platz überm Sofa ein. Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen, gescheit und trotzdem tapfer zu sein."

Denn tapfer muss man schon sein, als Demokratiebürger, tapfer gegen Trump und Brexit, gegen Merkel und Mercedes, gegen Nolz und Schahles."

Und ich wollte diese Leserin auch mal daran erinnern, was unsere Rolle als Journalisten dabei angeht. Weil wir doch alle in der Tradition von Joseph Görres stehen sollen: "Ich will der Welt kundig machen, was es ist was Reiche verdirbt, Völker zu Schanden macht, und Teutschland an den Rand des Unterganges gebracht."

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Ich fing also an, das alles so aufzuschreiben. Und dann merkte ich, es geht nicht.

Stattdessen habe ich einfach die Wahrheit gesagt. Nämlich, dass ich sie verstehe, weil ich dieses Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins gut kenne. Und dass der Sinn unserer Arbeit als Journalisten bei dieser kleinen Wochenzeitung auch darin besteht, dass wir uns hier in der Redaktion untereinander und mit unseren Texten den Lesern zu Hause Halt geben.

Damit man nicht so allein ist mit dem Staunen - und dem Entsetzen -, das einen angesichts dieser Welt erfasst.

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insgesamt 153 Beiträge
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banalitäter 20.08.2018
1. Nu Positives berichten ?
Die Leserin hat die Pflicht der Zeitungen nicht verstanden. Über ALLE Themen berichten , nicht nur die "schönen" Seiten beschreiben. Das Leben besteht aus Positivem und Negativem. Man möchte den Kopf unter der Bettdecke verstecken - das kann ich verstehen. Medienabstinenz kann aber leider nicht die Lösung sein .
B.Neumann 20.08.2018
2. Erstaunlich ehrlich
Kompliment, Herr Augstein, für Ihren Mut zur Ehrlichkeit.
sikasuu 20.08.2018
3. Wer aufgibt, nicht kämpft, hat verloren. Wer weiter macht &kämpft....
... kann verlieren. Kündige mein Abo (na ja welche Zeitung ist da gemeint, der Spiegel :-() weil ich das "Leid, den Verfall usw. der Welt nicht mehr aushalten & wissen will!" . Wie hieß der Vogel, dem man falsch nachsagt "Er stecke den Kopf bei Gefahr in den Sand". Der "Strauß" nicht der F.J., ist ein recht wehrhaftes Tier, das massiv tritt & im Zweifel weg rennt. Kann die Dame auch verstehen, aber ich hätte ihr zurückgeschrieben: . Sehr geehrte gnä. Frau seit undenklichen Zeiten mussten/müssen sich Menschen ihren Platz in & eine faire, demokratische Gesellschaft erkämpfen. Nicht "weit hinten in der Türkei" sondern in Familie, im Alltag, im Job usw. Suchen sie sich Gleichgesinnte, Leute mit denen sie zusammen etwas anfangen, verändern können & fangen Sie an, die Dinge in Ihrem Umfeld, die Sie belasten, also in der Familie usw. zu verändern. Vor allen Dingen vergessen Sie den Satz: Das ist normal, was werden die Leute sagen! Dann werden sie feststellen wie viel angenehmer es wird, einige "eingebildete Zwänge" weg zu lassen & wie viele in Ihrer Umgebung sind, die das auch gerne machen wollen. Wenn sie dann noch die Grundregeln des GG ein wenig im Auge haben & erst hinschauen, verstehen wollen usw, bevor Sie urteilen, kanns nicht versprechen aber es gibt Leute die sage: Dann wird vieles einfacher! Gruss Sikasuu
fatfrank 20.08.2018
4. Find ich super.
Die Einstellung der Leserin, nicht die Reaktion. Es gibt auch keinen gegenseitigen Halt, jeden Tag die (negativen) Schlagzeilen zu lesen. Da hat die Frau schon ganz Recht: Positive Beispiele geben Halt und machen Mut. In diesem Sinne: Gewinnen Sie die Leute zurück, Herr Augstein. Schreiben Sie mal was, was gut geklappt und funktioniert hat! Meinetwegen etwas "Linkes", bei dem durch soziales Engagement und Zusammenhalt den Gesetzen des Marktes etwas entgegengesetzt wurde. Einzig: Jammern und Beklagen bringt niemandem etwas! (Mit-)Geteiltes Leid ist eben nicht halbes Leid, sondern zieht alle nur (mit) runter. Es besteht eine Sehnsucht nach (von mir aus auch linken) Visionen. Verbreiten Sie Hoffnung, Herr Augstein! "Change has come to [America]".
Doc#Holiday 20.08.2018
5. danke
?Aber glaubt mir, dass man Glück und Zuversicht selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag. Man darf nur nicht vergessen ein Licht leuchten zu lassen.? Zitat von Dumbledore aus Harry Potter das Licht ist der Qualitätsjournalismus. Jeden Tag. Ich danke euch dafür.
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