Briefe deutscher Soldaten Post aus dem Kriegsgebiet

Ängste, Wünsche, Hoffnungen: In einem neuen Buch gewähren in Afghanistan stationierte Bundeswehrsoldaten Einblick in ihre Post. Es sind bewegende Dokumente, die mehr über den Krieg am Hindukusch erzählen als jeder Lagebericht eines Verteidigungsministers.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan: "Plötzlich eine Detonation"
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Bundeswehrsoldat in Afghanistan: "Plötzlich eine Detonation"

Von Andreas Niesmann


Berlin - Feldpost. Das Wort klingt irgendwie antiquiert, in Zeiten von E-Mail und SMS. Es erinnert an die Großmutter, die aus einer Schublade vergilbte Briefe hervorzieht und die unschuldigen Grüße eines Verehrers aus ihren Jugendtagen vorliest.

Doch Feldpost ist aktueller denn je, wie ein Buch zeigt, das jetzt erschienen ist. Auf rund 200 Seiten dokumentiert es Briefe, E-Mails und SMS, die deutsche Soldaten aus Afghanistan an ihre Familien und Freunde in der Heimat geschickt haben. Es sind bewegende, zum Teil erschütternde Schriftstücke. Sie zeigen, wie die Männer und Frauen der Bundeswehr den Einsatz am Hindukusch erleben - und wie sie ihn verarbeiten.

"Plötzlich eine Detonation, der Boden unter den Füßen vibriert", schreibt Oberstleutnant Boris Barschow aus Masar-i-Scharif nach Hause. "Ein zweiter und ein dritter Knall. Jetzt ist klar: ein Mörser- oder Raketenangriff. Ich lade mein Gewehr und spüre das Adrenalin. In bin perplex, dass ich weder Angst noch Panik verspüre."

Berichte wie dieser stammen nicht aus den Feldpostbriefen, die vor einigen Wochen auf dem Weg von Afghanistan nach Deutschland illegal geöffnet worden sind. Die Briefe wurden freiwillig von ihren Verfassern zur Verfügung gestellt - und zwar gegen den Willen der Bundeswehrführung.

Was die Soldaten schreiben

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Fünf Journalisten haben Hunderte von Soldaten angerufen, angemailt und angeschrieben, um die Briefe aus dem Kriegsgebiet zusammenzutragen. Eine erste Auswahl veröffentlichten Marc Baumann, Martin Langeder, Mauritius Much, Bastian Obermayer und Franziska Storz Weihnachten 2009 unter dem Titel "Die Weihnachtspost der deutschen Soldaten in Afghanistan" im Magazin der Süddeutschen Zeitung - und erhielten dafür den Henri-Nannen-Preis 2010.

"Der Landeanflug war wie eine Achterbahnfahrt"

Mit dem Buch "Feldpost. Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan" legen die Autoren jetzt nach und dokumentieren den inzwischen neun Jahren andauernden Kampf gegen die Taliban aus Sicht der Bundeswehrangehörigen*.

Das Buch bewegt - eben weil es so authentisch ist. Es erlaubt dem Leser einen Einblick in das Innere der Soldaten, zeigt ihre Ängste, Hoffnungen und Wünsche. Und es verrät viele Details über den Kriegsalltag, die nicht in der Tagesschau zu sehen sind.

So beklagen sich Soldaten über die beschwerliche Anreise, die mit Sicherheitschecks wie bei einem normalen Flug beginnt und nach Zwischenstopps in Turkmenistan oder Usbekistan mit waghalsigen Landemanövern endet. "Der Landeanflug auf Kabul war wie eine Achterbahnfahrt", schreibt ein anonymer Oberstleutnant, "der amerikanische Pilot hat die C-130 quasi senkrecht auf die Piste fallen gelassen, um möglichst wenig Angriffsfläche für Raketen zu bieten."

Nach überstandenem Flug haben viele Truppenangehörige mit Eingewöhnungsschwierigkeiten zu kämpfen - mit Magen-Darm-Grippe, die jeden zwei- bis dreimal befällt, mit Kälte, mit Heimweh. "Hier ist alles hundertmal schlimmer, als es mir in meinen kühnsten Träumen erschien", schreibt der 62-jährige Oberstleutnant Bertram Hacker. "Der Dreck, der Staub ist unbeschreiblich. Waschen in der Früh bei minus acht Grad aus der Flasche, weil der Wassercontainer meist eingefroren ist."

Spannend wie ein Krimi lesen sich die Berichte der Soldaten von ihren Einsätzen. "Habe diese Nacht sehr wenig geschlafen, weil wir auf Nachtpatrouille raus waren", heißt es in den Schilderungen eines Hauptgefreiten. "Mit Nachtsichtgeräten konnte ich etwas sehen, ohne erkennt man bei Nacht und Nebel nichts. Ich war schwer bewaffnet, mit so ziemlich allem. Das Harmloseste war noch eine Familienflasche Tränengas, so groß wie ein kleiner Feuerlöscher. Ich hoffe, ich werde das alles nie benutzen!"

Auch die permanente Anspannung der Bundeswehrangehörigen, die in Afghanistan in ständiger Furcht um ihr Leben und das ihrer Kameraden sind, wird in den Briefen spürbar. Erst am Freitag wurde einmal mehr klar, wie gefährlich der Einsatz ist. In einem Außenposten tötete ein Afghane mehrere Bundeswehrsoldaten und verletzte weitere schwer.

In den dokumentierten Schreiben gehen die Soldaten auf die Bedrohung ein. "Die Flaggen vor unserem Stab waren in letzter Zeit erfreulich häufig oben, das ist jeden Morgen der erste bange Blick, noch vor dem Briefing: kein Halbmast, keine gefallenen Kameraden", schreibt ein Oberstleutnant 2008 aus Kabul.

Ein 35-jähriger Oberstabsarzt beschreibt eindringlich seine Gefühle, als er erfährt, dass einer seiner Kameraden gefallen ist: "Tot. Das Unerwartete ist geschehen, bisher ging doch immer alles gut. In meinem und sicher nicht nur in meinem Bauch breitet sich eine lähmende Leere aus."

Doch es gibt auch eine andere Seite des Krieges, zu der beinahe romantische Momente unter wolkenlosem Sternenhimmel und die eine oder andere Liebelei zwischen Soldaten und Soldatinnen im Lager zählen. "Diese Techtelmechtel enden jedoch spätestens auf dem Rückflug in der Transall", schreibt ein Oberstleutnant, der seinen Humor nicht verloren hat und den Piloten der Maschine mit den Worten zitiert: "Mädels, ab heute seid ihr nicht mehr die Schönsten."

*Marc Baumann, Martin Langeder, Mauritius Much, Bastian Obermayer und Franziska Storz (Hg): Feldpost. Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan. Rowohlt, 200 Seiten, 17,95 Euro.

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