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22. Februar 2008, 17:06 Uhr

Brisante Prognosen

Meinungsforscher warnen SPD vor Links-Experimenten

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Kurt Beck spielt mit dem Feuer: Werden die Hamburger die Sozialdemokraten am Sonntag für die Rot-Rot-Grün-Strategie ihres Vorsitzenden abstrafen? Meinungsforscher wagen überraschende Prognosen - und warnen vor einem Riss in der SPD.

Hamburg - Elbvertiefung? Einheitsschule? Kohlekraftwerk? All das sind Themen, die die Hamburger bewegen in den Tagen vor der Bürgerschaftswahl am Sonntag. Doch das entscheidende Thema könnte eines sein, das mit der Hansestadt gar nichts zu tun hat: Vertrauen.

SPD-Chef Beck: Warten auf das Hamburg-Ergebnis
DDP

SPD-Chef Beck: Warten auf das Hamburg-Ergebnis

Denn das steht vor allem für die Sozialdemokraten derzeit auf dem Spiel: Parteichef Kurt Beck hatte in vertraulichen Runden eine neue Einstellung zu einer möglichen Kooperation mit der Linkspartei in Hessen zur Sprache gebracht. Andrea Ypsilanti solle dort, notfalls mit den Stimmen der Linken, zur Regierungschefin gewählt werden. Und das, obwohl die SPD vor der Wahl jede Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen hatte.

Doch welche Folgen wird Becks Vorstoß für die Wahlen in Hamburg haben? Darüber rätseln selbst Meinungsforscher zwei Tage vor der Wahl. In keiner der aktuellen Umfragen ist die Links-Problematik bereits erfasst. Die CDU pendelt derzeit, je nach Umfrage, zwischen 39 und 42 Prozent, die SPD liegt zwischen 32 und 35 Prozent.

Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, rechnet nicht mit "massiven Verlusten" für die SPD in Hamburg. "Ich bin nicht sicher, ob das Thema sich wirklich auf die Wahl am Wochenende auswirkt", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Für die Hamburger ist Beck weit weg, und die meisten Wähler denken wohl eher in kommunalen Kategorien als in Koalitionsarithmetik."

Güllner warnte davor, die Wahlentscheidung am Wochenende zu überschätzen. Viel interessanter als das kurzfristige Ergebnis der Wahl in der Hansestadt sei die langfristige Entwicklung der Umfragewerte angesichts von Becks Planspielen. Bundesweite Umfragen zeigten, dass einige der Nichtwähler langsam wieder zur SPD zurückkehrten - und diese drohten sich nun wieder abzuwenden. "Beck zerreißt damit die SPD", sagte Güllner, der Beck schon kürzlich in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" im Umgang mit der Linkspartei Planlosigkeit vorgeworfen hatte. "Da muss man sich doch an den Kopf fassen."

Auch Klaus-Peter Schöppner von TNS Emnid geht davon aus, dass sich die wahren Auswirkungen des SPD-Streits erst nach der Hamburg-Wahl zeigen werden. Dass die öffentlich geführte Auseinandersetzung den Sozialdemokraten aber schon am Wochenende ein Debakel bescheren könnte, will er nicht ausschließen. "Eins steht fest: Das Thema wird der SPD eher schaden als nützen", sagte Schöppner. "Eine Kooperation mit der Linkspartei käme einem Wortbruch gleich, und Vertrauen ist im Wahlkampf heute viel wichtiger als früher."

Entscheidend könne auch sein, dass es in Hamburg an einem großen Wahlkampfthema gefehlt habe. "Die einen wählen Personen, die anderen Themen, wieder andere wählen den Linkskurs - und dann kocht so kurz vor der Wahl eine solche Debatte hoch", sagte Schöppner. "Wenn nun der Eindruck entsteht, dass Hamburg unregierbar ist, kann das für die SPD sehr gefährlich werden." Wenn konservative Wähler die Links-Diskussion als Feindbild empfänden, würden sie vermutlich umso zahlreicher zur Wahl gehen.

Für die Hamburger SPD kommt die Diskussion um eine Kooperation mit den Linken in jedem Fall zur Unzeit. "Diese Debatte ist gegenüber der Hamburger SPD extrem rücksichtslos", sagte Ex-Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) SPIEGEL ONLINE.

Und was sagt der SPD-Spitzenkandidat? Die Antwort von Michael Naumann auf Spekulationen, er könne sich nach der Wahl mit Stimmen der Linken zum Bürgermeister wählen lassen, ist eindeutig: "Nein, nein, nein."

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