Rede beim FDP-Parteitag: Liberale feiern ihren Erwecker Brüderle

Aus Karlsruhe berichtet

FDP-Fraktionschef Brüderle wärmt beim Parteitag den Liberalen die Seele - ausgerechnet mit einer Rede im aggressiven Stil Guido Westerwelles. Die Freidemokraten seien keine "Wegducker, Warmduscher und Weggucker", rief er. Parteichef Rösler konnte kaum mithalten.

Karlsruhe - Ein Satz begeisterte die Delegierten. "Nicht die Einnahmen des Staates sind zu niedrig, sondern die Erwartungen an den Staat sind zu hoch", rief der Redner von der Bühne aus in die Messehalle. Es war nicht Guido Westerwelle, der Außenminister und einstige FDP-Chef, der da sprach. Auch nicht Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle, der mit einer Ruckrede am Sonntag viele Delegierten erfreute und, so ganz nebenbei, einmal mehr unterstrich, dass er einen kämpferischen Parteichef abgeben würde.

Nein, der schlichte Satz kam ausgerechnet von Christian Lindner, Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen. Mit seiner Rhetorik traf er den Nerv der Delegierten. Der Rückgriff auf den vertrauten Sound zeigte das Dilemma der jungen Nachwuchspolitiker. Westerwelles Ära ist zwar seit einem Jahr vorbei, aber in der Not greifen die Jungen auf seine Rhetorik zurück. Damit sind sie groß geworden, es sind vertraute Vokabeln, die für einen Augenblick die Reihen schließen in einer FDP, die sich damit an alte, bessere Zeiten erinnert und doch im Grunde ziemlich ratlos ist:

  • Wo ist ihr Platz im Parteienspektrum? Ein Stück weit nach links schwenken, wie es der Fraktionschef in Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, mit seinem Vorschlag für eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes anstrebt, um damit die Entlastung bei mittleren Einkommen zu finanzieren?
  • Oder mit Brüderles "Brot und Butter"-Themen den klassisch wirtschaftsliberalen Flügel bedienen?
  • Welche Machtoptionen hat die FDP überhaupt außer einer schwarz-gelben Koalition?

Der Programmparteitag konnte darauf keine Antwort geben. Alles stand unter dem Eindruck der kommenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Keine Strategie-, keine Personaldebatte - so lautete das Motto. Als kürzlich ein Interview Lindners zu Spekulationen führte, er sei in Nordrhein-Westfalen zu einer Koalition mit SPD und Grünen bereit, wurde das parteiintern schnell ausgebremst. Manche fragen sich: Warum soll jemand die FDP wählen, wenn sie ihre Politik im Bündnis mit SPD und Grünen noch weniger durchsetzen kann als mit der Union? Noch vor dem Parteitag stellte Lindner in einem Interview klar: "Die sozial-liberale Tradition in NRW ist eine historische Tatsache und keine Offerte."

Auf dem linken Flügel liebäugelt zwar Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger weiter mit der Ampel. Sie halte nichts von "Ausschließeritis", erklärte sie vor dem Treffen in Baden-Württemberg in einem Interview. Doch die bayerische Landesvorsitzende, deren Haltung im Streit um die Vorratsdatenspeicherung gegenüber CDU/CSU von den Delegierten - auch zur Überraschung ihrer eigenen Anhänger - fast euphorisch gefeiert wurde, ist selbst in keiner angenehmen Lage. In Bayern rutschte ihre FDP, die in einer Koalition mit der CSU ist, in Umfragen auf nur noch zwei Prozent ab.

Brüderle begeistert die Delegierten

Worauf es hinauslaufen könnte, wenn alles schiefgeht, zeigte der Sonntag. Brüderle, den viele als potentiellen Nachfolger von Parteichef Philipp Rösler sehen, berauschte die Delegierten zum Abschluss mit einem Frage-und Antwort-Spiel. Er rief reihenweise Erfolge der Koalition auf und fragte dann den Saal: "Wer hat's gemacht?" Donnernd kam die Antwort: "Wir haben es gemacht!" So ging das minutenlang, zur sichtbaren Freude vieler Delegierten. Hier wärmte einer die strapazierte liberale Seele. Hätte Westerwelle einen solchen Auftritt hingelegt, es wäre wohl anmaßend erschienen, bei Rösler wäre es gar als kabarettistische Vorlage interpretiert worden. Bei Brüderle aber, dem listigen Mann aus Rheinland-Pfalz, wird ein solcher Polter-Auftritt allein schon durch seine nuschelnde Mundart ins Gemütlich-Ironische abgemildert.

Die Reaktionen auf Brüderle zeigten, wonach sich die Partei sehnt - nach einem emotionalen Erwecker. Ob der Noch-Bundestagsfaktionschef mit seiner Kurze-Satz-Rhetorik irgendwann die Antwort ist auf die Krise der FDP? Es bleibt eine offene Frage. Immerhin - Brüderle, mit allen Wassern gewaschen, ist ein Mann, der auch auf dem linksliberalen Flügel Respekt genießt, der den Kontakt nie hat abreißen lassen und ausdrücklich Leutheusser-Schnarrenberger als "Jeanne d'Arc" für den Kampf um liberale Bürgerechte lobte.

Die FDP vermied in Karlsruhe jede Debatte um ihren angeschlagenen Vorsitzenden, aber sein Autoritätsverlust war auf den Gängen, in den Gesprächen mit Delegierten ein Thema. Rösler kann sich wohl nur noch mit Wahlerfolgen bei den kommenden Landtagswahlen auf seinem Stuhl halten. Der Fraktionschef in Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, der sich seit Karlsruhe mit Rösler duzt, hatte seine Rede am Samstag mit einer sarkastisch-ironisch anmutenden Zuspitzung beendet: "Nach Schleswig-Holstein kommt Nordrhein-Westfalen, nach mir kommt Christian Lindner, und vor uns allen liegt eine goldene Zukunft."

FDP gegen die "Diktatur der Tugendwächter"

Rösler bemühte sich in Karlsruhe um die Gunst der Delegierten. Die Attacken gegen den politischen Gegner führte er, wie Lindner, über weite Strecken im alten, vertrauten Westerwelle-Sound. Die Linkspartei wünsche sich "schnellstmöglich die Rückkehr in die DDR", die Grünen seien "ideologische Lebensstil-Diktatoren" und "intolerante Eiferer", die Piraten eine "Linkspartei mit Internet-Anschluss". Das gipfelte in dem Bekenntnis: "Wir brauchen die FDP, um den Weg in eine Diktatur der Tugendwächter zu stoppen."

Röslers Rede wurde freundlich beklatscht, mitunter folgten die Delegierten seinen Worten aber nur beiläufig. Um so stärker fiel am Tag darauf der Kontrast zu Brüderle auf. Er legte gleich noch eine Art kleinen Grundsatzkatalog vor: Man brauche "neue Ernsthaftigkeit", rief er, um sogleich das Gegenteil zu betreiben - "Mätzchen" überlasse man den anderen, "Herz und Wärme" gelte es zu vermitteln, "eine kalte Kassandra wird nicht gewählt", nur geschlossen sei man erfolgreich.

Der schlicht-robuste Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht. Je länger Brüderle sprach, umso mehr rauschte es durch die Halle. Es gipfelte in dem Bekenntnis, die FDP gehöre nicht zu den "Wegduckern, Warmduschern und Wegguckern". Der Saal dankte es ihm mit langem Jubel.

Rösler blieb bei Brüderles Spektakel nur die Rolle des Zuschauers. Als der 66-Jährige geendet hatte, ging der 39-Jährige zu ihm hin und dankte ihm für den Auftritt. Was blieb ihm auch anderes übrig.

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insgesamt 99 Beiträge
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1.
king_pakal 22.04.2012
Zitat von sysopFDP-Fraktionschef Brüderle wärmt beim Parteitag den Liberalen die Seele - ausgerechnet mit einer Rede im aggressiven Stil Guido Westerwelles. Die Freidemokraten seien keine "Wegducker, Warmduscher und Weggucker", rief er. Parteichef Rösler konnte in Sachen Demagogie kaum mithalten. Rede beim FDP-Parteitag: Liberale feiern ihren Erwecker Brüderle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829023,00.html)
Deutschland kann stolz auf seine politischen Führer sein.
2. Weinfest
pepito_sbazzeguti 22.04.2012
"Die Freidemokraten seien keine "Wegducker, Warmduscher und Weggucker", rief er." Ereignete sich Brüderles Rede nach einem Weinfest?
3.
matbhmx 22.04.2012
.... immer Brüderle-Anhänger. Bedauerlich auch, dass er nicht mehr Wirtschaftsminister ist. Der Mann hat Format, hat im Gegensatz zu WesterwelleLindnerRösler usw. inhaltlich was zu sagen, ist rhetorisch begnadet und verfügt über jahrzehntelange Politerfahrung - auch als Minister!
4.
torrelamata 22.04.2012
wer diese rede von brüderle gesehen hat - der kann nur an kanerval denken, das niveau war unterirdisch. will keinem büttenredner hier zu nahetreten - deren reden sind ja meistens noch intelligent aber brüderle - was der sich auf die fdp fahnen als erfolge gebucht hat ist ja gerade hahnebüchen und ein beweis für die abgehobenheit dieser berufspolitiker und deren verlust von realitätssinn - wer hat´s erfunden ... und der saal hat mitgegröhlt. es wird zeit, dass diese partei und typen wie brüderle schnellstmöglich von der politischen bühne verschwinden.
5.
peter1000 22.04.2012
Brüderle ist ein Büttenredner und das passt zu den FDPJecken bestens ... nur, deswegen wählt kein Schwein mehr diese Titanic Partei!
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