Brüderle auf FDP-Parteitag: Der Risikokandidat

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FDP-Fraktionschef im Bundestag, Brüderle, in Thüringen: "Haben Union besser gemacht"

Der Applaus ist Rainer Brüderle beim FDP-Parteitag sicher, doch im Wahlkampf kann er für die Liberalen zum Problem werden. Immer wieder irritiert er Freund wie Feind mit Vorstößen - wie jetzt mit seinen seltsamen Äußerungen über einen Euro-Austritt Italiens.

Berlin - Rainer Brüderle sieht schmaler aus. Die Berichterstattung der vergangenen Wochen über sein angeblich sexistisches Verhalten gegenüber einer "Stern"-Reporterin ist an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Noch immer wird er bei Interviews danach gefragt. "Kein Kommentar" oder "Ich kommentiere das nicht", lauten dann seine stereotype Antworten.

Brüderle ist vorsichtiger geworden, auch seine Frühstücksrunde in Berlin ist nicht mehr so locker wie früher. Als der 67-Jährige kürzlich zu Philipp Röslers 40. Geburtstag eine Rede hielt, gab es von ihm kaum Witze, Bonmots und Anekdoten, ganz entgegen seiner sonstigen Art. Er wirkte gehemmt.

Sein öffentliches Ansehen hat seit der "Stern"-Geschichte gelitten. In einer Umfrage für das ZDF-Politbarometer glauben nur noch 25 Prozent der Bürger, dass er für die FDP einen positiven Beitrag leisten kann. Im Januar waren es noch 36 Prozent.

In Berlin, auf dem vorgezogenen Bundesparteitag, wird Brüderle am Sonntag seine erste Rede als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl zu den Delegierten halten. Es ist eine Kür, eine offizielle Wahl gibt es nicht, der Beifall wird ihn bestätigen. Der Applaus dürfte ihm sicher sein. Jetzt ist bei der FDP Geschlossenheit gefragt.

Brüderle wurde noch Anfang des Jahres als künftiger Parteichef gehandelt. Doch dann kam Niedersachsen, der sensationelle 9,9-Prozent-Erfolg der FDP, und Philipp Rösler hatte die Chuzpe, ihm das Amt des Parteichefs anzutragen. Brüderle aber sagte ab, aus seiner Umgebung hieß es, er habe ohnehin nie vorgehabt, Parteichef zu werden. Wie auch immer: Stattdessen ist er nun Spitzenkandidat. Rösler sei der Teamchef, er solle dafür sorgen, die Tore zu schießen, bemüht Brüderle seitdem den Fußballvergleich.

Balsam für die liberale Seele

Brüderle kann Wahlkampf, er kann Delegierte mitreißen und ihnen deutlich machen, warum die Liberalen überhaupt noch gebraucht werden. In den Umfragen rangieren sie weiter zwischen vier und fünf Prozent im Bund. "Wir haben die Union besser gemacht", lautet einer seiner Standardsätze in diesem Frühjahr- bei der Abschaffung der Praxisgebühr, bei der Aussetzung der Wehrpflicht, beim Nein zu staatlichen Hilfen für Schlecker und Opel, beim Nein gegen Euro-Bonds.

Brüderle kann sich aber auch, wenn er nicht aufpasst, in einen regelrechten Rausch hineinreden. Im Januar, beim Dreikönigstreffen in Stuttgart, griff er Rot-Grün vehement an, vor allem aber gab es Balsam für die liberale Seele. "Wir müssen aufstehen und kämpfen. Wir müssen an uns selbst glauben", rief er damals. Es gab viele Zuspitzungen, viele Lacher im Saal, Brüderle war in seinem Element. Es kam nicht überall gut an. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lästerte danach: "Büttenredner Brüderle".

Brüderles Plauderton ist mitunter seine größte Gefahr. Nur zwei Tage vor der Niedersachsenwahl befeuerte er mit einem ARD-Interview Spekulationen, er wolle Rösler auf einem vorgezogenen Parteitag stürzen. Jetzt war es wieder ein Fernsehauftritt, der manche in der FDP zusammenzucken ließ. In der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner spekulierte Brüderle über einen möglichen Austritt Italiens aus dem Euro. Es könne sein, "dass sie rausgehen", Italien müsse sich entscheiden, ob es sich bei der gemeinsamen Währung anpassen wolle. "Und wenn sie das nicht wollen, müssen sie die Konsequenzen ziehen." Die Entscheidung liege aber allein bei Italien.

Steilvorlage für die Opposition

Für die Opposition war das eine Vorlage. "Unverantwortlich" sei die Äußerung, hieß es von SPD-Fraktionsvize Joachim Poß. In der FDP war es ausgerechnet Euro-Rebell Frank Schäffler - der die FDP im Dezember 2011 mit einem Mitgliederentscheid zum Rettungsfonds EFSF/ESM an den Rand des Bruchs geführt hatte -, der Brüderle freudig beisprang. "Nur eine Austritts- und Ausschlussmöglichkeit kann den Euro überhaupt retten. Da kämpfe ich Seite an Seite mit Rainer Brüderle für eine atmende Euro-Zone. Die Alternative ist die italienische Währungsunion mit ganz übler Inflation. Das will niemand in der FDP", sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete.

Der Rest duckte sich weg. Bloß keine Aufregung vor dem Parteitag, lautete das Motto. Denn aufregend wird es wohl in Berlin, bei den Wahlen zu den FDP-Gremien. Und: Außenminister Guido Westerwelle propagiert ohnehin gerade einen strikt proeuropäischen Kurs und hat für den Bundesparteitag einen eigenen Europaantrag mitformuliert. Westerwelle will die FDP im Bundestagswahlkampf als klare Europapartei gegen Konkurrenten abgrenzen, auch gegen die Schäfflers in der eigenen Partei.

Brüderles merkwürdige Italien-Spekulationen kamen da zur Unzeit.

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Noch mal richtig auf die Kacke hauen
de-fakto 08.03.2013
Zitat von sysopDer Applaus ist Rainer Brüderle beim FDP-Parteitag sicher, doch im Wahlkampf kann er für die Liberalen zum Problem werden. Immer wieder irritiert er Freund wie Feind mit Vorstößen - wie jetzt mit seinen seltsamen Äußerungen über einen Euro-Austritt Italiens. Brüderle wird als Spitzenkandidat Rot-Grün angreifen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bruederle-wird-als-spitzenkandidat-rot-gruen-angreifen-a-887719.html)
Wie heißt es doch so schön, kleine Kinder und Besoffene sagen immer die Wahrheit---in diesem Falle sogar im nüchternen Zustand.
2. Westerwelle irrt
shareman 08.03.2013
Pro Europa ja - aber eim klares NEIN zir Loser Währung Euro.
3.
billhall 08.03.2013
Zitat von sysopDer Applaus ist Rainer Brüderle beim FDP-Parteitag sicher, doch im Wahlkampf kann er für die Liberalen zum Problem werden. Immer wieder irritiert er Freund wie Feind mit Vorstößen - wie jetzt mit seinen seltsamen Äußerungen über einen Euro-Austritt Italiens.
Eine gesunde Demokratie lebt von der Vielfalt und nicht von der Einheitlichkeit der Meinungen - sonst müssten wir wieder die DDR einführen. Daher kann und soll ein Politiker seine eigene Meinung sagen. Irritierend ist eher der "PC-Furor" der veranstaltet wird wenn ein Politiker eine Äußerung macht die politisch nicht korrekt ist.
4. es ist mittlerweile nicht mehr zu fassen...
fritzfrie 08.03.2013
was wir in Deutschland für Menschen in politischer Verantwortung haben. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass dieser Mann nicht mehr zurechnungsfähig ist.
5. Bruederle ich trink mit dir....
audumbla 08.03.2013
Als ich 67 wurde habe ich festgestellt das ich nicht mehr geistig so fit war wie mit 50. Wenn Bruederle ehrlich ist, dann reicht eine flammende Rede einfach nicht mehr, die Bürger glauben das nicht mehr. Ich hoere er soll oefter mal ins Glas schauen, das glaube und goenne ihm das!
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