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27. Februar 2013, 17:46 Uhr

"Mongo"-Skandal auf der "Hermelin"

Racheritual mit Panzer-Tape

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Die Demütigung eines Unteroffiziers asiatischer Abstammung durch vier Soldaten schockiert die Marine. Sie tarnten sich mit Gasmasken, fesselten den Vorgesetzten halbnackt auf einem Tisch und kritzelten "Mongo" auf seine Haut. Der Tat ging offenbar ein Streit voraus, als Motiv steht nun Rache im Raum.

Berlin - Die Bundeswehr zeigt sich nach einem brutalen Angriff von vier Marinesoldaten auf einen Vorgesetzten asiatischer Herkunft auf dem Marine-Schnellboot "Hermelin" im Hafen von Beirut schuldbewusst. "Derartige Fälle dulde ich nicht in unserer Marine", sagte der zuständige Inspekteur Axel Schimpf. Gegen die mutmaßlichen Täter werde "mit aller gegebenen Härte ermittelt".

Was sich auf dem Marineschnellboot, derzeit auf der Uno-Mission Unifil vor der libanesischen Küste im Einsatz, am Abend des 15. Februar ereignete, sorgte in Berlin für eine Schockwelle im Ministerium. Im Hafen von Beirut zerrten den bisherigen Ermittlungen zufolge mehrere Obermaaten einen schlafenden Bootsmann asiatischer Abstammung gegen 21.30 Uhr aus seiner Kajüte, fesselten ihn mit einem Spanngurt und robustem Klebeband, in Soldatenkreisen als Panzer-Tape bekannt, an einen Tisch und demütigten ihn.

Die Details klingen gruselig. Demnach waren die Angreifer in der kleinen Unterkunft unter Deck zur Tarnung mit Gasmasken ausgerüstet. Den nur mit einer Unterhose bekleideten Bootsmann beschimpften sie und schmierten ihm zum Schluss den Spruch "Hier wohnen die Mongos" auf den Körper. Von dem hilflosen Soldaten machten die Angreifer auch Fotos mit ihren Mobiltelefonen. Erst als eine Wache den Angriff bemerkte, wurde der Vorgesetzte befreit.

Bisher geht man bei der Bundeswehr trotz der asiatischen Abstammung und des "Mongo"-Spruchs nicht von einem rassistischen Hintergrund aus. Kenner des Falls sprechen von einem brutalen Racheritual. Demnach habe der Bootsmann die Unteroffiziere, Zeitsoldaten im Alter von 22 bis 26 Jahren, zuvor seinerseits mit dem Schimpfwort "Mongos" aufgezogen, da diese sich den Unterkunftsraum IIIS4 teilen mussten. Aus Platzmangel musste der Vorgesetzte schließlich selbst dort schlafen. So soll den Soldaten der Rachegedanke gekommen sein.

"Konservativer Haufen"

Der Fall wirft erneut ein Schlaglicht auf die rauen Sitten, die möglicherweise auf manchen Marinebooten herrschen. Kritische Geister innerhalb der Truppe erinnert der Vorfall gar an Rituale, die bei der Wehrmacht unter dem Namen "Heiliger Geist" bekannt waren. So wurden nächtliche Überfälle zur Abstrafung von Soldaten bezeichnet. Der Hollywood-Film "Eine Frage der Ehre" machte ähnliche Strafen innerhalb der US-Eliteeinheit der Marines zum Thema. In dem Film wurden die Rituale als "code red" bezeichnet.

Aus dem Einsatzgebiet im Mittelmeer berichteten Marinesoldaten, in der Truppe sei man entsetzt über den Vorfall. Soldaten der Schnellbootflottille sagten, die Stimmung sei "bedrückend". "Bei uns geht es schon mal rau zu, aber hier haben ein paar Leute eine Grenze überschritten", so ein Soldat. Ein anderer fügte hinzu, Soldaten mit Migrationshintergrund hätten es "nie leicht" in der Bundeswehr und müssten sich häufiger "dumme Sprüche" anhören. Die Bundeswehr sei alles in allem ein "konservativer Haufen, wo oft von Kanacken, Negern und Schlitzaugen gesprochen wird".

Im Fall des Bootsmanns reagierte die Truppenführung schnell, sofort nach Bekanntwerden wandte sich der Chef der Einheit ans Einsatzführungskommando und unterrichtete auch den für rassistische Vorfälle innerhalb der Bundeswehr verantwortlichen Militärischen Abschirmdienst in Köln. Nachdem sich der Sachverhalt durch Vernehmungen bestätigt hatte, gab man das Verfahren an die Staatsanwaltschaft in Rostock ab. Die zunächst vier beschuldigten Soldaten wurden nach Deutschland zurückgeflogen. Der Dienstälteste ist seit gut acht Jahren bei der Marine.

Bundeswehr prüft Disziplinarstrafen

Bei den Ermittlungen drohen weitere unangenehme Enthüllungen. Möglicherweise, das deuten interne Unterlagen an, waren an dem Ritual an Bord der "Hermelin" noch weitere Soldaten beteiligt. Mindestens drei weitere Soldaten werden demnach verdächtigt, mitgemacht zu haben. Möglicherweise waren auch ein Schiffstechnikoffizier und ein Wachoffizier zumindest durch gezieltes "Wegsehen" beteiligt, so das Papier. Bestätigen sich die Verdachtsmomente, dürfte ein falsch verstandener Korpsgeist unter den Soldaten an Bord der "Hermelin" und bei der Marine zum Thema werden.

Unerklärlich ist bisher, warum die Handybilder der beschuldigten Soldaten gelöscht worden sind und wer dies nach Bekanntwerden des Falls befohlen hat. Die Bilder wären für einen Prozess gegen die Soldaten wichtige Beweismittel gewesen. Ermittelt die Staatsanwaltschaft, wer die Löschung befahl, droht auch diesem Soldaten ein mögliches Verfahren wegen der Vernichtung von Beweismitteln. In der Bundeswehr hieß es als Erklärung, die Löschung sei womöglich lediglich zum Schutz des Opfers angeordnet worden.

Für die beschuldigten Soldaten könnte das Ritual unter Deck der "Hermelin" ernste Folgen haben. Bisher wird gegen die vier Soldaten, denen man die Beteiligung nachweisen kann, aufgrund des Paragrafen 25 des Wehrstrafgesetzes ermittelt, der Angriffe auf Vorgesetzte unter Strafe stellt. Im Fall einer Verurteilung drohen Freiheitsstrafen von drei Monaten bis zwei Jahren, in schweren Fällen sogar bis zu fünf Jahren. Daneben prüft die Bundeswehr auch Disziplinarstrafen.

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