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Buback-Mord: "Geballert hat die Sola"

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Neue Spekulation über den RAF-Mord an Siegfried Buback: Der verstorbene Verfassungsschützer Christian Lochte soll Verena Becker als Täterin und frühe Konfidentin des Verfassungsschutzes genannt haben. Doch wie glaubwürdig sind die Aussagen?

Ex-RAF-Mitglied Becker (vor Gericht in Stammheim): Spekulationen über Spekulationen Zur Großansicht
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Ex-RAF-Mitglied Becker (vor Gericht in Stammheim): Spekulationen über Spekulationen

Hamburg - Tote Zeugen sind zweifelhafte Zeugen. Dies gilt selbst für sehr gut informierte Verfassungsschützer. Christian Lochte starb 1991 im Alter von 55 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war der Jurist zehn Jahre Chef des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz und hatte sich durch unkonventionelle und liberale Ansichten ausgezeichnet.

Nun hat ein ehemaliger enger Freunde von Lochte, der Hamburger Journalist Nils von der Heyde, öffentlich gemacht, was Lochte ihm über einen der spektakulärsten Mordfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte erzählt hat, über den RAF-Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern, am 7. April 1977 in Karlsruhe.

Von der Heyde bezeichnete Verena Becker am Montag in einem Pressegespräch im Hamburger Institut für Sozialforschung als die Mörderin Bubacks. "Die Sola hat geballert", habe ihm Lochte erzählt, so von der Heyde. "Sola" sei der Deckname von Verena Becker bei der anarchistischen Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" gewesen, der sie vor ihrem Beitritt zur RAF angehört hatte.

Hat Becker seit 1976 für den Verfassungsschutz gearbeitet?

Er sei an jenem Gründonnerstag, an dem Buback ermordet wurde, in Bonn gewesen, berichtete von der Heyde, und habe als Chefreporter der "Bild"-Zeitung ein Visum für eine Reise nach Iran abgeholt. Dorthin sei er auch am Karfreitag aufgebrochen, habe aber mit seinem Freund Lochte aus Teheran telefoniert. Er habe den Verfassungsschützer gefragt: "Stichwort Buback, wer war es?" - "Die Sola" - "Aber seit gestern werden doch Folkerts, Klar und Sonnenberg gesucht?" Lochte habe geantwortet: "Entweder läuft da eine Intrige, oder der Boeden hat es vermarmelt." Gerhard Boeden war damals Leiter der Abteilung Terrorismus im Bundeskriminalamt (BKA).

Als er eine Woche später wieder nach Hamburg zurückgekehrt sei, habe Lochte ihm erklärt, er sei "erschüttert, weil ich fest glaubte, der Maier würde sie kontrollieren, er hätte sie im Griff". Richard Maier war zu dieser Zeit Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. "Sie hat für Euch gearbeitet?", habe von der Heyde Lochte gefragt. Der habe geantwortet: "So ist es. Mindestens seit einem Jahr."

Dies hieße, dass Becker mindestens seit 1976 ihre RAF-Genossinen und Genossen verraten hätte. Die Aussagen des Journalisten von der Heyde sind Wasser auf die Mühlen Michael Bubacks, der fest daran glaubt, dass Becker seinen Vater erschossen hat. Außerdem hat er schon lange vermutet, dass Becker nicht erst im Herbst 1981 mit dem Verfassungsschutz kooperiert hat. Stasi-Akten stützen seiner Meinung nach diese Hypothese.

Im Herbst 1981 - das ist unstrittig - offenbarte sich Verena Becker dem Verfassungsschutz und machte umfangreiche Aussagen. Sie bekam dafür Geld und wurde, obwohl sie zu zwei Mal lebenslang verurteilt worden war, nach weniger als zehn Jahren von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt.

"Verfolgung der Wahrheit endet an einer Mauer"

Eine frühere Kooperation der Terroristin mit dem Verfassungsschutz wäre Dynamit. Dann wären Verfassungsschützer möglicherweise in die Aktionsplanung der RAF eingeweiht gewesen. Und hätten vielleicht nicht eingegriffen, um ihre wertvolle Quelle nicht zu gefährden. Oder Becker hätte die Pläne der RAF den Verfassungsschützern verschwiegen.

Spekulationen über Spekulationen. Der ehemalige RAF-Mann Peter-Jürgen Boock hat gerade wieder seine Vermutung bestätigt, dass das RAF-Mitglied Stefan Wisniewski bei dem Mordkommando dabei war. Brigitte Mohnhaupt, die zum Zeitpunkt der Tat in Amsterdam war, wurde dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. Knut Folkerts, der sagt, er sei zum Zeitpunkt der Karlsruher Morde in Köln gewesen, bekam ebenfalls lebenslang. Der dritte mit lebenslang war Christian Klar, der wiederum laut Boock nicht dabei war.

Die Ermittlungen gegen Verena Becker und Günter Sonnenberg hingegen, die bei ihrer Verhaftung die Tatwaffe dabei hatten, stellte die Bundesanwaltschaft ein. Rätsel über Rätsel.

Nachdem von der Heyde vor nicht langer Zeit seine brisanten Erinnerungen an Michael Buback übermittelt hatte, teilte er dem Oberlandesgericht Stuttgart mit, dass er in dem laufenden Verfahren gegen Verena Becker in Stuttgart als Zeuge aussagen wolle. Bisher bekam er keine Reaktion vom Gericht.

Bubacks Anwalt wandte sich an den Hamburger Verfassungsschutz mit der Frage, ob es Akten zu Verena Becker gäbe. Etwa 300 Bände, in denen auch Becker auftauche, antworteten die Verfassungsschützer. Sie könnten aber nicht für etliche Monate einen Sachbearbeiter für die Durchsicht der Akten abstellen.

Nils von der Heyde berichtete, dass Lochtes Amtsvorgänger Hans Josef Horchem dessen Version bestätigt habe. Warum er diese brisanten Äußerungen nicht schon viel früher veröffentlich habe, wurde er gefragt. "Ich war schon damals der Meinung", sagte der ehemalige Journalist, "dass die Verfolgung der Wahrheit an einer Mauer enden würde."

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1. Märchengeschichten?
Hubert Rudnick, 14.02.2011
Zitat von sysopNeue Spekulation über den RAF-Mord an Siegfried Buback: Der verstorbene Verfassungsschützer Christian Lochte soll Verena Becker als*Täterin*und frühe Konfidentin des Verfassungsschutzes genannt haben. Doch wie glaubwürdig sind die Aussagen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,745547,00.html
Ich weiß nicht so richtig ob man die gesamten RAF Geschichte wirklich aufklären will, wer mag da wohl alles noch mit gespielt haben, ohne dass die kleinen dummen verblendeten Mädchen und Jungs irgenteine Ahnung von hatten. Man hat sein Täter und kann sich vielleicht ruhig zurücklehnen, oder vielleich doch nicht, könnte denn da einer was ausplaudern? HR
2. Unglaublich
Michael KaiRo 14.02.2011
Zitat von sysopNeue Spekulation über den RAF-Mord an Siegfried Buback: Der verstorbene Verfassungsschützer Christian Lochte soll Verena Becker als*Täterin*und frühe Konfidentin des Verfassungsschutzes genannt haben. Doch wie glaubwürdig sind die Aussagen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,745547,00.html
Da treibt eine Terroristin im Auftrag des Verfassungsschutzes ihr eigenes Spielchen und ermordert en passant einen Generalbundesanwalt und keinem der "Auftraggeber" aus dieser Verfassungsschutz-Behörde passiert etwas! Einfach unglaublich und widerwärtig. Dazu noch die Angehörigen bis heute belügen - widerwärtig. Dürfen die vom Verfassungsschutz eigentlich machen was sie wollen? Stehen die über dem Gesetz?
3. hört hört
amw52, 14.02.2011
Zitat von sysopNeue Spekulation über den RAF-Mord an Siegfried Buback: Der verstorbene Verfassungsschützer Christian Lochte soll Verena Becker als*Täterin*und frühe Konfidentin des Verfassungsschutzes genannt haben. Doch wie glaubwürdig sind die Aussagen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,745547,00.html
Wenn ein ehemaliger enger Freund von Lochte sich nach über 30 Jahren an damalige Meinungsäußerungen des Verstorbenen erinnert, dann werden sich die Richter über solche handfesten neuen Beweise eines ehemaligen Bildzeitungsmitarbeiters aber sicherlich sehr freuen. Vielleicht kann man ja über die Bildzeitung auch noch ein in der Kontaktaufnahme zu Toten versiertes Medium auftreiben, um Lochte noch einmal über seine damaligen Meinungen persönlich zu befragen oder über Zeitungsinserate nach weiteren ehemaligen engen oder weniger engen Freunden von Lochte suchen, in der Hoffnung, dass die sich auch noch an irgendetwas erinnern, was Lochte irgendwann mal gesagt haben soll. Das wird der Aufklärung dieses Falles sicherlich dienlich sein, und wenn nicht, so dann doch wenigsten die Phantasie von Michael Buback weiter befeuern.
4. Mögen es..
garfield53, 14.02.2011
Mögen es heute auch Märchen, Lügen und Phantasien von Wichtigtuern, verbitterten Ex-Häftlingen, welche seinerzeit für fremde Taten herhalten mussten und gegängelten EX-Ermittlern sein. Eines zieht sich immer mehr wie ein roter Faden durch die Geschichte, die RAF und Andere waren sind und werden sein, die Produkte und Erfindungen der damaligen politischen Hysterie, die Jugend nicht mehr in den Griff zu bekommen, und den Willen der Regierenden und deren "Kettenhunden" dem Verfassungsschutz, den Anlass für die "Terroristenjagd" der Siebziger und Achtziger, der Berufsverbotsgesetze und der Kriminalisierung des außerparlamentarischen Widerstandes, von der Startbahn West bis Gorleben heute, zu liefern. Es sind doch bis heute nur ein Bruchteil der s.g. Terroristen uns bekannt, als mediale Vorführobjekte und zur Abschreckung, auch des friedlichen Widerstandes im Land. Wieso wissen die vielen staatlichen Dienste so wenig darüber, wo wir als normale Bürger schon "gläsern" sind? Mit biometrischen und erkennungsdienstlichen Daten, welche gespeicht sind! Ist das Unvermögen oder gar gewollter Vorsatz, wenn man die staatliche Provokationen gegenüber ursprünglichen gewaltfreien Widerstand im Hinblick auf "gezielte" Gewaltprovokationen bei Demos jeder Art sieht? Sogar die biederen Stuttgarter in ihren bürgerlichen Widerstand zu potentiellen Gewalttätern "gemacht" werden. Die Gerichtsfarce, welche da mit alternden "nützlichen" Idioten zur Massenunterhaltung und Einschläferung kritischen Nachdenkens abgezogen wird, passt in die Reihe der Ungereimtheiten der letzten 40 Jahre. Die 3., 4. oder 5. Generation der Terroristen ( je nach der Sichtweise ) ist wahrscheinlich noch nicht "pensioniert" und im "Dienst", deshalb kennt sie "keiner". Fehlen eigentlich nur noch "Notstandsgesetze" und wir wären alle "mundtot"! - Vorbeugend, wenn uns Volk mal das Licht aufgeht, wie und von wem wir in den letzten vierzig Jahren verarscht, betrogen und belogen wurden und Dank unserer "Volks-BILDung" noch Beifall geklatscht und mitgemacht haben.
5. Zustimmung
archelys, 14.02.2011
Zitat von Hubert RudnickIch weiß nicht so richtig ob man die gesamten RAF Geschichte wirklich aufklären will, wer mag da wohl alles noch mit gespielt haben, ohne dass die kleinen dummen verblendeten Mädchen und Jungs irgenteine Ahnung von hatten. Man hat sein Täter und kann sich vielleicht ruhig zurücklehnen, oder vielleich doch nicht, könnte denn da einer was ausplaudern? HR
Ich sehe es auch so, vergesse aber nicht, dass die 'kleinen dummen und verblendeten Mädchen und Jungs' zu extremen Gewalttaten bereit waren. Ich hatte nach ihrer Festnahme in Hannover Gelegenheit, mit Ulrike Meinhoff zu sprechen und war sehr überrascht von ihrer mir völlig unverständlichen Weltsicht, gestehe aber auch ein , dass ich die Dinge zu naiv gesehen habe.
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Nach Mord- und Bombenanschlägen wurden Baader, Ensslin, Raspe und zwei weitere RAF-Mitglieder im Juni 1972 gefasst. Ihre Gesinnungsgenossen machten weiter und ließen sich von palästinensischen Freischärlern ausbilden.

1977 erreichte die Terrorwelle ihren Höhepunkt: Palästinensische Terroristen kaperten die Lufthansa-Maschine "Landshut" und wollten die Freilassung inhaftierter RAF-Leute erpressen. Eine Sondereinheit der GSG 9 stürmte das Flugzeug. Alle Geiseln überlebten, drei der vier Entführer wurden erschossen.

Wenige Stunden nach Bekanntwerden der Befreiungsaktion begingen Baader, Ensslin und Raspe im Hochsicherheitsgefängnis von Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Einen Tag nach der Obduktion begann Bildhauer Georg Halbritter seine Arbeit an den Leichen und fertigte Totenmasken an.

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