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Umstrittene Buchvorstellung: "Kohl wollte Zeugnis ablegen"

Von (Text), Robert Ackermann und Thies Schnack (Video)

REUTERS

Seit Tagen Gesprächsthema, jetzt im Handel: In Berlin wurde das Buch mit vertraulichen Zitaten von Altkanzler Kohl vorgestellt. Durften die Auszüge publiziert werden? Die Autoren Schwan und Jens geben klare Antworten.

Berlin - Heribert Schwan hat acht Jahre lang mit Helmut Kohl zusammengearbeitet. Über 600 Stunden hat der Altkanzler ihm auf Tonbänder gesprochen, 200 Kassetten sind dabei zusammengekommen. Er war Ghostwriter von Kohls Memoirenbänden und dessen Tagebuch, das während der CDU-Spendenaffäre herauskam.

"Helmut Kohl", sagt Schwan, "ist ein Lebensthema geworden, das habe ich mir nicht gesucht."

Schwan, heute 70 und einst Journalist beim WDR, kennt viele Verästelungen aus dem Leben des Christdemokraten. Er hat, dank dem Altkanzler, für die Memoiren geheime Protokolle über Gespräche, die Kohl mit den Größen der Welt führte, einsehen können. Dazu Papiere aus Sitzungen des Kabinetts, von Partei und Unionsfraktion und selbst die unter Verschluss stehenden 13 Bände der Stasi über den Kanzler. "Der Helmut Kohl", sagt Schwan, "hat mir vertraut."

Nun hat Schwan mit dem Journalisten Tilman Jens ein Buch geschrieben, in dem sich Auszüge aus den vertraulichen Gesprächen wiederfinden, die ihm der Kanzler 2001/2002 aufs Band diktierte. Der SPIEGEL hat einige der Zitate des Kanzlers über Angela Merkel und andere Persönlichkeiten in seiner aktuellen Ausgabe gedruckt. Es sind oft wenig schmeichelhafte Bewertungen, die Kohl abgab.

An diesem Dienstag wurde "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" in Berlin vorgestellt. Im Raum "Unter den Linden" des Hotel Westin Grand waren auch die letzten Plätze besetzt, die Leseexemplare schnell vergriffen. "Das ist kein Racheengel-Buch", so Schwan. Wer es lese, werde spüren, dass er Achtung für das Lebenswerk des Kanzlers empfinde.

Autor Heribert Schwan bei der Buchpräsentation Zur Großansicht
DPA

Autor Heribert Schwan bei der Buchpräsentation

Schwan klagt noch vor dem Bundesgerichtshof

Auf der Pressekonferenz, moderiert vom früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen, ging es schon nach wenigen Minuten nicht mehr um Inhalte des 256 Seiten umfassenden Bandes. Sondern fast ausschließlich um die Frage, ob aus den vertraulichen Gesprächen des heute 84-Jährigen Altkanzlers zitiert werden durfte. Schwan musste die Bänder nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln im März an Kohl herausgeben. Es ging, wie es wörtlich im Beschluss heißt, um "sämtliche Tonbandaufnahmen, auf denen die Stimme des Klägers zu hören ist und die in den Jahren 2001/2002 vom Beklagten aufgenommen wurden".

Ein Mitarbeiter der "Bild"-Zeitung - dem Kanzler seit Jahren zugetan - lieferte sich ein aggressives Frage-und-Antwort-Duell mit dem Justiziar des Heyne-Verlags, Rainer Dresen. Sei der Abdruck dieses Buches mit den Kohl-Zitaten nicht "geistiger Diebstahl"? Der Anwalt hielt dagegen: Vor Gericht sei es um die Frage des Eigentums gegangen, nicht aber "um Nutzungsrechte". Der Streit über die Bänder geht ohnehin weiter: Schwan hat gegen das Kölner Urteil vor dem Bundesgerichtshof Revision eingelegt.

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Kohls Abrechnung: Wen der Altkanzler schmähte
Für Schwan ist die Sache klar: "Eine Schweigepflicht-Erklärung gab es nicht." Es habe nie einen Vertrag mit Kohl gegeben, sondern nur mit dem Verlag, der die Memoiren herausbrachte und für die er als Ghostwriter einst schrieb. "Niemals hätte ich die Bänder abgegeben", sagt Schwan. Kohl sei auch immer bewusst gewesen, dass nach dem vierten Memoirenband - der nicht vollendet wurde - er, Schwan, eigene Bücher zu Kohl habe schreiben wollen und das Material auch verwendet hätte. Co-Autor Jens ist sich sicher: "Kohl wollte Zeugnis ablegen."

Schwan hat sich eine Kopie der Bänder ziehen lassen

Schwan hat nicht nur schriftliche Protokolle der Bänder, er hat sich auch eine Kopie der 200 Bänder ziehen lassen. Das, sagt er, sei technisch gar nicht so einfach gewesen. Wer nehme heute noch auf Tonbändern auf? Justiziar Dresen verteidigte den Autor: Beim Urteil des Oberlandesgerichts Köln sei es ausschließlich um das Eigentum an den Original-Tonbändern gegangen, nicht um Kopien. Der Streit um die Kohl-Bänder, ganz offensichtlich eine vertrackte Geschichte.

100.000 Exemplare des Buches hat der Heyne-Verlag zum Start drucken lassen. Zwar haben die Anwälte Kohls rechtliche Schritte angekündigt, aber das Buch wird an diesem Dienstag trotzdem ausgeliefert. Schwan und Kohl - die Geschichte der beiden Männer ist nicht ohne Kohls zweite Ehefrau zu erklären. Maike Kohl-Richter hatte sich laut Schwan in die Abfassung der Memoiren eingeschaltet, nicht nur Kommasetzung moniert, sondern auch bei charakterlichen Beschreibungen von Kohls erster Ehefrau Hannelore Kohl eingegriffen. Darüber sei es zum Bruch gekommen, sagt er.

Schwan sah sich lange als Nachlassverwalter des Altkanzlers, sogar über eine Helmut-Kohl-Stiftung sprachen sie. Doch dann kam alles anders, mit Kohls zweiter Ehefrau. "Er hat eine selbst ernannte Verwalterin seines Vermächtnisses, und die hat die Anwälte auf Trab gebracht", sagt Schwan.

Und was würde Kohl, seit einem Sturz im Jahre 2008 gebrechlich, zu seinem Buch sagen? Wenn er noch einmal mit ihm reden könnte, sagt Schwan, würde Kohl ihm auf die Schulter klopfen und sagen: "Volksschriftsteller, Gratulation". Darauf, sagt er, "können Sie Gift nehmen".

Sehen Sie auch hier das Interview mit dem Autor des Kohl-Artikels im aktuellen SPIEGEL, René Pfister:

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insgesamt 88 Beiträge
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1.
adal_ 07.10.2014
"Kohl wollte Zeugnis ablegen" Schwans Behauptung kann man gleuben oder auch nicht. Klar ist nur, welche Version Umsatz bringt und welche nicht. :-)
2.
adal_ 07.10.2014
>> "Kohl wollte Zeugnis ablegen"
3. Soso...
mischahh 07.10.2014
... er wollte Zeugnis ablegen, aha. Aber wie bei allen C-Parteien scheiterte es mal wieder am (das wievielte war es noch gleich?) Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten... Aber wie soll man als Politiker erfolgreich werden, wenn man nicht intrigieren kann - notfalls (oder in der Regel?) auch gegen das eigene Volk...
4. Helmut Kohl über alles ... er ist eben nur zu fett geworden im Amt
rkinfo 07.10.2014
Der Rest der Welt neben Helmut Kohl ist eben fehlerhaft und kaum der Rede werde. Hätte er nicht diesen 'Saumagen' gehabt wären noch wohl ganze 20 Jahre Kohl statt Fleisch drin gewesen. Genscher und Kohl ... hätte Kohl am Balkon der Prager Botschaft gestanden wäre jener unter der Last eingebrochen und hätte viel Unheil gebracht. So war eben Genschman dort und hat nur Geschichte light vollbracht. Sicherlich wird sich das Land über die Kohl-Sprüche aufregen ... selbst schuld wer den typ so oft gewählt hat. Er wäre sonst Beamter in Ruhe geworden ...
5. Kohl wollte keineswegs
dunnhaupt 07.10.2014
Kohl hat im Gegenteil alle legalen Wege versucht, um diese Veröffentlichung zu verhindern. Damit steht fest, dass er seine damaligen Äußerungen noch zurück nehmen wollte.
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