Buch über Vizekanzler Merkels Loblied auf den fixen Herrn Rösler

Die schwarz-gelbe Koalition steckt in der Dauerkrise. Trotzdem lässt es sich Angela Merkel nicht nehmen, für ein Buch über ihren Vizekanzler Philipp Rösler zu trommeln. Sie lobt seine schnelle Art - und entdeckt in seiner Biografie Parallelen zum eigenen Lebensweg. 

dapd

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Berlin - Angela Merkel liest einen Satz vor. "Die Verfassung schützt die Minderheit vor der Mehrheit, der Gottesbezug den Menschen vor sich selbst." Es ist ein Satz ihres Vizekanzlers Philipp Röslers. Sie macht eine Pause. Manche, sagt die Kanzlerin dann etwas spitz, würden sich schon fragen: "Und so einer ist in der FDP?" Die ersten lachen, aber dann löst Merkel den kleinen rhetorischen Kunstgriff auf. Die Frage stamme nicht von ihr, verrät sie, sondern aus dem Buch - und es stamme von einem CSU-Anhänger.

Es ist ein launiger Auftritt, den die Kanzlerin an diesem Dienstag in der Katholischen Akademie in Berlin hinlegt. Zwischen den Turbulenzen der Euro-Krise hat sie es sich nicht nehmen lassen, das Buch über Philipp Rösler vorzustellen. Es ist in dem christlichen Benno-Verlag erschienen und trägt den Titel: "Glaube. Heimat. FDP." Der Band von Michael Bröcker, Leiter des Hauptstadtbüros der "Rheinischen Post", kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der FDP geht es schlecht. Sehr schlecht. 1, 8 Prozent erreichte sie zuletzt bei der Berlin-Wahl. Keine guten Zeiten, um wohl dieses Buch zu verkaufen. Zumal der Mann, um den es sich dreht, in der Sympathieskala deutscher Spitzenpolitiker gerade den vorletzten Platz einnimmt - nur Guido Westwelle kommt noch dahinter, den Außenminister, den er vor vier Monaten als Parteichef ablöste.

Doch Rösler sieht gar nicht traurig aus, und auch die Kanzlerin will sich die Laune durch die trübe Lage nicht nehmen lassen. Hier geht es nicht nur um eine Buchpräsentation. Inmitten der schwarz-gelben Turbulenzen ist der gemeinsame Auftritt so etwas wie ein doppeltes Bekenntnis - der Kanzlerin zu ihrem Vize, des Vizes zur Kanzlerin.

Der nette Herr Rösler ist ein "Homo politicus"

Viele schöne Worte fallen an diesem Tag. Daran scheint auch Merkels jüngster Rüffel gegen die Euro-skeptischen Töne des FDP-Chefs nichts geändert zu haben. "Nett, fix, schnell, keine Umwege, keine Girlanden" - so lautet das Express-Urteil der Kanzlerin an diesem Tag. Was sie an ihm schätze? "Er kann sich schnell viel besser Reden einprägen", gesteht sie, "das bewundere ich an ihm." Rösler sitzt da und freut sich über so viel Artigkeiten. Irgendwann kommt die Rede sogar auf den Schlagersänger Udo Jürgens, den Rösler verehrt. "Bist Du auch ein Fan - wusste ich gar nicht", sagt der Vize erstaunt zur Kanzlerin. Im Februar komme er übrigens nach Berlin, sagt Rösler. Die Kanzlerin lächelt milde. Das ist ihr nun doch ein bisschen zu viel Nähe - so zumindest kann man ihre Körpersprache deuten.

Kaum ein Portrait über den FDP-Chef kommt ohne den Zusatz über den "netten Herrn Rösler" aus. Merkel selbst kann dem wenig abgewinnen, das sei die "falsche Kategorie", Rösler sei, das zeige sein Lebensweg, ein "Homo politicus". Und er selbst? Er fände es "ok", nett zu sein, man solle daraus nur "keine falschen Schlüsse ziehen".

Das Buch von Bröcker ist eine Art offizielle Biografie, am Ende findet sich noch ein kurzes Interview mit Röslers Ehefrau Wiebke. Rösler, sagt Merkel, habe "ohne Zweifel die außergewöhnlichste Biografie" der deutschen Politik. Es ist schon oft darüber geschrieben worden - das Waisenkind aus dem Vietnam-Krieg, adoptiert von deutschen Eltern, vom Vater alleine großgezogen, schließlich in der FDP gelandet. Und nun, mit 38 Jahren, Vizekanzler, Wirtschaftsminister und FDP-Chef ist. Das ist auch das Gerüst für das Buch.

Ähnlichkeiten im Werdegang

Als Merkel ins Kabinett von Helmut Kohl kam, war sie 36. Rösler ist jetzt 38. Eine "gewisse Ähnlichkeit" will sie zwischen sich und Röslers Werdegang in die Politik erkannt haben. So wie er sich zunächst bei der SPD, der Jungen Union und den Grünen umschaute, um dann von einem Schülervertreter zur FDP mitgenommen zu werden, so habe sie sich in den Wendezeiten der DDR bei anderen Parteien umgesehen und sei bei "Demokratischen Aufbruch" gelandet, der schließlich in der CDU aufging.

Doch warum landet einer, dessen Vater als Bundeswehroffizier lange Zeit bei der SPD war, der in einem katholischen Kindergarten aufwuchs, der sich erst vor elf Jahren taufen ließ und nun in der Laienorganisation der Katholiken mitarbeitet, warum landet so einer ausgerechnet bei der FDP? Merkel versucht es mit einem Zitat Röslers: Er sei nicht in die FDP wegen des Versprechens von Steuersenkungen eingetreten. Nun wisse man, weswegen er nicht zur FDP gegangen sei, sagt Merkel. Es gehe ihm um mehr, um den "Zusammenhalt in der Gesellschaft".

Gelerntes Misstrauen

19 Jahre Altersunterschied liegen zwischen beiden. Manchmal spürt die Kanzlerin, dass sie "schon viel erlebt hat". Sie tauscht sich natürlich aus mit den Jüngeren, aber "oft habe ich schon recht", erntet sie mit mit ihrer koketten Feststellung Lacher im Publikum. In den letzten Monaten glaubt Merkel an ihrem Vize einen Wandel erkannt zu haben - so wie sie ihn einst wohl an sich feststellte. Er sei "realistischer, misstrauischer" geworden. Misstrauen gehöre zur Politik dazu, aber Vertrauen könne belohnt werden, fügt sie hinzu. "Ich glaube, wir haben dieses Vertrauen zu einander gewonnen", sagt sie. Am Ende wird die Kanzlerin noch nach Ratschlägen für den Jüngeren gefragt. "Optimistisch in die Zukunft blicken", fällt ihr ein. Und: "Sich jetzt nicht verunsichern lassen, den eigenen Weg gehen." Man solle nach einer Abwägung des Pro- und Contra Entscheidungen treffen, die man auch in ein, zwei Jahren noch vor sich vertreten könne.

Rösler hat einmal davon gesprochen, mit 45 in der Politik aufzuhören. Manche unken, seine Karriere könne angesichts der Krise der FDP schneller zu Ende sein. Ob er die Altersgrenze schaffe, wird Merkel vom Moderator gefragt. Auch da gibt sich die Kanzlerin keine Blöße, FDP-Krise hin oder her. Sie sei da "guter Dinge."



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the great sparky 27.09.2011
1. ...
na das nenne ich mal n fettes lob von der chefin: er sei schnell und könne sich reden besser merken - wow!!! keine aussage zu fundiertem fachwissen, fleiß, zielorientiertem handeln, führungskompetenz, hoher leistungsfähigkeit und der fähigkeit ergebnisse abzuliefern. warum hat sie ihm hinter verschlossenen türen nicht das buch um die ohren gehauen verbunden mit der empfehlung, an den nicht erwähnten stärken (besser: schwächen) zu arbeiten, statt bücher zu schreiben. ja ja, die mutti hat ihn - fast - lieb - ihren vizekanzler-praktikanten. p.s. fehlte nur noch, dass sie ihm pünktlichkeit attestiert hätte.
+LY 27.09.2011
2. Kanzlerin und Vize sind lustig,
tolle Gemeinsamkeit, wie auch bei Führungs- und Verantwortungslosigkeit, Regierungsunfähigkeit, Unentschlossenheit, Ahnungslosigkeit, Überblickslosigkeit, Dummheit, Machtbesessenheit, Wendehalsigkeit, Teilnahmslosigkeit, Sozial-Kompetenz-Unfähigkeit, kein Gespür für die Stimmung im Lande und in ihrer Koalition, ... und dann dieses Buch, zu dieser Zeit, Rösler hätte ruhig warten können, bis er und Westerwelle durch die Bande geflogen sein werden, das brächte doch wenigstens dann Auflage... Einfach nur eklig, dieses Getue von 2 Nichtskönnern.
ArnoNuem 27.09.2011
3. Na so was!
Meine Güte, der Mann gehört zur Generation Praktikum, hat noch nichts Gescheites zu Wege gebracht und ist gerade dabei, unser Land gegen die Wand zu fahren. Aber er läßt ein Buch über sich schreiben. Was ist das nur für eine Scheißzeit, in der wir gerade leben? Verzeihung Herr Rössler, Sie sind ein selbstgerechtes Arschloch. Ziehen Sie sich aus der Politik zurück und halten für den Rest ihres Lebens zumindest öffentlich ihre Klappe. Früher wurden Länder durch Kriege kaputt gemacht. Heute durch politische Laiendarsteller. Beides ist ethisch verwerflich.
nr6527 27.09.2011
4. Beschädigung des ministeramts
Zitat von sysopDie schwarz-gelbe Koalition steckt in der Dauerkrise.*Trotzdem lässt es sich*Angela Merkel nicht nehmen, für ein Buch*über ihren Vizekanzler Philipp Rösler zu trommeln. Sie lobt seine*schnelle Art - und entdeckt in seiner Biografie Parallelen zum eigenen Lebensweg.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788633,00.html
Hat die Regierung nichts zu tun? Als Bürger verlange ich von den Ministern das sie sich mit ganzer Kraft ihrem Amt zum Wohl der Bevölkerung widmen. Wer meint das sich die Interessenvertretung von mehr als 80 Millionen Bürgern mal so nebenbei erledigen lässt, der soll sein Amt an solche übergeben, die sich in den Dienst der Bürger stellen. Rösler, sowohl auch die Mutter Schröder haben nun unter Beweis gestellt, das ihnen persönliche Interessen wichtiger sind, als dem Regierungsgeschäft die volle Aufmerksamkeit zu widmen, das ist nicht akzeptabel. Das die Kanzlerin sich noch für billige PR hergibt zeigt nur, das sie keinen Respekt vor den Ämtern der Republik hat. Schämen sollten die sich.
annemv 27.09.2011
5. NikT
Zitat von sysopDie schwarz-gelbe Koalition steckt in der Dauerkrise.*Trotzdem lässt es sich*Angela Merkel nicht nehmen, für ein Buch*über ihren Vizekanzler Philipp Rösler zu trommeln. Sie lobt seine*schnelle Art - und entdeckt in seiner Biografie Parallelen zum eigenen Lebensweg.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788633,00.html
Is schon wieder 1. April? Falls ja, ist das ein ganz mieser Aprilscherz Frau Merkel. Worüber schreibt der Herr R. eigentlich in seinem Buch? Für die Auflistung seiner Leistungen hätte es doch auch ein Post-it von 76 x 76 mm getan. FDP † 2011 M-V, Bln
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