Marina Weisbands Politikbuch: Sie will doch nur spielen
Marina Weisband hat ein Buch über Demokratie geschrieben. Im Wahljahr soll es Politikverdrossene daran erinnern, wovon sie eigentlich genervt sind. Lohnt sich die Lektüre? Überhaupt nicht, findet Ole Reißmann. Doch natürlich, sagt Annett Meiritz.
Hamburg/Berlin - Fotostrecke im Tangokleid, Talkshow-Marathon, Lesetour: Die Vermarktungsmaschine für das Buch der Piratin Marina Weisband läuft heiß. Für eine Erstautorin ungewöhnlich viel Rummel, zumal die Piraten in den Umfragen abgeraucht sind. Doch Weisband scheint gegen den Abwärtstrend ihrer Partei - zumindest noch - immun. Im Wahljahr will sie, auch ohne Amt und Mandat, für die Piraten sprechen. Mit einem Buch.
"Wir nennen es Politik", heißt es und wird in dieser Woche veröffentlicht. Beim ersten Durchblättern wird nicht ganz klar, was es sein soll: ein Manifest, eine Autobiografie, ein Sachbuch? "Es ist eine Idee", sagt Weisband, "eine Idee der vernetzten Politik, die in vielen Köpfen entstanden ist." Sie spricht von einem "neuen Menschenbild", das durch das Internet geformt wurde, und der "Vision eines aktiven Bürgers, der zum Gestalter der eigenen Gesellschaft wird".
Große Worte also, auch das Buchcover wirbt mit Thesen "für eine zeitgemäße Demokratie". Doch hält der Inhalt, was die Verpackung verspricht? Zwei Meinungen zu Marina Weisbands Buch:
Weisband demonstriert die Ahnungslose und benutzt diese Perspektive als Brücke zu jenen, die sonst überhaupt nichts mit Politik am Hut haben. Das kann funktionieren: Möglicherweise impft ihre Abhandlung einem 16-Jährigen mehr Grundverständnis für unser politisches System ein als Steinbrücks, Stoibers und Schröders Biografien zusammen.
So erfährt der Leser etwas über alte und neue Kommunikation, über Telegrafie, fiktive Machtspiele in einem Stammesdorf und über Weisband als Vertreterin einer Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Das funktioniert am besten, wenn sie sich an ihrer Biografie entlanghangelt. "Politik, das ist etwas für Deutsche, dachte ich", schreibt die gebürtige Ukrainerin über ihre Teenagerzeit. Dieser Satz sagt ziemlich viel über die hiesige Einwandererkultur aus. Launig sind die Szenen aus dem Innenleben der Piratenpartei ("Sie begrüßten mich herzlich und unterhielten sich dann über Laser").
Allerdings verhält es sich mit dem Buch streckenweise wie mit ihrer Partei: Ein paar Impulse sind durchaus erfrischend. Aber wenn's drauf ankommt, flüchtet sich Weisband in die Utopie. Ihre Vorstellungen digitaler Mitbestimmung klingen wie eine demokratische Fünf-Minuten-Terrine, die jeder nebenbei erledigen kann. Sie preist die Kraft des Durchschnittsbürgers, unterschlägt aber, dass das Experiment von Basisdemokratie in Reinform bei den Piraten bereits schiefgegangen ist.
Man sollte das Buch dennoch als das betrachten, was es ist: Der Gedankenpool einer 25-jährigen Erstautorin, die mit dem Rohmaterial unserer Demokratie spielt. Man kann Marina Weisbands Buch in zwei Stunden querlesen. Das ist kein schlechtes Zeichen. Strapaziöse Wälzer selbsternannter Polit-Profis gibt es schließlich schon genug.
Es ist ja vieles richtig, was Marina Weisband über Politik schreibt. Etwa wenn sie kritisiert, dass Parteienapparate und Lobbyeinfluss unsere Demokratie plagen. Aber was sie in der Einleitung verspricht, nämlich viele frische Ideen für das politische System, bleibt Weisband ihren Lesern schuldig. Nicht der Politiker soll sich ändern, sondern die Bürger die Politik, fordert sie. Und das Mittel gegen das Demokratiedefizit heißt: irgendwas mit Internet. Einfach über das Netz mitbestimmen, transparente Software statt Hintergrundzimmer, so die Devise.
Eine schöne Utopie, die Weisband allerdings nur rudimentär erforscht. Ob namentlich oder anonym abgestimmt werden soll, ist zum Beispiel eine grundsätzliche Streitfrage. Nur hält Weisband leider nicht viel von Antworten. Sie will ihre Leser nicht durch Referenzen verschrecken und mit Fußnoten quälen. Stattdessen schreibt sie im luftleeren Raum. Sie macht das geschickt: nimmt die Perspektive des Laien ein, warnt vor den Experten, die den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Das ist sympathisch, hilft dem Diskurs aber nicht wirklich weiter.
Folgerichtig erwähnt sie nicht, dass sich die Politikwissenschaft schon seit 1972 Gedanken über neue Formen der Beteiligung macht, damals noch unter dem Begriff Electronic Town Hall. Auch nicht, dass der Brite Colin Crouch schon vor sieben Jahren mit seinem Buch "Post Democracy" die Defizite der Demokratie angeprangert hat. An diese Debatten könnte sie anknüpfen, Standpunkte diskutieren, eine eigene Haltung einnehmen. Was sie stattdessen schreibt, bietet so viel Reibungsfläche wie die Chance der Piratenpartei auf die Kanzlerschaft. Schwer vorstellbar, dass auch nur eine Partei der Jungpolitikerin nach diesem Buch die Aufnahme verweigern würde. "Nehmen Sie dieses Buch nicht zu ernst", kokettiert Weisband gleich am Anfang. Knapp 170 Seiten später ist klar: Die Sorge ist völlig unbegründet.
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