Budenbau am Holocaust-Mahnmal Currywurst am Stelenfeld

Neuer Streit am Holocaust-Mahnmal. Ein privater Investor baut neben dem Gedenkkomplex einen riesigen Gastronomie-Pavillon. Kritiker sorgen sich um die Würde des Stelenfelds. Befürworter sind froh, dass es jetzt keine mobilen Würstchenhändler mehr geben muss.

Von Fabian Grabowsky


Berlin - Die Touristen sind irritiert. "Ein bisschen riskant", sagt ein Schwede vorsichtig und guckt auf den Bretterbau, der vor ihm in die Höhe wächst. "Ein bisschen Abstand wäre besser", sagt ein anderer. Wieder andere werden deutlicher: "Hier würde ich nie Kaffee trinken", sagt ein Tourist aus Bayern, "das Letzte", ein Ehepaar aus Dresden.

Holzpavillon am Mahnmal
SPIEGEL ONLINE

Holzpavillon am Mahnmal

Frühling in Berlin. Die Sonne scheint, die Touristen drängen. Es ist ein bisschen wie am Strand. Und der Holzpavillon, der gebaut wird, wirkt wie eine zu groß geratene Strandbude. Für Eis, Pommes und Toiletten. Aber das, was die Touristen ab Mai zwischen Tiergarten, Landesvertretungen und Hotel Adlon besuchen, ist nicht die Ostsee - sondern das Betonstelen-Meer des Holocaust-Mahnmals. Und die vermeintliche Strandbude das neuste Kapitel in der endlosen Streitgeschichte des Mahnmals.

Sie ist eine dieser vielen zähen Berliner Bau-Geschichten: Palast der Republik, Museum am Checkpoint Charlie, Bahnhof Zoo heißen die anderen. Schon Ende der Achtziger wurde gestritten, ob es überhaupt gebaut wird. Dann, wie es aussehen soll. Dann, als gebaut wurde, ob die Stelen mit Degussa-Chemie imprägniert werden dürfen. Dann, als es fertig gebaut war, ob mobile Würstchenhändler herumschwärmen und Schulklassen über die Stelen hopsen dürfen. Dürfen sie nicht, dafür sollen zwei Wachmänner sorgen. Die Schüler hopsen immer noch.

Empörung in seltener Einigkeit

Jetzt also: Direkt neben dem Mahnmal baut ein privater Investor den Holzpavillon, 115 Meter lang, zum Teil zweigeschossig. Mit einer Aussichtsplattform. Im Mai soll er voraussichtlich eröffnet werden und während der nächsten drei Jahre Gastronomie, Informationen und Toiletten für die Mahnmal-Besucher beherbergen.

Die Berliner Zeitungen empörten sich in seltener Einigkeit.  "Ohne viel Federlesens", schrieb die "Berliner Morgenpost", sei "eine gigantische Ladenmeile genehmigt" worden. Dabei sei "Kommerz fehl am Platz." Der "Tagesspiegel" warnte vor "Macchiato am Mahnmal".

"Leicht beschwingliche Freizeit-Atmosphäre"

Auch Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlins fürchtet um den würdevollen Charakter des Mahnmals. Sein Eindruck sei, dass dieser bewusst geschwächt werde. "Man will den Ort in eine leicht beschwingliche Freizeit-Atmosphäre hüllen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Der Pavillon sei so groß, "dass man meint, er sei das eigentliche Ziel des Besuchs."

Lea Rosh ist Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas und nennt den Pavillonbau "ein Monstrum". Ende der Achtziger war sie es, die den Bau des Mahmals anregte. Anders als Joffe ist sie nicht generell dagegen, dass die Besucher verpflegt werden. Dementsprechend habe der Förderkreis einem Bau-Entwurf zugestimmt. Aber einem viel dezenteren. Zwischen diesem und dem aktuellen Projekt liege ein "himmelweiter Unterschied", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Sie sei getäuscht worden. "Dieses überproportionale Kommerzgebäude spricht der Würde des Ortes Hohn. Das erschlägt alles. "

Am Bedarf orientiert

Das findet Marcus Hennig nicht. Hennig ist Sprecher des Bauherren, der Gründstücksgesellschaft B.Ä.R., und sagt, sein Bau entspreche exakt der "Bedarfslage" der Besucher. Das Mahnmal ziehe viele Touristen an. Laut Schätzungen bis zu 200.000 Besuchern täglich. "Da gibt es Bedürfnisse in jeder Hinsicht", erläuterte Hennig gegenüber SPIEGEL ONLINE. 

Die Kritik kann er nicht verstehen, sagt er. "Ich weiß nicht wo das Problem liegt. Jeder, der am Verfahren beteiligt war, reibt sich jetzt die Augen." Schließlich habe man den Bau freiwillig mit der Stiftung Mahnmal für die ermordeten Juden Europas abgestimmt, die das Mahnmal betreibt. Lea Roshs Förderkreis habe man nicht angesprochen. "Wir gingen davon aus, dass die Stiftung unser Ansprechpartner in jeder Hinsicht ist".

Natürlich sei der Rohbau nicht attraktiv. Das werde sich ändern. Ab Mai werde der "mit sehr viel Glas" fertig sein und "ein wirklicher Gewinn." Man habe die gesamte Fläche schon jetzt problemlos vermietet. "Vorher standen hier Dixi-Toiletten und die Baufläche war ein improvisierter Anwohner-Parkplatz. Darüber hat sich niemand aufgeregt. Auch nicht Frau Rosh."

Im Stelenfeld versunken

"Überzogen und nicht angemessen", nennt auch Stiftungs-Geschäfsführer Uwe Neumärker die Diskussion. Zwar sei auch ihm sei eine grüne Wiese an der Stelle lieber. Und auch er finde, dass man dem improvisierten Holzpavillon keine Architekturpreise gewinnen könne.

Aber dass er zu groß sei, lässt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nicht gelten. Das Mahnmal sei für die Besucher zu imposant, dass sie sich von dem Pavillon ablenken ließen. Genauso wenig wie von der Baustelle der US-Botschaft, der quietschgelben Rückseite der Akademie der Künste oder dem endlosen Berufsverkehr, der sich am Mahnmal vorbeiwälzt. "Das alles vergisst man, wenn man im Stelenfeld ist und darin versinkt".

Und vielleicht ist die aktuelle Debatte auch nur ein Vorgeschmack dessen, was in drei Jahren kommt. An der Stelle, direkt neben dem Mahnmal, wird dann ein achtgeschossiger Wohnhaus gebaut. Vielleicht mit Blick vom Wohnzimmer auf das Stelenfeld. "Auf die Diskussionen bin ich dann gespannt", sagt Neumärker.



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