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Extremismus: Deutscher Islamist ruft zu Anschlägen auf Atomwaffenlager auf

Von , Düsseldorf

Islamist Silvio K. alias Abu Azzam al-Muhajir: "Tut, was immer ihnen schadet" Zur Großansicht

Islamist Silvio K. alias Abu Azzam al-Muhajir: "Tut, was immer ihnen schadet"

Eine neue Terrorbotschaft aus Syrien alarmiert die Behörden: Ein Salafist aus Deutschland ruft im Internet dazu auf, ein Atomwaffenlager in Rheinland-Pfalz anzugreifen. Auch der US-Stützpunkt Ramstein wird als Ziel genannt.

"Vom Schläfer zum Terroristen" lautet der Titel des Pamphlets, auf dessen Frontseite offenbar das Foto eines schlummernden Gotteskriegers prangt. Das 13-seitige Papier des Dschihadisten Silvio K., über das zuerst die "Westdeutsche Allgemeinen Zeitung" berichtet hatte, wimmelt von Hasstiraden gegen den Westen, die Sicherheitsorgane und ruft unter anderem zu Anschlägen auf ein Atombombenlager in Rheinland-Pfalz und den US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein auf: "Ich rate jedem, der nach dem Leben in Jenseits strebt, zu tun, was notwendig ist, um diesen Haufen von Dreck auszuräuchern", hetzt K.

Die deutschen Behörden reagieren mit professioneller Besorgnis auf die Flugschrift. Solche Aufrufe würden "grundsätzlich ernstgenommen und fließen in die kontinuierliche Bewertung der Sicherheitslage ein", teilte das Bundeskriminalamt am Donnerstag auf Anfrage mit. Deutschland stehe weiterhin im Zielspektrum des islamistischen Terrorismus. "Gleichwohl liegen hier derzeit keine Hinweise auf konkrete Anschlagsplanungen oder einen bevorstehenden Anschlag vor", so das BKA.

Der in Sachsen geborene Silvio K. alias Abu Azzam al-Muhajir hat sich nach Erkenntnissen der Behörden in Syrien der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen. Allerdings gilt er nicht unbedingt als besonders charismatische Führungsfigur in der extremistischen Szene. Seine aktuelle Botschaft, die im Internet kursiert, scheint vor allem eine persönliche Erwiderung auf einen langen Artikel zu sein, der über ihn in der "WAZ" erschienen war. "Ich bin noch lange nicht fertig mit Deutschland", droht er. Zugleich ruft er jedoch Gesinnungsgenossen zu Gewalttaten in der Bundesrepublik auf: "Tut, was immer ihnen schadet!"

Taten kaum zu verhindern

Sogenannte Lone Offenders, also einzelne Angreifer ohne Verbindung zu einer Organisation, bereiten den Sicherheitsbehörden die größten Sorgen. Sie seien nur schwer aufzuspüren und ihre Taten kaum zu verhindern, heißt es in einer vertraulichen Analyse des BKA. Wie bei den verhinderten Bonner Attentätern, die laut Bundesanwaltschaft Provokationen der rechtsextremen Partei Pro NRW rächen wollten, gewinnt demnach die Strategie des "individuellen Dschihads" stetig an Bedeutung. Dabei spielen Rückkehrer aus Syrien zunehmend eine Rolle. Sie sind oft radikaler als zuvor, zudem militärisch ausgebildet und kampferprobt.

Hinzu kommt, dass die Zahl der Islamisten, die aus Deutschland in das Bürgerkriegsland gezogen sind, stetig steigt. "Wir wissen mittlerweile von über 400 Ausreisen", sagt der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen. Einige der Terrortouristen sind inzwischen schon wieder in der Bundesrepublik. "Unter den zurückgekehrten Dschihadisten sind auch etwa 25 Personen, die Kampferfahrung in Syrien gesammelt haben", so Maaßen. Er betont aber: "Wir haben derzeit keine Anhaltspunkte, dass diese Personen einen konkreten terroristischen Auftrag in Deutschland verfolgen."

Die Verfassungsschützer zählen die Ausreisen nach Syrien seit dem Ausbruch der Kämpfe 2011. Den Großteil der Reisebewegungen beobachten sie jedoch seit 2013. Die Zahl der Ausreisen wächst kontinuierlich: Mitte 2013 waren es noch gut 60 Personen, Ende 2013 schon viermal so viele und im Frühjahr 2014 schließlich rund 320. Ein Ende des Stroms ist nicht abzusehen.

"Abgehauen, ganz plötzlich"

Auch Philipp B., 27, aus Dinslaken zog vor etwa einem Jahr mit Gleichgesinnten in das Krisengebiet. Meldungen, wonach der ehemalige Pizzataxifahrer sich und eine Vielzahl kurdischer Kämpfer bei einem Selbstmordanschlag im Norden des Iraks getötet haben soll, ließen sich zunächst nicht bestätigen. In Sicherheitskreisen hieß es, man sei nicht sicher, ob es sich bei dem bislang unbekannten Attentäter tatsächlich um den Konvertiten aus Nordrhein-Westfalen handele. B. gehört wie Mustafa K., 24, zur sogenannten Lohberger Gruppe, benannt nach einem Stadtteil Dinslakens. Der Salafist K. hatte vor einiger Zeit für Entsetzen gesorgt, als er mit den Köpfen Enthaupteter für ein Foto posiert hatte.

Gegen den Verfasser der Drohschrift, Silvio K., wird bereits seit 2011 ermittelt, inzwischen ist die Bundesanwaltschaft zuständig. Der gebürtige Sachse lebte zunächst in Essen, später dann in Solingen, wo er sich dem 2012 verbotenen Salafistenverein Millatu Ibrahim anschloss.

Im Visier der Behörden sei er lange gewesen, schreibt K. in seiner aktuellen Botschaft, die "Staatshunde" hätten ihn gejagt, doch eines Tages sei er untergetaucht. "Abgehauen, ganz plötzlich."

Mit Material von dpa

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