Bücherverbrennung Neonazi-Eklat im Dorf der Verfassungsschützer

Nach der Verbrennung des "Tagebuchs der Anne Frank" im sachsen-anhaltischen Pretzien geraten nun auch Verfassungsschützer ins Zwielicht. In dem 900-Einwohner-Dorf wohnen nach SPIEGEL-Informationen mehrere Geheimdienst-Männer – die die Aktivitäten der rechten Szene aber nicht offiziell meldeten.


Hamburg - Nach Angaben der Gemeinde wohnt ein halbes Dutzend Verfassungsschützer in dem Dorf, einer der Männer ist sogar im Gemeinderat aktiv. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt bestätigte diese Information heute. So hat die Bücherverbrennung offenbar direkt unter den Augen des Verfassungsschutzes stattgefunden.

Am 24. Juni waren in Pretzien bei einer vom "Heimatbund Ostelbien" organisierten Sonnenwendfeier eine Ausgabe des Tagebuchs und eine US-Flagge verbrannt worden. Der Fall war den Ermittlern und der Öffentlichkeit erst einige Tage später bekannt geworden und hatte für Schlagzeilen gesorgt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs Männer wegen Volksverhetzung. Der Ministeriumssprecher kündigte für die kommende Woche einen Bericht über die bisherigen Ermittlungen an.

Den Verfassungsschützern im Ort sei die Existenz einer rechten Szene rund um den "Heimatbund Ostelbien" seit Jahren bekannt gewesen, heißt es aus Pretzien - offiziell will der Verfassungsschutz dagegen nichts von den Umtrieben gewusst haben. In dem Dorf wird nun gemutmaßt, die Geheimdienstler hätten "die Gemeinde vor einem schlechten Ruf bewahren wollen".

Ministerpräsident Böhmer (links): Öffentliches Zeichen
DPA

Ministerpräsident Böhmer (links): Öffentliches Zeichen

Ein weiterer Grund könne sein, dass der frühere Innenminister Klaus Jeziorsky (CDU) ebenfalls in Pretzien wohnt. Sachsen-Anhalts Landesvater Wolfgang Böhmer (CDU), der den Vorfall als "beschämend" bezeichnete, las Ende vergangener Woche öffentlich aus dem Tagebuch vor, um ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen.

itz/dpa



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